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Christen oder Juden, es war eine Frage von Leben oder Tod

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Von: Thomas Stillbauer

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Denkmal für Pädagoge Ernst Majer-Leonhard.
Denkmal für Pädagoge Ernst Majer-Leonhard. © Angelika Rieber

Eine Ausstellung in Königstein beleuchtet die Schicksale von Menschen im Nazi-Terror, die ihre Konfession wechselten oder Partner mit anderer Religion hatten.

Christen jüdischer Herkunft: Ihre Geschichten sind oft nicht nur mit einem Ort verknüpft, auch wenn sie hier, in dieser Ausstellung, am Beispiel Königstein erzählt werden. Da ist etwa die Familie Majer-Leonhard.

Ernst Majer-Leonhard wird 1889 in Frankfurt geboren. Er geht aufs Lessing-Gymnasium, studiert bald Latein, Griechisch und Religion, macht sein Referendariat an der Musterschule und wechselt später zurück ans Lessing, dessen Schulleiter er 1926 im Alter von nur 36 Jahren wird. Majer-Leonhard engagiert sich in der Reformpädagogik, tritt im Rundfunk auf und hält Vorträge.

Das Leid der Familien

1914 heiratet er Emma Koch, Tochter einer jüdischen Familie. Bei ihrer Heirat wird angegeben, dass sie evangelischer Religion ist. Das genügt den Nationalsozialisten nicht. 1933 wird Ernst Majer-Leonhard wegen seiner jüdischen Frau als Direktor degradiert und nach Höchst versetzt, wo er bis zu seiner Zwangspensionierung 1937 als Studienrat arbeitet. Die Familie leidet unter der Situation und den Repressalien, besonders Emma Majer-Leonhard; sie setzt im November 1937 ihrem Leben ein Ende. Das ist es, was die Nazis mit ihrer Jagd auf die von ihnen so betitelten „Mischehen“ bewirken.

Ernst Majer-Leonhard arbeitet als Lehrer weiter, wird nach dem Krieg Leiter der Oberschule in Königstein und erhält für seine Verdienste beim Aufbau des Gymnasiums 1959 das Bundesverdienstkreuz. Er ist wie Emma und die Tochter Anneliese im Familiengrab auf dem Hauptfriedhof beigesetzt. Seine Schüler setzen ihm ein Denkmal in Königstein.

Das ist nur eine von vielen Geschichten, die es im Hochtaunus, in Frankfurt und anderswo rund um Menschen gibt, die als Juden geboren wurden und als Christen lebten. Die Ausstellungsmacherinnen stießen oft per Zufall darauf. „Ich hab da noch einen Klassenkameraden …“ hörte etwa die Oberurseler Historikerin Angelika Rieber, als sie sich mit den Schicksalen jüdischer Mitbürger:innen beschäftigte.

DIE AUSSTELLUNG

„Christen jüdischer Herkunft in Königstein“ wird im kleinsten Rahmen am Dienstag, 1. Februar, eröffnet und dauert bis zum 8. März in der Stadtbibliothek Königstein, Wiesbadener Straße 6. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag
12 bis 18, Samstag 10 bis 13 Uhr.

Dokumentiert wird beispielhaft die Geschichte der Evangelischen Kirchengemeinde und der Familien Cahn, Euler, Gemmer, Klemm, Majer-Leonhard, Mayer, Neisser, Kohnstamm und Woelcke – erforscht von Petra Geis, Hedwig Groß, Beate Großmann-Hofmann, Alexandra König, Bettina Kratz- Ritter, Angelika Rieber und Katharina Stoodt-Neuschäfer.

Beteiligt sind die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) Hochtaunus, das evangelische Dekanat Kronberg, die evangelische Immanuel-Gemeinde, die Stadt Königstein und die Stolperstein-Initiative Königstein.

Führungen sind, falls es die Pandemie zulässt, geplant am 22., 24., 25. Februar und am 3. März. Anmeldung und Info: Telefon 06174/202-263 oder per Mail an alexandra.koenig@koenigstein.de

Das Begleitbuch mit allen Ausstellungstafeln aus Bad Homburg, Königstein und Oberursel ist während der Ausstellung in der Stadtbibliothek erhältlich, außerdem über die evangelischen Dekanate Hochtaunuskreis und Kronberg sowie über die GCJZ Hochtaunus.

Es gebe einen hohen Anteil christlich-jüdischer Ehen im Taunus, kann sie heute sagen. „Die meisten Christen jüdischer Herkunft wurden schon als Kinder getauft.“ Als sie begann, systematisch zu suchen, stieß sie auf immer mehr Beispiele in den Archiven. Etwa auf Max Neisser, 1869 in eine jüdische Familie geboren, 1889 evangelisch getauft. Seine wissenschaftliche Karriere führt ihn ans Paul-Ehrlich-Institut in Frankfurt. 1909 wird er Direktor des Hygienischen Instituts. Als die Nazis 1933 die ersten antisemitischen Gesetze erlassen, reicht Neisser sein Emeritierungsgesuch ein: „Ich bin der Rasse nach Volljude, dem Bekenntnis nach protestantisch. Aber ich bin in erster Linie Deutscher.“ Neisser zieht sich nach Falkenstein zurück und stirbt 1938, in dem Jahr, als Hitlers Helfer in der Nacht zum 10. November das Hab und Gut der Familie zertrümmern. Neissers Frau Emma, die Tochter des jüdischen Philanthropen Charles Hallgarten, emigriert in die USA, wo sie ein Jahr später stirbt.

Das „Recht“ im deutschen Unrechtsstaat: Menschen wurden kriminalisiert, schreibt Angelika Rieber in ihrem Vorwort im Buch zur Ausstellung, „wie Hermann Schmitt-Fellner, der seine Weigerung, sich von seiner Frau zu trennen, mit dem Tod im Konzentrationslager bezahlte“. Andere, etwa Henny Hochschild, wurde wegen ihrer „Mischehe“ zur Zwangsarbeit in einer Frankfurter Druckerei verurteilt.

Seit 2014 zieht die Ausstellung durch den Hochtaunuskreis; da war sie in Oberursel zu sehen mit Oberurseler Beispielen, 2017 dann in Bad Homburg mit örtlichen Fällen. Die Forscherinnen nehmen auch Kontakt mit den Nachfahr:innen und Zeitzeug:innen auf. „Es gibt Angehörige, und ich finde immer mehr“, sagt Rieber. „Es ist wichtig, nicht nur über sie zu reden, sondern auch mit ihnen.“

Schuldgefühle der Opfer

Allerdings sind da auch Menschen, die nicht wollen, dass ihre Geschichte publik wird. „Ein Mann hat gesagt, er möchte nicht, dass sein Enkel auf der Straße so angepöbelt wird wie er damals.“ Umgekehrt sagte ein anderer Enkel, sein Großvater habe sich damals auf Druck der Nazis scheiden lassen und seine Frau zwar weiter versorgt; sie sei schließlich aber doch deportiert und ermordet worden. Der Opa habe die Schuld Zeit seines Lebens nicht verkraften können. Eine Schuld wohlgemerkt, die nicht seine war, sondern die der Nazis.

Die Gruppe akzeptiert selbstverständlich die Wünsche derjenigen, um die es ja schließlich in der Ausstellung geht. Mitunter gibt es auch die Befürchtung: „Die Leute gucken uns anders an, wenn sie wissen, dass wir jüdische Wurzeln haben.“ Manche hätten als Überlebende Schuldgefühle; ihr Leid sei so gering im Vergleich zum Leid der anderen.

„Der Normalfall ist aber, dass die Angehörigen angetan von unseren Forschungen sind und unbedingt wollen, dass die Ergebnisse veröffentlicht werden.“ Die Ausstellung ist ein weiterer bemerkenswerter Schritt dorthin.

Max Neisser.
Max Neisser. © Stadtarchiv Königstein
Die Geschwister Hochschild. Ganz links: Henny.
Die Geschwister Hochschild. Ganz links: Henny. © Privatarchiv Fam. Reiner

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