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Ein Biber.

Tiere

Comeback des Bibers in Hessen

Nach der Rückkehr des Bibers in Hessen nimmt der Bestand immer weiter zu. Naturschützer sind hocherfreut, andere weniger.

Einst weitgehend ausgerottet, nun wieder heimisch und schwer auf dem Vormarsch: Biber breiten sich in Hessen zunehmend aus. Aus den Ende der 1980er Jahre im hessischen Spessart wiederangesiedelten 18 Tieren sind inzwischen allein in Hessen rund 700 Tiere geworden, wie der Naturschutzbund (Nabu) Hessen und das hessische Umweltministerium in Wiesbaden mitteilten.

"Die Rückkehr der Biber ist eine echte Erfolgsgeschichte", beurteilte Nabu-Fachmann Mark Harthun in Wetzlar. Mittlerweile gebe es mehr als 210 kartierte Biberreviere im Bundesland, wie Ministerium und Nabu erklärten. Die Zahl der Reviere nahm zuletzt von einem auf das andere Jahr um 20 Prozent zu. Die meisten neuen Reviere entstanden im Odenwaldkreis. Erstmals wurde ein Revier im Rheingau-Taunus-Kreis festgestellt.

In den vergangenen Jahren sei es zu einer starken Ausbreitung beinahe überall im Land gekommen, berichtete das Ministerium. Deutschlands größte Nagetiere vermehren sich rasch. Pro Jahr kamen zuletzt mehr als 100 Exemplare in Hessen hinzu. Das geht aus einer Statistik des Regierungspräsidiums Darmstadt hervor.

Die Population wächst aus eigener Kraft. Schutzmaßnahmen seien nicht mehr erforderlich, berichtete das Ministerium. Mangels natürlicher Feinde können rund 75 Prozent aller Todesfälle dem Straßenverkehr zugeordnet werden. Die Geburtenrate übersteige die Verluste deutlich.

Vor kurzem meldete etwa der Vogelsbergkreis, dass Biber vermehrt im Landkreis angesiedelt hätten. 15 Reviere seien mittlerweile gezählt worden, berichtete die Behörde in Lauterbach. Die Fachleute gehen davon aus, die weitere Besiedlung schnell vonstatten gehen werde. Auch der Nabu bestätigt: "Der Biber dringt inzwischen auch in die Mittelgebirgsregionen Hessens vor, so auch im Vogelsberg."

Der Biber findet die besten Lebensbedingungen an großen Flüssen wie etwa der Fulda. Dort ist die Wassertiefe so hoch ist, dass er keine Dämme bauen muss. Und an den Ufern findet er auch Weiden, die er aufgrund ihres Weichholzes bevorzugt. Daher erfolgte die Ausbreitung zuletzt vor allem entlang der Fulda bis hoch nach Kassel. Inzwischen ist die hessische Biberpopulation aber so groß, dass immer mehr Tiere auch kleinere Bäche aufsuchen. Im hessischen Spessart wandern sie auch gern nach Unterfranken in Bayern aus, wie der Nabu erläuterte.

Wo der Biber am Werk ist, ist unübersehbar: Mit seinen meißelartigen Zähnen nagt er die Baumstämme mit einem charakteristischen sanduhrförmigen Doppelkegelschnitt so weit durch, dass sie umstürzen. Von den regen Bautätigkeiten des tierischen Landschaftsarchitekten sind aber nicht alle begeistert: Wenn der Biber Bäume fällt, fallen diese oft auf bewirtschaftete Flächen - was für Ärger sogt. Bei Ackerbau bis zur Gewässerkante kann es zu Fraßschäden, etwa in Maisfelder kommen, wie Harthun erklärte.

Und durch seinen Dammbau setzt der Biber Flächen unter Wasser oder sorgt für eine Versumpfung. Wenn landwirtschaftliche Wege unmittelbar am Gewässerrand entlangführen, können schwere Traktoren einbrechen und beschädigt werden. In Hessen seien die Konflikte wegen Biber-Schäden aber eher gering, bewertete Harthun. Es gebe zudem einen Fonds in Höhe von etwa 80 000 Euro pro Jahr. Mit dem Geld wird zum Beispiel über den Einbau von Drainagerohren in Biberdämmen versucht, die Auswirkungen der Tiere gebietsweise zu verringern.

Wer sich über Schäden der streng geschützten Tiere ärgert, sollte nicht zur Selbstjustiz greifen. Das Zerstören ihrer Burgen könnte mit einer Geldstrafe von bis zu 50 000 Euro belegt werden, warnt Harthun. Der Naturschützer schlägt zur Eindämmung von Konflikten vor: "Wenn rechtzeitig, möglichst vor Ankunft der Biber, Uferflächen aufgekauft oder eingetauscht werden und als "Gewässerentwicklungsstreifen" aus der Nutzung genommen werden, wären künftig deutlich weniger private Landnutzer betroffen."

Die bis zu 1,40 Meter langen und 30 Kilogramm schweren Tiere leben in langsam fließenden und stehenden Gewässern mit Gehölzen nahe dem Ufer. Wie kein anderes Tier gestaltet der Biber die Landschaft nach seinen Ansprüchen: er fällt Bäume, baut Burgen und Dämme und staut Bäche auf. Dadurch kreiert er nicht nur sich, sondern auch vielen Pflanzen und Tieren einen passenden Lebensraum.

Von der Lebensraumvielfalt profitieren etwa Amphibien, Entenarten, Libellen, höhlenbrütende Vogelarten, Schwarzstörche und Fische. "Die Biber übernehmen für uns kostenlos die Auenrenaturierung, die sonst ingenieurtechnisch schon auf wenigen Metern Tausende von Euro kostet", betonte Harthun.

Angefangen hat die Erfolgsgeschichte der Biber in Hessen mit einem Ost-Import. Kurz vor der Wende wurden 18 Elbe-Biber aus der damaligen DDR in den Main-Kinzig-Kreis gebracht und dort ausgewildert. In einer Holzkiste wurden die erste Tiere 1987 in ein versteckt gelegenes Waldgebiet nach Sinntal transportiert und in die Freiheit entlassen.

Bis vor etwa 150 Jahren waren Biber in Hessen heimisch, verschwanden dann aber ganz, weil man ihnen aus vielerlei Gründen zu Leibe rückte. Ihr Fell war hochbegehrt - mit bis zu 23 000 Haaren auf einen Quadratzentimeter ist es besonders dicht, schützt vor Wasser und Kälte. Mit einer besonderen Drüse produzieren die Tiere ein Sekret, das im Volksmund "Bibergeil" heißt und als Heilmittel gegen etliche Leiden helfen soll. Es soll sogar die Potenz fördern. Mönche konnten sich früher mit ihrem fetten Fleisch über die Fastenzeit hinwegmogeln, weil Castor fiber zu Fischen zugehörig erklärt wurde.

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