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Vielen Kindern fehlt jetzt die regelmäßige Bewegung und der tägliche Umgang mit Freunden und Freundinnen. michael schick
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Vielen Kindern fehlt jetzt die regelmäßige Bewegung und der tägliche Umgang mit Freunden und Freundinnen. michael schick

Hessen

Corona in Hessen: Lockdown macht Kinder krank

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Adipositas, Depressionen oder Spielsucht nehmen rasant zu. Und die soziale Ungleichheit wächst, sagt die Ärztin.

Zum 1. April tritt die Pflicht zu Vorsorgeuntersuchungen für Kinder wieder in Kraft. Für Barbara Mühlfeld und ihre Kolleg:innen eine gute Nachricht: „Wir haben uns dafür eingesetzt“, sagt die Sprecherin des Landesverbands der Kinder- und Jugendärzte. Die Pflicht sei zwar nur „ein Minibaustein“ zur Verbesserung des Kinderschutzes. „Aber kein unerheblicher.“ Mühlfeld betreibt mit einer Kollegin und einem Kollegen eine Praxis in Bad Homburg. Was sie dort derzeit sieht, macht ihr große Sorgen.

Etwa die Vierjährige, die nicht mehr den Kindergarten besuchen kann. Die Mutter beherrscht gut die deutsche Sprache. Zu Hause verständigt sich die Familie mit einem Gemisch aus Deutsch-Türkisch. Als Mühlfeld die Kleine vor einem Jahr untersuchte, stellte sie keine Auffälligkeiten fest. Bodymassindex, körperliche Entwicklung - alles normal. In dieser Woche sah sie das Kind wieder.

Nach dem monatelangen Lockdown, sagt sie, seien auffallende Rückschritte in der Kenntnisse der deutschen Sprache festzustellen. „Wir haben Memory gespielt und ihr fielen bestimmte Worte nicht ein, das hat sie richtig gequält.“ Die Kleine habe auch massiv an Gewicht zugelegt, sei als adipös einzustufen. Defizite in der Motorik wertet die Expertin als weiteren Hinweis auf Bewegungsmangel, dass das Kind viel zu viel vor dem Fernseher sitze. „Das hat ruckzuck pathologische gesundheitliche Folgen“, warnt Mühlfeld. Festgestellt hat sie diese Veränderungen bei der U8. „Deshalb ist Vorsorge so wichtig.“

Kindervorsogegesetz

Seit 2008 ist in Hessen die Teilnahme an den Kindervorsorgeuntersuchungen U4 bis U9 verpflichtend – das betrifft Kinder im Alter ab drei Monate bis 5 Jahre. Wird eine bestimmte Frist überschritten, erhalten die Eltern üblicherweise ein Erinnerungsschreiben. Reagieren sie nicht, informiert das Kindervorsorgezentrum an der Uniklinik Frankfurt das zuständige Jugendamt informiert. Anlass für das Kindervorsorgegesetz waren mehrere Fälle von Kinder in Deutschland, die aus Vernachlässigung gestorben waren.

Wegen der Pandemie ist es unter bestimmten Voraussetzungen möglich, die Untersuchungen U7 bis U9 (21 Monate bis 5 Jahre), und damit auch die Meldung ans Jugendamt, um maximal drei Monate zu verschieben. Gründe sind etwa die Organisation der Hygieneabläufe in den Arztpraxen,oder individuelle Herausforderungen in der Organisation des Familienlebens. Ab dem 1. April gelten wieder die regulären Meldefristen.

Die Statistik zeigt , dass im vergangenen Jahr auch unter Pandemiebedingungen die Vorgaben des Hessischen Kindergesundheitsschutzgesetzes erfüllt wurden. Die am wenigsten wahrgenommenen Untersuchungen sind demnach die U8 und U9. Dieses Bild sei in den vergangenen Jahren relativ gleich geblieben, heißt es aus dem Sozialministerium.jur

Die Vierjährige ist nur ein Beispiel dafür, wie sich die Pandemie auf die Familien auswirkt. Homeoffice, Kurzarbeit oder gar Arbeitsplatzverlust, die Enge in zu kleinen Wohnungen: „Die Gefährdung der Kinder hat deutlich zugenommen“, sagt die Ärztin. Dass es keine Zahlen gebe, die das belegten, sei logisch. „Es wird nicht hingeschaut.“ Denn Hinweise auf Misshandlungen, sagt sie, würden am ehesten von Lehrer:innen oder Erzieher:innen entdeckt. Und die bekommen ihre Schützlinge derzeit selten zu Gesicht.

Auf der anderen Seite gibt es die Kinder mit ehrgeizigen Akademikern als Großeltern, die das Homeschooling in die Hand genommen haben. „Die können eine Klasse überspringen, weil sie so viel gelernt haben.“ Die soziale Schere, befüchtet die Ärztin, gehe immer weiter auseinander. „Das ist wirklich besorgniserregend, wie sich der Graben erweitert.“ Aber auch der Nachwuchs besser situierter Familien steckt die soziale Isolation und das Fehlen von Freiheiten nicht unbedingt einfach so weg. „Ist ohnehin schon eine Disposition vorhanden, nehmen psychische Störungen und andere Auffälligkeiten zu.“ Angststörungen etwa, die schon vor Corona auf dem Vormarsch waren. Das hat sich jetzt beschleunigt. Depressionen, „eine große Traurigkeit, weil das Kind seine Freunde vermisst“. Essstörungen - von Magersucht bis Bulimie.

Für betroffene Jugendliche gibt es kaum mehr stationäre Therapieplätze. „Wir mussten kürzlich wieder ein Mädchen aus Frankfurt nach Kassel schicken.“ Ein großes Thema ist „Gamingdisorder“, die Computerspielsucht. Wer sich als Teenager draußen nicht ausprobieren kann, sucht die Abwechselung beim Zocken und kommt irgendwann davon nicht mehr los. „Die Psychiater haben alle Hände voll zu tun.“

Vor diesem Hintergrund ist es für die Ärztin überfällig, dass die Schulen und Kindertagesstätte wieder in Betrieb gehen. In lüftbaren Räumen, mit Hepa-Filtern, gezielten Testungen. Auch fordert Mühlfeld ein Konzept für die Förderung der „Abgehängten“, deren Anteil unter den Kindern sie auf 20 bis 30 Prozent schätzt. „Schon vor Corona gab es das Problem. Jetzt hat es sich noch mal verstärkt.“

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