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Heike Winter arbeitet als Psychotherapeutin in Offenbach.

Interview

Corona: „Angst und Furcht, Wut oder Ärger sind normal“

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Nach dem Suizid des Ministers Schäfer. Psychotherapeutin Heike Winter über Suizidprävention und den Druck in der Spitzenpolitik.

Frau Winter, Medien berichten normalerweise zurückhaltend über Suizide. Bei Prominenten geht das nicht. Was ist die Gefahr?

Dass es, auch durch gedankenlos-detailreiche Berichte, in den nächsten Tagen und Wochen Folgesuizide gibt. Alle sollten bitte dazu beitragen, diese Risiken zu minimieren. Wissenschaftliche Untersuchungen zu den Medieneffekten belegen, dass es einen Zusammenhang zwischen den Suiziden prominenter Persönlichkeiten und der Suizidrate in der Bevölkerung gibt.

Wie lässt sich das verhindern?

Bei aller Trauer und Betroffenheit ist darauf zu achten, dass prominente Verstorbene nach einem so tragischen Ereignis nicht zu sehr idealisiert werden. Natürlich möchten alle die Lebensleistung und Persönlichkeit würdigen. Aber nicht nur mit Blick auf Suizidprävention kann es in solchen Fällen enorm hilfreich sein, auch die ohnmächtige Wut zum Ausdruck zu bringen, die Hinterbliebene spüren, weil ihnen keine Chance zum Helfen gegeben wurde.

Was bedeutet das, wenn ein Mensch sich „erdrückt“ fühlt von Verantwortung?

Dieses Gefühl der hohen Verantwortung kann, gerade in Sondersituationen, sehr bedrückend sein. Aber posthume Ferndiagnosen verbieten sich genauso wie das Veröffentlichen von Abschiedsbriefen oder Passagen daraus. Politik und Medien müssen konsequent vermeiden, den Suizid als irgendwie erklärbar oder nachvollziehbar darzustellen.

Warum ist Suizidalität nicht erklärbar?

Das ist ein hochkomplexes Phänomen, für das es keine einfachen, monokausalen Erklärungen gibt. Oft kommt eine ganze Reihe unterschiedlicher Faktoren zusammen, wenn ein Mensch sich das Leben nimmt, ohne Hilfe zu holen. Obwohl doch klar ist: Irgendwann tauchen solche Gedanken, nicht mehr weiterzuwissen, fast in jedem Leben auf. Viele Menschen kennen das: Meist findet sich eine Lösung – die Gedanken verschwinden dann wieder. Wer kurzzeitig einen zu starken Druck verspürt, kann sich professionelle Hilfe holen. Dafür gibt es die Telefonseelsorge und zum Beispiel viele Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die selbst in Zeiten der Corona-Krise die Versorgung von Menschen in seelischen Krisen sicherstellen. Auch durch Videobehandlung und Telefongespräche.

Welche Rolle spielt Schlaflosigkeit?

Zur Person

Heike Winterarbeitet als Psychotherapeutin in Offenbach. Die Doktorin ist wissenschaftliche Geschäftsführerin des Ausbildungsprogramms Psychologische Psychotherapie der Goethe-Uni Frankfurt und Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen. 

Schlaflosigkeit kann einer der vielen Faktoren sein, die zu solchen Extremsituationen beitragen. Der Zusammenhang von länger anhaltendem Schlafmangel und depressiven Symptomen ist sehr gut belegt. Dabei kann es zu einem körperlichen Gefühl von Kraft- und Antriebslosigkeit kommen und infolgedessen zu dem Eindruck, man sei den Anforderungen, die an einen gestellt werden, nicht gewachsen. Besonders schwierig wird es, wenn sich dazu das Gefühl gesellt, es werde auch in Zukunft nie wieder besser werden mit der eigene Leistungs- und Belastungsfähigkeit. Deshalb ist es ratsam, auf eine angemessene Schlafhygiene zu achten und gute Schlafbedingungen zu schaffen.

Haben Sie Tipps für Schlafhygiene?

Dazu gehören regelmäßige Schlafenszeiten, Handy-/Bildschirm-Nutzungsstopp mindestens eine Stunde vorm Schlafengehen, dunkles Zimmer und tagsüber auf genügend Bewegung zu achten. Alle Techniken zur Stressreduktion helfen ebenfalls dabei, bereits tagsüber immer wieder runterzukommen und nicht abends unter Hochspannung ins Bett zu gehen.

Wie wirken sich fehlende oder verminderte Sozialkontakte aus?

Sie sind weitere wichtige Faktoren, wenn sich ein Gefühl von Hoffnungs- und Ausweglosigkeit breitmacht. Wir brauchen andere Menschen, mit denen wir unseren Kummer teilen können und die uns vermitteln, dass sie uns verstehen, und zugleich Mut machen, dass wir Krisen gemeinsam überwinden können. Dazu ist es nötig, dass wir jemanden an unserer Not teilhaben lassen. Nicht über Sorgen sprechen zu können vertieft das Gefühl der Einsamkeit, des Nichtverstandenseins und stimmt zusätzlich traurig.

Kann Kontrollverlust, die Unsicherheit einen Menschen in den Suizid treiben?

Das Gefühl, nicht mehr die volle Kontrolle über eine komplexe Lage zu haben, kann auch einer der Faktoren sein. Aber es kommen in dieser Situation meist viele andere Faktoren dazu. Mit Blick auf die Covid-19-Pandemie fühlen sich viele Menschen verunsichert. Starke Emotionen wie Angst und Furcht, Desorientierung, Traurigkeit, aber auch Wut oder Ärger sind eine grundsätzliche normale Reaktion auf ein außergewöhnliches Ereignis. Tatsächlich besitzen wir ja gar nicht die Kontrolle über unser Schicksal – auch nicht in Nicht-Corona-Zeiten. Kontrollverlust wird dann als problematisch erlebt, wenn wir zugleich den Anspruch haben, wir müssten die Kontrolle behalten: im Glauben, dass wir nur dadurch unser Leben schützen oder unser Ansehen wahren könnten. Deshalb hilft es, sich stärker mit der eigenen Bedeutung und ihren Grenzen zu befassen. Und sich klarzumachen, dass man nicht für alles selbst verantwortlich ist. Auch eine gute Portion Zuversicht, dass es schon irgendwie weitergehen wird, hilft.

Was sagt das aktuelle Ereignis aus über Druck in der Politik?

Es ist unbestritten, dass der Druck auf die Spitzenpolitik ungeheuer groß ist. Die Arbeitsbelastung ist immens, für viele bedeutet die Arbeit eine Trennung von der Familie, die Opposition schläft auch nicht. Hinzu kommt die dauernde Präsenz in den Medien, die jeden Fehler sofort öffentlich machen könnten. Das macht diese Arbeit nicht einfach. Die Fehlertoleranz gegenüber Politikern, aber auch vielen anderen Verantwortungsträgern ist nicht besonders ausgeprägt. Manchmal hat man den Eindruck, die Öffentlichkeit warte geradezu auf das Stolpern und Scheitern. Ab und zu ein kleines Wort, eine Mail, ein Tweet der Anerkennung und des Dankes hilft jedem Menschen. Und natürlich auch jenen, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen und nicht immer einfache Aufgaben bewältigen müssen.

Interview: Jutta Rippegather

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