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Eckhard Starke ist Vize-Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen.
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Eckhard Starke ist Vize-Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen.

Gesundheit

„Massenimpfungen können nur die Hausärzte leisten“

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Der KV-Vorstand Eckhard Starke spricht im Interview über Organisationsfehler der Politik und die Gefahr der Insolvenzen von Praxen. Er mahnt, Hausärzte würden zu spät geimpft.

Herr Starke, als es mit der Impfanmeldung losging, brach die 116 117 zusammen. Eigentlich ist dies die bundesweite Telefonnummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes. War der auch nicht mehr erreichbar?

Wenn Hunderttausende in einer Stunde die Nummer abrufen, dann kommen auch die Menschen nicht durch, die den Bereitschaftsdienst brauchen. Daran hat auch die zweite hessische Nummer, die 0611 / 505 92 888, nichts geändert. Da gab es ebenfalls Anfangsprobleme. Wir haben das Land im Vorfeld davor gewarnt. Die 116 117 ist nicht dafür ausgerichtet, Millionen von Menschen einen Impftermin zu vermitteln.

Zur Person

Eckhard Starke , Facharzt für Allgemeinmedizin aus Offenbach, ist seit drei Jahren Vize-Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen.

Die KV vertritt rund 12 000 niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten in Hessen.

Ein vermeidbares Chaos?

Die Organisation war, freundlich gesagt, semiprofessionell. Man hätte diejenigen stärker berücksichtigen müssen, die praktische Erfahrungen haben. Wir hatten unsere Bedenken formuliert, leider erfolglos. Jetzt ist der Zug abgefahren, und wir müssen schauen, wie wir das über die Bühne bekommen.

Bleiben wir beim Thema Impfen: Eigentlich sollte die Aufklärung durch die Impfzentren und mobilen Impfteams erfolgen. In der Praxis wenden sich viele betagte Patient:innen dann doch an ihren Hausarzt oder ihre Hausärztin als Vertrauensperson. Was läuft da schief ?

Es kam sehr häufig vor, dass die Hausärzte von den Heimleitungen aufgefordert wurden, die Impfaufklärung zu übernehmen. Viele haben das dann auch gemacht. Aber dieses Konstrukt ist nicht möglich. Wenn ich eine ärztliche Leistung erbringe, muss ich auch die vorherige Aufklärung übernehmen. Der Hausarzt kann und muss nur feststellen, ob es eine Kontraindikation gibt, alles andere muss vonseiten der Impfenden erledigt werden. Es gibt auch keine Grundlage, auf der der Arzt das abrechnen sollte.

Wäre es nicht ohnehin besser, die Niedergelassenen in die Impfkampagne einzubinden?

Sicher. Es gibt Bundesländer, in denen es besser funktioniert. Hier in Hessen sind die vertraglichen Regeln sehr uneinheitlich. Das Land hat die Organisation an Kreise und kreisfreie Städte übergeben und die zum Teil an Dritte wie Rotes Kreuz, Johanniter oder ASB. Da macht jeder, was er will.

Welchen Folgen hat dieser Flickenteppich?

Zum Beispiel uneinheitliche Honorare. Der eine Arzt arbeitet zu anderen Bedingungen als die Kollegin 20 Kilometer weiter. Wir hatten mit dem Land ein einheitliches Honorar vereinbart, das die Kosten für die Praxis in der Zeit deckt, denn die ist dann ja geschlossen. In vielen Regionen erhalten die Kollegen aber nur den viel geringeren Tariflohn des öffentlichen Gesundheitsdienstes.

Trotzdem gibt es keinen Mangel an Ärzt:innen für Impfzentren. Warum?

Vielleicht ist ihnen das nicht klar. Vor allem wollen sie helfen. Die Regionen bekommen das Geld ja vom Land erstattet. Aber der Drittanbieter macht dann diese Verträge mit Bedingungen, die für uns nicht nachvollziehbar sind und auch nicht das darstellen, was die Ärzt:innen aus betriebswirtschaftlicher Sicht an Honorar brauchen. Das führt zu sehr großer Verunsicherung. Für die Krisenbewältigung ist das nicht gut.

Bald wird auch Impfstoff zur Verfügung stehen, der weniger anspruchsvoll bei Kühlung und Transport ist, als der von Biontech/Pfizer. Können dann auch die Hausärzte impfen?

Die könnten das. Und dann hätten wir viele Probleme weniger. Es könnte die Masse geimpft werden, was in den Impfzentren so nicht möglich ist. Jetzt kommen langsam Impfstoffe ins Land, die deutlich transportfähiger sind. Damit ist garantiert, dass die Hausärzte peu à peu die Impfung übernehmen könnten. Denken wir an die vielen, vielen Menschen in der ambulanten Pflege. Das kann nur durch die Hausärzte erfolgen.

Sind die Hausärzt:innen selbst ausreichend geschützt ?

Die Priorisierung bei der Impfung ist in den Bundesländern unterschiedlich. In Hessen stehen die Hausärzte auf Stufe 3, was völlig praxisfern ist. Wir haben eine ganze Menge Patienten, die infiziert sind, aber keine Beschwerden haben. In einer Klinik habe ich ja viel weniger Patienten am Tag und kann theoretisch bei jedem einen Schnelltest machen. Die Hausärzte können das nicht. Sie behandeln jeden Tag Covid-19-Patienten und gehören in die oberste Stufe. Sie sind einer großen Gefahr ausgesetzt, die immer größer wird, je mehr sich die Mutanten durchsetzen.

Erst kein Schutzmaterial, dann bleiben die Patient:innen aus Angst vor Ansteckung weg. Gehören die Hausärzte zu den Verlierern der Corona-Krise?

Die ambulante Versorgung hat Honorareinbußen in nicht unerheblicher Höhe erlitten. Wie hoch, können wir erst in einigen Monaten überschauen. Auch Fachärzte sind betroffen, etwa Belegärzte, die nicht mehr in den Kliniken arbeiten durften. In diesem Jahr gibt es keinen Schutzschirm von der Regierung mehr, das kritisieren wir sehr stark. Speziell die Hausärzte haben dafür gesorgt, dass die Kliniken nicht übergelaufen sind. Wir haben diese Patienten in den Praxen und zu Hause versorgt. Es ist inakzeptabel, sie nun einfach unter den Tisch fallen zu lassen.

Rechnen Sie mit Insolvenzen?

Ich rechne damit, dass es ältere Ärzte gibt, die doch nicht länger arbeiten werden, weil sie zu erschöpft sind. Und vielleicht auch Insolvenzen.

Interview: Jutta Rippegather

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