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Einen Drink genehmigen sich die Gäste im Logenhaus gern.

Im Salon

Prächtig parlieren

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Eleganz und Esprit prägten einst die Salonkultur. Unsere Autorin begibt sich auf die Spurensuche nach Zirkeln, die diese Idee in die Gegenwart retten wollen. Dabei trifft sie Auslandkorrespondentinnen, Sinologen und Autoren und sucht den gepflegten Austausch mit diesen Unbekannten.

Eleganz und Esprit prägten einst die Salonkultur. Unsere Autorin begibt sich auf die Spurensuche nach Zirkeln, die diese Idee in die Gegenwart retten wollen. Dabei trifft sie Auslandkorrespondentinnen, Sinologen und Autoren und sucht den gepflegten Austausch mit diesen Unbekannten.

Prächtige Bogenfenster schmücken die Front des Häuschens im Frankfurter Nordend und geben großzügig Einblick in dessen Innenleben. Die neuen Räume der „Denkbar“, die es bis 2004 in der Schillerstraße gab, wirken intim und stilvoll zugleich. Im November hat die „Denkbar“ in den Räumen des Werbekünstlers Wilhelm Zimmermann wiedereröffnet.

Ich drücke die Glastür auf. Der kleine Saal dampft. Strahlende Gesichter glühen. Es ist eng, die Stühle sind rar, die Stufen bis zum Hochparterre belegt. Ich sitze in direkter Fußfühlung zur heutigen Moderatorin und Tochter des Hauses, Diana Zimmermann, der ZDF-Auslandskorrespondentin. Bekannt, intelligent und mondän passt sie perfekt ins Bild einer Salonière. Sie wippt in ihren spitzen Pumps elegant um den Flügel herum und begrüßt Sinologe und Suhrkamp-Autor Tilman Spengler. Der gibt sich, in Weste, Sakko und feines Tuch gekleidet, als Mann von Welt. Thema soll China sein. Spengler ist virtuos, denke ich, doch den Faden verliere ich trotzdem und ergehe mich bald in der Betrachtung der schmucken Deckenfenster.

Freiräume des Denkens

„Ein Salon darf nicht langweilig sein!“, höre ich Spengler sagen. Genau! Meine Tischnachbarin nippt an ihrem Wein, bekennt: „Spengler hätte ich noch Stunden zuhören können.“ Ich bin indes froh, dass der erste Teil des Abends beendet ist und ich im Gespräch mit anderen Gästen nicht allein mit meinem Urteil bleibe.

Wohltemperierter Austausch mit Unbekannten ist wesentlich für Salonkultur. Kulturhistorisch jedenfalls lässt sich nachlesen, wie sehr vor allem die Konversation im Salon kultiviert wurde. Die vornehmlich von Frauen gepflegte und kosmopolitisch orientierte Geselligkeit wanderte einst, in wandelnder epochaler Ausprägung, über die Musenhöfe der italienischen Renaissance ins aufklärerische Paris und war im 18. und 19. Jahrhundert nahezu in ganz Europa verbreitet. Namen wie Madame de Staël, Madame Récamier in Paris und Henriette Herz oder Rahel Varnhagen in Berlin stehen für berühmte Salons.

In Frankfurt wird Emma Metzler als Salonière erwähnt sowie Clara Schumann und Marie d’Agoult, die der Bankiersfamilie Bethmann entstammte. Die Frauen sollen nicht nur über wirtschaftlichen Wohlstand, sondern auch über erheblichen „Esprit“ verfügt haben. Geistesgrößen aller Schichten und Stände gingen in ihren Privatwohnungen ein und aus. Die Gäste schätzten die Salons als Freiräume des Denkens und des sich Begegnens. Austausch und intellektuelle Auseinandersetzung spielten in ihnen eine wichtige Rolle, aber auch politische Einflussnahme sowie Erotik, Exotik und Sinnlichkeit.

Platz für Zukunftsentwürfe

Heutzutage ist der Salon als Gesamtpaket so nicht mehr zu haben. Immer fehlt etwas – der stilvolle Raum, die schillernden Leute, der anregende Austausch, der pikante Tabubruch. Christian Hellweg und Tamar Schubert, das Organisationsteam der „Denkbar“, kommen der Idee der Salonkultur allerdings ziemlich nahe, wenn sie einerseits kleine Runden mit großen Themen und konstruktiver Gesellschaftskritik konfrontieren und andererseits das musisch-literarische Setting bereitstellen. Über die „Denkbar“ sollen Zukunftsentwürfe überprüft und gegebenenfalls umgesetzt werden – Entwürfe etwa, die um Schnittstellen wie „Geld“ oder „Bewusstsein“ kreisen: „Wir sehen uns als eine Widerstandszelle gegen die Zerbröselung der Gesellschaft“, sagt Hellweg und visioniert ein gedankliches Experimentierlabor, in dem Geist, Leben und Natur neu zusammengedacht werden.

Getrenntes zusammenzudenken findet als Konzept auch über die Denkbar hinaus schon lange viel positive Resonanz. Darum erfreuen sich seit etwa zehn Jahren Veranstaltungen wie Erzählcafés in Privatwohnungen, Poetry-Slam-Wettbewerbe, spontane Flash-Mobs, halböffentliche Zirkel und thematische Stammtische wachsender Beliebtheit. Sie sind keine Salons nach historischem Vorbild. Doch punkten sie wie ihre Vorgänger mit originellen, überraschenden und aufrührenden Verbindungsspielen von Orten, Menschen und Themen und haben damit das Potenzial, den „Esprit“ der Salonkultur in die Gegenwart hinüber zu retten.

Auch an meinem Denkbar-Abend rücken die Gäste zusammen. Die Schwelle zur Kontaktaufnahme sinkt und ich lerne noch viele Leute kennen.

Denkbar Frankfurt,Spohrstr. 46a, Frankfurt

www.denkbar-frankfurt.de

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