Außenaufnahme von der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete im Kasseler Stadtteil Niederzwehren.
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Außenaufnahme von der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete im Kasseler Stadtteil Niederzwehren. In Kassel sind die Corona-Zahlen nach einem Ausbruch in einem Flüchtlingsheim sprunghaft gestiegen.

Kassel

Corona: Unterkunft für Flüchtlinge wird zum Problem: „Katastrophe mit Ansage“

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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In Kassel steigen die Corona-Zahlen vor allem wegen der Lage in einer Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete. Hessische Verbände schlagen Alarm.

  • In Kassel kommt es zu einem Corona-Ausbruch in einer Sammelunterkunft für Geflüchtete.
  • Verbände machen seit Monaten auf die prekäre Lage in der Unterkunft aufmerksam.
  • Die Corona-Gefahr in Sammelunterkünften werde „völlig ausgeblendet“, so die Kritik.

Kassel - Ein Corona-Ausbruch in einer Einrichtung für Flüchtlinge hat Kassel über Nacht zum Risikogebiet werden lassen. Zugleich befeuerte der drastische Anstieg der Zahlen die Debatte über die zu enge Unterbringung geflüchteter Menschen in Hessen. In der Erstaufnahmeeinrichtung im Stadtteil Niederzwehren stehen seit Freitag 301 Menschen unter Quarantäne*. Mindestens 111 sind mit Covid-19 infiziert.

Corona in Kassel: Starker Anstieg der Inzidenz

Die Inzidenz, also die Corona-Fallzahl pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen, stieg auf rund 94 an. Tags zuvor hatte sie unter 40 gelegen; dieser Stand taucht noch in den Zahlen des Landes auf. Kassel reagierte, indem es die zulässige Personenzahl bei Veranstaltungen und Feiern reduzierte und Sportereignisse nur ohne Publikum zulässt.

Doch die Probleme sind nicht in diesen Bereichen entstanden, sondern in der Unterbringungssituation. Seit Monaten machen Wohlfahrtsverbände und der Hessische Flüchtlingsrat auf die Infektionsgefahr in Sammelunterkünften aufmerksam. Angesichts der Entwicklung in Kassel erneuerten sie ihre Forderungen.

Der Geschäftsführer des Flüchtlingsrats, Timmo Scherenberg, empfahl den Verantwortlichen, Jugendherbergen, Ferienwohnungen oder leerstehende Hotels zu nutzen, um die Zahl der Menschen in den Gemeinschaftsunterkünften zu verringern. Daneben solle das Land helfen, dass Betroffene schneller in Wohnungen ziehen könnten. Dem stehe die Wohnsitzauflage entgegen. Sie schreibt vor, dass geflüchtete Menschen nur innerhalb ihrer Stadt oder ihres Landkreises umziehen dürfen. Das führe insbesondere in Städten mit knappem Wohnraum zu Schwierigkeiten.

Corona-Ausbruch in Kassel: „Wir rauschen in eine Katastrophe mit Ansage“

„Wir rauschen in eine Katastrophe mit Ansage“, befand die Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Hessen, Yasmin Alinaghi. In Sammelunterkünften hätten Geflüchtete „keine Chance, sich vor Ansteckungen zu schützen“. Während die Politik Beschränkungen zu privaten Feiern und anderen Lebensbereichen erlasse, werde die Corona-Gefahr in Sammelunterkünften „völlig ausgeblendet“, bemängelte Alinaghi.

Parität-Fachreferentin Lea Rosenberg ergänzte, auch ein halbes Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie gebe es „keine einzige Verordnung, keinen Erlass, keine Leitlinie oder ausreichende Handlungsempfehlungen seitens der Landesregierung zum Infektionsschutz von Bewohner:innen in Gemeinschaftsunterkünften“.

Die Linke im Landtag teilt diese Kritik. Geflüchtete müssten „endlich dezentral und Corona-konform untergebracht werden“, forderte ihre Abgeordnete Saadet Sönmez und ließ eine rhetorische Frage folgen: „Wie soll man sich auch an die Abstandsregelungen halten, wenn man sich mit zehn Menschen ein kleines Zimmer und mit noch mehr Personen eine Dusche teilen muss?“ (Von Pit von Bebenburg) *hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Redaktionsnetzwerks

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