Die Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete im Kasseler Stadtteil Niederzwehren steht unter Quarantäne.
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Die Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete im Kasseler Stadtteil Niederzwehren steht unter Quarantäne.

Kassel

Sorge vor weitern Infektionen in Sammelunterkunft

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Nach dem Corona-Ausbruch in einer Kasseler Sammelunterkunft sorgen sich Geflüchtete um ihre Gesundheit. Die Trennung von Kranken und Gesunden scheint nicht zu funktionieren.

Nach dem massiven Corona-Ausbruch in der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge im Kasseler Stadtteil Niederzwehren reißt die Kritik an den zuständigen Behörden nicht ab. Dass inzwischen mehr als 100 in der Sammelunterkunft untergebrachte Menschen mit dem Coronavirus infiziert seien, sei „das Ergebnis eines kontinuierlichen Skandals, der auf Unterlassung und Ignoranz beruht“, kritisierten die hessischen Ortsgruppen des Netzwerks „Seebrücke“.

Hessen bringe Geflüchtete zu lange in „Massenlagern“ unter, in denen Hygiene- und Abstandsregeln kaum eingehalten werden könnten, so die Seebrücke. Die Zustände dort seien belastend, während einer Pandemie jedoch „schlichtweg katastrophal und skandalös“. Das zuständige Regierungspräsidium Gießen (RP) habe es versäumt, ein stimmiges Hygienekonzept zu erarbeiten, und die Gesundheit der Geflüchteten gefährdet. Zuvor hatten bereits Ärzt:innen, die Flüchtlinge in der Einrichtung betreuen, das RP kritisiert. Die Häufung von Infektionen komme offenbar daher, dass dort zu viele Menschen auf zu engem Raum zusammenlebten.

In der vergangenen Woche war der Corona-Ausbruch in der Sammelunterkunft bekanntgeworden. Ein Drittel der rund 300 Bewohner:innen ist mittlerweile mit dem Coronavirus infiziert, die Einrichtung steht unter Quarantäne. Die meisten Infizierten zeigen laut dem RP Gießen nur milde Symptome, ein junger Mann musste aber in ein Krankenhaus gebracht werden. Am Wochenende waren 86 Menschen, die laut RP Gießen alle negativ getestet wurden, in andere Unterkünfte verlegt worden, damit in der Erstaufnahmeeinrichtung infizierte und nichtinfizierte Bewohner:innen getrennt werden können.

Diese räumliche Trennung scheint jedoch nur zum Teil zu funktionieren. Mehrere Bewohnerinnen und Bewohner der Sammelunterkunft schilderten der Frankfurter Rundschau übereinstimmend, dass viele Menschen nach wie vor große Angst hätten, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Positiv und negativ getestete Menschen seien auf demselben Stockwerk und teils im selben Zimmer untergebracht, sie teilten sich außerdem die wenigen vorhandenen Toiletten.

Ein Flüchtling, nach eigenen Angaben selbst an Covid-19 erkrankt, schilderte der FR, dass sein Vertrauen in die Leitung der Einrichtung zerstört sei. Er habe nicht den Eindruck, dass mit dem Corona-Ausbruch professionell umgegangen werde. Viele Geflüchtete seien außerdem von der großen Polizeipräsenz vor Ort eingeschüchtert und fühlten sich wie Gefangene. „Wir sind keine Terroristen, wir sind Flüchtlinge“, sagte der Mann.

Das RP Gießen bestätigte der FR auf Nachfrage, dass positiv und negativ getestete Flüchtlinge teils in einem Zimmer zusammenlebten, da Familien in Absprache mit dem Gesundheitsamt auch dann nicht getrennt würden, wenn einzelne Mitglieder infiziert seien. Ansonsten würden infizierte und nichtinfizierte Geflüchtete in unterschiedlichen Stockwerken untergebracht. Die Lage in der Erstaufnahmeeinrichtung habe sich entspannt, man führe viele Gespräche und verteile mehrsprachige Infoflyer. Die in Niederzwehren verbliebenen Flüchtlinge fühlten sich „überwiegend wohl“, so das RP.

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