Unterricht mit Masken an einer Schule in Dietzenbach.
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Unterricht mit Masken an einer Schule in Dietzenbach.

Bildung

Keine Möglichkeit im Unterricht durchzuatmen

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Maskenpflicht ist nach Ansicht der Bildungsgewerkschaft GEW nicht die Lösung. Es fehle eine Perspektive für Schulen und Kitas.

Sebastian Guttmann hält eine weiße Maske in die Höhe. Die Gummis für die Ohren seien gleich beim ersten Tragen abgerissen, sagt der Frankfurter Lehrer. Der Geruch übelerregend. „Man muss das Ding nach dem Auspacken erst einen Tag lüften.“ Der vom Kultusministerium zur Verfügung gestellte Mund-Nasen-Schutz „made in China“ steht symbolisch für den Qualitätsverlust, den die Bildungsgewerkschaft GEW in Schulen und Kindertagesstätten beobachtet. Und die Planlosigkeit der Politik, unter der auch die Schulleitungen leiden. GEW-Landesvorsitzende Maike Wiedwald registriert eine große Hilflosigkeit: „Es gibt keine sichere Perspektive.“ Dass das Coronavirus Schulen verschone, habe keiner erwartet. Doch dass so schnell die ersten Klassen und seit Mittwoch auch eine ganze Schule in Friedberg in Quarantäne müssten – damit habe sie nicht gerechnet.

Seit knapp zwei Wochen herrscht in Hessens Schulen und Kindertagesstätten Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen. Probleme in der Bildungspolitik gab es schon davor. Der Druck, sie zu lösen, hat sich nochmals verschärft. Beispiel Fachkräftemangel: Das Erfüllen und Achten auf die Hygieneauflagen raubt Erzieherinnen und Lehrern Zeit für die pädagogische Arbeit. Beispiel Investitionsstau in den Gebäuden: Die kleinen Räume machen das Abstandhalten unmöglich. Oft lassen sich Fenster nicht öffnen. Beispiel Digitalisierung: Bis heute gibt es kein landeseinheitliches Videokonferenzprogramm, und die Technikausstattung der Schüler befindet sich mancherorts noch in der Startphase.

Schule in Hessen

Die Gesamtzahl der Schülerinnen und Schüler in Hessen liegt laut Kultusministerium bei 760 500. Die 55 479 Lehrer unterrichten an 1795 öffentlichen Schulen.

Die Ausbildungskapazitäten werden weiter ausgebaut. Für das kommende Wintersemester sind 165 zusätzliche Studienplätze angekündigt. Sämtliche Lehrämter sind mit einem Numerus Clausus belegt. Auch das Grundschullehramt, wo der Bedarf besonders groß ist. jur

Warum, fragt die GEW, gebe es kein Konzept dafür, die Gruppen zu halbieren. Das ermögliche das Abstandhalten, schwache Schüler könnten gefördert werden. Statt diesen Mittelweg sehe das Kultusministerium nur zwei Möglichkeiten, beklagt Guttmann, Vorsitzender des GEW-Bezirksverbands Frankfurt. „Jetzt gibt es überall Maskenpflicht, der nächste Schritt ist gleich die Schließung.“

Die meisten Kollegen hätten sich auf den Präsenzunterricht gefreut. Nur wenige Vertreter der Risikogruppe nähmen jetzt andere Aufgabe wahr. Doch die vom Land spendierten Masken und Tests seien eine Enttäuschung. „Manche bekommen eine Maske, andere zehn. Sie sind aber nach zehn Minuten feucht.“

Oft dauere es eine Woche, um einen Testtermin beim Arzt zu bekommen. Die Auswertung benötige eine weitere Woche: „Das macht keinen Sinn.“ Guttmann weiß aus eigener Erfahrung, wie strapaziös das permanente Tragen des Mund-Nasen-Schutzes ist: Nach einer Stunde hat man Kopfschmerzen, dann Schwindel. Bei empfindlichen Kollegen kämen bei den Exemplaren „made in China“ noch Hautreizungen dazu. Der Frankfurter Lehrer zitiert die Berufsgenossenschaft, wonach nach spätestens 100 Minuten eine halbe Stunde Gelegenheit zum freien Atmen bestehen müsse. „Das ist in den Schulen im Moment nicht möglich.“

In den Kindertagesstätten wiederum hat sich in puncto Schutz nichts geändert. „Abstands- und Hygieneregeln sind nicht umsetzbar“, sagt Andreas Werther, Referent für Sozialpädagogik und Weiterbildung. „Das Infektionsrisiko ist hoch.“ Angehörige von Risikogruppen berichteten, dass der Arbeitgeber sie trotz Attests zum Arbeiten am Kind dränge. Die Kitas bräuchten mehr qualifiziertes Personal, eine Ausbildungsoffensive mit Vergütungen sei notwendiger denn je. Sie bereiteten den Nachwuchs schließlich auf das Leben vor, vermittelten soziale Kompetenz, dienten dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. „Systemrelevant heißt, nicht nur den Eltern den Rücken freizuhalten.“

Sechs Schulen in Hessen müssen seit Beginn des neuen Schuljahres wegen Corona wieder schließen. Gleichwohl zieht der Kultusminister eine positive Bilanz nach zwei Wochen.

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