Nahverkehr

Hessens Busse stehen still

Die Corona-Krise bremst die Busunternehmer in Hessen aus. Viele haben Angst vor der Zukunft.

Als Horst Lossa Mitte März die Kennzeichen von acht seiner Omnibusse abschrauben musste, habe er „geheult wie ein Schlosshund.“ Er sei mit Bussen aufgewachsen, erzählt der Oberurseler Busunternehmer, sie seien „sein Leben“. Mittlerweile sind nur noch zwei in Betrieb, die anderen acht hat er abgemeldet. Die Zukunfts-Angst, sagt Lossa, halte ihn nachts oft wach. „Es ist diese quälende Ungewissheit: Wie soll es jetzt weitergehen? Das zermürbt einen.“

Die Corona-Krise hat sich für das traditionsreiche und fast 70 Jahre alte Busunternehmen, das Lossa junior in dritter Generation führt, zu einer existenziellen Bedrohung entwickelt. Am 16. März untersagte eine Verfügung der hessischen Landesregierung allen privaten Busunternehmen den Reise- und Gelegenheitsverkehr, um die Pandemie einzudämmen. Eine Hiobsbotschaft für Unternehmer Lossa: „Damit hatte man uns die Geschäftsgrundlage entzogen.“ Und das ausgerechnet am Beginn der Hochsaison für den Bustourismus: Klassenfahrten, Tagestrips und Vereinsfahrten standen bei Lossa, der sich auf regionale Busreisen spezialisiert hat, im Auftragsbuch. Doch daraus wurde nichts.

Die Folgen waren rasch spürbar: fast 100 Prozent der Aufträge weggebrochen, die 14 Mitarbeiter in Kurzarbeit, Stornierungen. Das führte zu einer gefährlichen finanziellen Schieflage – kaum Einnahmen, aber dafür hohe Vorhaltekosten. Zwar muss derzeit keine Kfz-Steuer gezahlt und auch Versicherungsbeiträge können gestundet werden – die Fixkosten aber bleiben. So müssen Kredite weiterhin getilgt und Busse gewartet werden. „Das kostet bis zu 250 Euro pro Bus und Tag“, so Lossa. Die Corona-Soforthilfe der Landesregierung? „Nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Das beklagt auch der Landesverband Hessischer Omnibusunternehmer (LHO). Trotz Kurzarbeit, Möglichkeiten der Kreditstundung, Corona-Soforthilfe und zinsloser KfW-Kredite – die Krise treffe die Branche mit „der höchsten Wucht“, sagt LHO-Vorsitzender Karl Reinhard Wissmüller. „Viele traditionsreiche Busunternehmen wissen nicht, ob es sie und die daran hängenden Arbeitsplätze im Herbst noch gibt.“ Dabei seien die Bus-Betriebe systemrelevant, weil sie die Mobilität sicherten, gerade auf dem Land. Ohne gesonderten Rettungsschirm könnten 90 Prozent der rund 250 privaten Busunternehmen in Hessen maximal bis zum Sommer überleben, prognostiziert der Verband.

Die Unternehmen bräuchten einen Ersatz der Ausfallkosten für ihre Busse und Reisen und einen abgesenkten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent auf touristische Fahrten, fordert der LHO.

Manche Bus-Betriebe, die auch noch als Vertragsunternehmen Schüler befördern, verzeichnen dank der Schulöffnung zumindest wieder ein paar Einnahmen. Auch Lossa hat ein solches zweites Standbein, „aber ein sehr wackliges“, wie er sagt. Sein Unternehmen hat sich auf den Anmietverkehr spezialisiert, der das Gros des Geschäfts ausmacht: Tagesfahrten, Betriebsausflüge, Klassen- und Vereinsfahrten. „Dieses Geschäft liegt jetzt brach.“

Am 9. Mai keimte bei Lossa und Kollegen wieder Hoffnung: Die an diesem Tag beschlossenen Lockdown-Lockerungen galten auch für private Busunternehmer. Sie durften den Gelegenheits- und Reiseverkehr wieder aufnehmen. Doch die Hoffnung wurde auch gleich wieder im Keim erstickt, für die Busunternehmer war die Lockerung eine trügerische Hoffnung: Denn für Busreisen gab es, wie auch für die Gastronomie, zunächst strenge Hygiene-Auflagen. Fortan galt in Reisebussen: Immer dort, wo ein Fahrgast sitzt, müssen fünf Quadratmeter Fläche pro Person zur Verfügung stehen.

Für Lossa bedeuteten die anfänglichen Vorgaben der Landesverordnung etwa, dass in einem Omnibus mit 50 Sitzplätzen nur fünf Personen befördert werden dürfen. „Da können wir auch gleich geschlossen bleiben.“

Wie praxisfern diese Auflage war, hat die Landesregierung inzwischen erkannt. Seit dem 15. Mai ist die Quadratmeterbeschränkung für Reise-Busse aufgehoben. Für den Gelegenheitsverkehr gäbe es nun dieselben Vorgaben wie für den Personennahverkehr mit Linienbussen, heißt es aus dem hessischen Verkehrsministerium: Weiterhin gilt Mundschutzpflicht und ein Sicherheitsabstand von 1,5 Metern. Nun kann Lossa aber immerhin 25 Plätze in einem 50-Sitzer belegen. „Besser als nichts“, sagt er.

Der Zukunft blickt der Oberurseler Unternehmer dennoch pessimistisch entgegen. An eine Erholung in diesem Jahr glaubt er längst nicht mehr. Bis zum Jahresende liegen nur noch wenige Buchungen aus 2019 vor, und ob die tatsächlich stattfinden werden, sei unklar. Fahrten mit Schülern zu Exkursionen hat das hessische Kultusministerium bis zu den Herbstferien untersagt. Vereine haben zudem ihre Ausflüge teilweise bis Weihnachten storniert. Hinzu kommt, dass alle Messen in Frankfurt bis auf Weiteres entfallen und der Busverkehr um den Frankfurter Flughafen, ein wichtiges Geschäftsfeld für hessische Busunternehmen, nahezu stillsteht.

Momentan stützt zwar ein KfW-Kredit Lossas Betrieb. Doch wenn es nicht bald ein realistisches Ausstiegskonzept für die Beschränkungen und einen Rettungsschirm gebe, der die horrenden Vorhaltekosten übernehme, „dann geht unser Familienbetrieb den Bach runter“.

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