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Stephanie Mohr will dem Publikum die Angst vor schweren Themen nehmen.

Schauspiel Frankfurt

Vom Überleben nach Auschwitz

Das Schauspiel Frankfurt bereitet eine ungewöhnliche Premiere vor: die Theaterfassung des Romans „Liquidation“ von Imre Kertész, dem ungarischen Nobelpreisträger für Literatur.

Von Wilhelm Roth

Das Leben nach dem Überleben, so könne man Roman und Stück „Liquidation“ am besten charakterisieren, schreibt das Schauspiel Frankfurt in seiner Ankündigung dieser Premiere. Hauptfigur des Romans und der Bühnenversion ist der Schriftsteller B., der 1944 in Auschwitz geboren wurde, das Vernichtungslager überlebte, dann als junger Mann auch die Schikanen des Stalinismus in Ungarn. Was er nicht ertragen hat, war die politische Wende 1990; er beging Suizid.

Vor allem aber gilt der Satz vom Leben nach dem Überleben für den Autor selbst, für Kertész. In der Figur des Schriftstellers B., sagt die Regisseurin Stephanie Mohr, stecke sehr viel von Kertész, aber auch vom österreichischen Schriftsteller Jean Amery, der gefoltert wurde und durch mehrere KZs gejagt. 1978 brachte er sich um.

Kertész wurde 1929 geboren und kam 1944 nach Auschwitz. In seinem „Roman eines Schicksallosen“ hat er aus der Perspektive des 15-Jährigen geschildert, wie sich der Jugendliche im Lager eingerichtet und durchgeschlagen hat. Auf politische Bekenntnisse verzichtete er dabei. Auch die drei folgenden Romane, die sich mit dem ersten zur „Tetralogie der Schicksallosigkeit“ zusammenfügen, folgen diesem Prinzip, „Fiasko“, „Kaddisch für ein nichtgeborenes Kind“ und „Liquidation“.

Entstanden ist eine außerordentliche Literatur, wie sie zu diesem Thema wohl einmalig ist. 2002 erhielt Kertész den Nobelpreis für Literatur, den er eine Glückskatastrophe nannte. Das Geld brachte ihm Wohlstand, er konnte viele Jahre in Berlin leben, aber er wurde zur moralisch-literarischen Instanz, was er nie werden wollte, er sah sich eher als „Holocaust-Clown“. In einem Interview mit der „Zeit“ sagte er: „Ich wollte nie ein großer Schriftsteller werden, ich wollte immer nur verstehen, warum die Menschen so sind.“ Am 9. November wird Kertész 85 Jahre alt.

Die Regisseurin und der Dramaturg Michael Billenkamp haben aus dem Roman „Liquidation“ das Theaterstück herauspräpariert; in der endgültigen Fassung treten nur drei Personen auf: B., sein Freund und Lektor Keserü, dem B.ein Theaterstück hinterlassen hat, und die frühere Frau von B. Es spielen Wolfgang Michael, Till Weinheimer und Sabine Waibel. Stephanie Mohr nennt die Theaterfassung sehr abwechslungsreich, es gebe ganz unterschiedliche Textformen, auch Fragmente aus Tagebüchern oder Kurzgeschichten. Auschwitz selbst komme im Stück nicht vor, nur Erzählungen darüber.

Klare Sicht auf Wirklichkeit

Mohr will dem Publikum die mögliche Angst vor einem so ernsten, schwergewichtigen Thema nehmen: „Kertész hat auch Humor, er hat eine sehr klare Sicht auf die Wirklichkeit, will sie in Frage stellen. Aber die Wirklichkeit stellt sich ständig auf den Kopf.“

Stephanie Mohr, die zum ersten Mal in Frankfurt inszeniert, ist 1972 in Genua geboren, aber in Paris und Wien aufgewachsen. Heute lebt sie in Wien. Sie kam sehr früh zum Theater, hat Regiehospitanzen gemacht, war mehrere Jahre Assistentin des damaligen Burgtheater-Intendanten Claus Peymann. Zuletzt hat sie sich durch Inszenierungen moderner Österreicher im Theater in der Josefstadt profiliert und zweimal den „Nestroy“ gewonnen, den höchsten österreichischen Theaterpreis.

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