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Firmen für Veranstaltungstechnik gehören zu den Verlierern der Corona-Krise.

Coronakrise

Vorsichtiger Aufwärtstrend bei hessischer Wirtschaft

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Zwei Minister ziehen Zwischenbilanz der Corona-Hilfen. Nicht alle Antragsteller waren ehrlich, es gibt 740 Betrugsverdachtsfälle.

Mit rund 6,6 Milliarden Euro haben das Land Hessen und der Bund seit Anfang April hessische Unternehmen und Freiberufler in der Corona-Krise unterstützt. Es gab Zuschüsse, Darlehen, Kredite und Bürgschaften. Den dicksten Brocken in Höhe von 4 Milliarden Euro bilden steuerliche Erleichterungen, von denen im Idealfall einiges an den Staat zurückfließen wird. Die Stimmung zeige einen vorsichtigen Aufwärtstrend, sagten Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) und Finanzminister Michael Boddenberg (CDU), die am Donnerstag in Wiesbaden eine Zwischenbilanz zogen.

Laut Al-Wazir brennt es vor allem noch in der Branche, die Menschen zusammenführe – bei Messen, Veranstaltungen oder in Clubs. Ihnen fehle die Perspektive. „Das ist zum Teil ein psychologisches Problem.“ Ob es mit der Wirtschaft wieder bergauf gehe, hänge maßgeblich vom Verhalten der Bevölkerung ab. Abstandhalten und Maskentragen schütze nicht nur vor einer Infektion, sondern helfe auch der Wirtschaft, wieder auf die Füße zu kommen. „Eine zweite Pandemiewelle mit einem zweiten Lockdown wäre katastrophal.“

Für den wirtschaftspolitischen Sprecher der FDP im Landtag, Stefan Naas, hatten die beiden Minister einen „komischen Zeitpunkt“ gewählt. Angesichts der bestehenden Unsicherheiten sei „der viele Weihrauch, mehr als unangebracht“. Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD, Tobias Eckert, warf der Regierung vor, sich mehr um ihre Eigenwerbung zu kümmern, statt die notwendige Krisenpolitik zu betreiben. Die Bilanz der Landesregierung.

Verlierer Die höchsten Einbrüche verzeichnet die Autoindustrie (minus 73,3 Prozent), gefolgt vom Gastgewerbe (minus 66,6 Prozent), verarbeitenden Gewerbe (minus 26,2 Prozent) und den für Hessen besonders wichtigen Exporten (minus 21,9 Prozent).

Gewinner Profiteure der Corona-Krise sind der Einzelhandel (plus 3,4 Prozent), vor allem der Onlinehandel und die Lebensmittel-Einzelhändler.

Arbeitsmarkt Die Auswirkungen sind erst langsam zu spüren. Die Arbeitslosenquote liegt bei 5,9 Prozent, ohne Corona-Effekt wären es 4,4 Prozent. Mit 2,6 Millionen Menschen sind 0,4 Prozent weniger Hessen sozialversicherungspflichtig beschäftigt als vor einem Jahr. Von Kurzarbeit betroffen sind potenziell 874 000 Personen. Die exakten Zahlen dazu liegen noch nicht vor.

Insolvenzen Erst zum 30. September ist die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt. Für Herbst ist demnach mit weiteren Insolvenzen zu rechnen. Gleichwohl haben im Mai und April jeweils mehr als 130 Unternehmen bereits das Handtuch geworfen.

Kleinere Unternehmer, Freiberufler Bis Anfang August wurden 952 Millionen Euro bewilligt. Die 134 6000 Antragsteller kamen vor allem aus Gastronomie, Dienstleistungssektor, Handel, Tourismus und Kreativwirtschaft.

Betrug Die Zahl der Verdachtsfälle hält sich nach Ansicht Al-Wazirs im Vergleich zu anderen Bundesländern in Grenzen: 740 waren es, Stand Montag. Hier habe sich gezeigt, dass sich die im April von der FDP kritisierten bürokratischen Hürden auszahlten.

Überbrückungshilfen des Bundes In Kürze beginnt die Auszahlung. Anspruchsberechtigt sind Unternehmen und Organisationen aller Wirtschaftsbereiche, deren Umsätze im April und Mai im Vergleich zum Vorjahr um mindestens 60 Prozent zurück- gingen. 1765 Anträge wurden eingereicht mit einem durchschnittlichen Volumen von jeweils rund 22 000 Euro.

Direktkredit Das Angebot der Wi-Bank für Betriebe mit bis zu 50 Beschäftigten kommt an. 171,6 Millionen Euro wurden bewilligt, um mit durchschnittlich 30 000 Euro pro Antragsteller die Liquidität der Unternehmen aufrechtzuerhalten.

Bürgschaften und Garantien Das Land hat das Volumen von 1,5 auf 5 Milliarden angehoben. Es erhöht das Ausfallrisiko von 26 auf 31 Prozent. Die Bürgschaftshöchstbeträge sind auf 2,5 Millionen Euro verdoppelt. Es gibt Expressbürgschaften bis zu 400 000 Euro. Möglich ist eine Verbürgung bis zu 90 Prozent. Von den 226 Anträgen wurden bis zum 31. Juli 155 mit einem Gesamtvolumen von 14,4 Millionen Euro bewilligt. Außerdem gab es 20 Anträge auf Landesbürgschaften, von denen sechs bewilligt wurden.

Steuerliche Soforthilfen Damit die Unternehmen nicht in Liquiditätsengpässe geraten, können sie diverse Hilfen beantragen – etwa Stundungen oder herabgesetzte Vorauszahlungen. 223 147 Anträge gingen ein, die bewilligten Entlastungen liegen bei vier Milliarden Euro.

Wie es weitergeht Über das Sondervermögen will die Landesregierung mindestens 1,1 Milliarden Euro bereitstellen, um die Wirtschaft weiter zu unterstützen. „Mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie werden wir noch lange zu tun haben“, sagte Al-Wazir. Das Kreditprogramm Hessen-Mikroliquidität für kleine und mittlere Unternehmen wird um 150 Millionen Euro aufgestockt. Die Wi-Bank erhöht den maximalen Darlehensbetrag von derzeit 200 000 auf eine halbe Million. Es gibt ein Kriseninterventionsprogramm, bei dem das Land als stiller Beteiligter einsteigt. Die Bürgschaftsverfahren werden beschleunigt. Der Hessenfonds ermöglicht staatliche Beteiligung an größeren Unternehmen, hier muss die EU noch zustimmen.

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