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Sound und Look von damals (Bild) kommen heute noch durch: Jim und William Reid von The Jesus And Mary Chain spielen im April in Darmstadt.

Konzerte in Frankfurt/Rhein-Main

Experimentell bis weltschmerzvoll

Ob Rock’n’Roll, Folk oder Elektropop: Das kommende Jahr hat musikalisch viel zu bieten – von Altbekanntem über Wiederentdecktes bis zu Newcomern.

Von Ulrike Rechel

Eine Empfehlung, wie man ein ambivalentes Jahr versöhnlich zum Abschluss bringen kann, ist ein optimistischer Blick nach vorn. Das fällt leichter, wenn es um Konzerttermine geht. Der Januar fängt in Frankfurt jedenfalls prima an – zumindest für alle, die sich frühzeitig Karten besorgt haben für Justin Vernon alias Bon Iver. Der Folk-Experimentalist mit der zarten Stimme hat sein neues Album „22, A Million“ im Gepäck, das in vielen Jahresendlisten weit oben landete. Konsequent experimentell ist das von Elektronik und behandelten Sounds geprägte Album wundersam zugänglich.
Kontinuierlich wandelbar zeigen sich auch die Folk-Lakoniker Lambchop. Deren Kopf Kurt Wagner hat sich mit dem jüngsten Album „Flotus“ ebenfalls auf Neuland bewegt und Elektronik mit der Grundpalette um Country- und Soulklänge verkuppelt. Vor allem sein markanter Bariton wird zum formbaren Spielmaterial, was im Live-Kontext interessant werden dürfte.

Eine der talentiertesten neuen Bands der letzten Zeit kommt mit The 1975 in die Region. Die Band ist in sofern sehr britisch, weil sie mit Matthew Healy über einen Frontmann wie aus dem Bilderbuch verfügt: mit androgyner Aura, ungesundem Rock’n’Roll-Lebensstil und einem natürlichen Hang zum Rampenlicht à la Peter Doherty oder Brian Molko. Seine Band liefert einen intelligenten Rückgriff auf die Studiopop-Produktionen der Achtziger nach Art von Peter Gabriel oder Human League. Das verknüpfen The 1975 auf beiläufige Weise mit grandiosen Melodien.

Seit ihrem Debütalbum von 2009 von stetem Hype begleitet sind The XX, die Ende Februar die Jahrhunderthalle mit edlem Weltschmerz erfüllen werden. Dabei geben erste Vorboten des neuen dritten Albums einen Hinweis darauf, dass das Trio um Romy Madley Croft und Oliver Sim sich deutlich in Richtung Tanzfläche bewegt. Das dürfte The XX’s Eroberung des Mainstreams weiter beschleunigen. Den Aufstieg nach ganz oben vorgemacht haben ihnen Bands wie Coldplay, die im Sommer unter freiem Himmel in der Commerzbank Arena gastieren. Das immer noch aktuelle Album „A Head Full of Dreams“ von 2105 wirkt mit seiner Mischung aus schlichten Pianoballaden und ausladenden, mit Dance-Elemten aufgepeppten Hymnen denn auch wie maßgeschneidert für die größten Spielstätten.

Zehn Tage zuvor gibt es am selben Ort ein Wiedersehen mit Depeche Mode, doch Tickets für die Kultband sind bereits Mangelware. Besser, man findet sein Konzertglück eine Nummer kleiner, in der Brotfabrik etwa, wo im April Christiane Rösinger gastiert. Die Wahl-Kreuzbergerin ist so etwas wie die weibliche Antwort auf die erwachsene Poesie eines Sven Regeners: Kein Album, das nicht mehrere tiefe Weisheiten zu allen Fragen der Existenz enthielte. Das wird auch auf Rösingers neues Album mit dem trügerischen Titel „Lieder ohne Leiden“ zutreffen.

Formvoll leiden lässt sich im selben Monat sicherlich bei den reformierten The Jesus And Mary Chain. Deren von Feedback verzerrter Psychedelic-Pop hat sich trotz der vorläufigen Trennung Ende der Neunziger mühelos aktuell gehalten. Nun steht die einflussreiche Truppe um die Brüder William und Jim Reid kurz vor der Veröffentlichung ihres siebten Albums. Auf der Tour dürften aber alte Glanztaten den Vorrang haben.

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