Die Verbrauchergemeinschaft mit vier der insgesamt neun Gründungsmitgleider: (von links) Stephanie Anthoni, Anika Fischer, Elena und Nikolás Barthelmé.

Lebensmittel

Chef sein bei der Milchproduktion

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Eine hessische Initiative setzt auf Kooperation mit Landwirten und Handel. Jeder Interessierte kann im Internet abstimmen, welche Kriterien die Milch erfüllen erfüllen soll, oder auch das Ei, die Kartoffel.

Mit der Milch geht es los. Bis Februar kann jeder, der mag, darüber abstimmen, welche Kriterien bei der Produktion erfüllt sein sollen. Als nächstes folgen Eier, dann Kartoffeln. Die Vorbereitungen dafür laufen bereits, es gab schon Gespräch mit Produzenten. Am Ende soll eine Produktlinie in den Supermärkten stehen, die die klassische Rollenverteilung verändert. Die Konsumenten bestimmen über Tierwohl oder über den Einsatz von Pestiziden. Sie legen einen Fixpreis fest, mit dem der Bauern für die nächsten drei Jahren rechnen kann. Ein Bündnis, zum Vorteil aller, sagt Nicolas Barthelmé. „Wir wollen die Kontrolle über unsere Ernährung zurückerlangen, indem wir zusammen den gesamten Entstehungsprozess – von der Produktion bis zur Vermarktung – selbst bestimmen und unter Kunden, Landwirten, Herstellern und Handel teilen.“

„Du bist hier der Chef!“ heißt der Verein, den der 44-Jährige aus Eltville mit acht Gleichgesinnten vor einem Jahr gegründet hat. Die Idee stammt aus Frankreich, wo er geboren ist. Vor vier Jahren ging dort „C´est qui le patron?!“ an den Start. Rund 30 Produkte sind mittlerweile auf dem Markt, mehr als 150 Millionen Artikel wurden verkauft. 15 Leute arbeiten für den Verein.

Im Vergleich zu den Franzosen sind die Deutschen bei Lebensmitteln zwar eher zu Schnäppchenjägern erzogen, räumt der studierte Betriebswirt ein. Doch die Rufe nach mehr Regionalität, Qualität und Transparenz würden auch hier lauter. „Immer mehr Menschen sind nicht mehr bereit, das System zu stützen.“ Die Verbraucher nicht, weil ihnen die Produktionsprozesse suspekt sind. Und die Landwirte nicht, die mit Protesten um ihre Existenz kämpfen und mit ihren Traktoren die Straßen in Berlin oder Wiesbaden lahmlegen. Und der Handel? Der stelle sich den neuen Anforderungen, beschäftige Nachhaltigkeitsbeauftragte. Rewe, Edeka, Kaufland: Die Initiative stoße in der Regel auf offene Ohren, sagt Barthelmé. Zwei Molkereien haben schon Interesse bekundet: eine in Nordhessen, eine andere in Bayern.

Wie aber funktioniert das Chefsein bei der Milch? Los geht es mit acht Fragen auf der digitalen Plattform, mittels derer jeder Interessierte abstimmen kann. Entwickelt wurden er von Verbrauchern, Landwirten und einer Molkerei. Dürfen die Kühe auf die Weide? Was wird den Tieren verfüttert und woher kommen die Futtermittel? Wie fair sollen Landwirte entlohnt werden? Das sind ebenso Fragen, wie die nach der Nachhaltigkeit der Verpackung und ob über den Kaufpreis der Landwirt dabei unterstützt werden soll, auf Weidehaltung umzustellen oder auf muttergebundene Kälber-Aufzucht. Denn das kostet den Bauern Geld.

Seit 17. Dezember steht der Fragebogen online. Bis Mitte Februar sollen mindestens 5000 Fragebögen vorliegen. Dann beginnt die Auswertung. Klappt alles nach Plan, wird die erste Du-bist-hier-der-Chef!-Milch Mitte April in den Regalen stehen. Just dann, wenn die Weidemilch-Saison beginnt. Denn die wäre das Wunschergebnis des 44-Jährigen.

Barthelmé ist hundertprozentig sicher, dass das Konzept aufgeht. Seinen Job als Marketingchef der deutschen Tochter eines französischen Käsemarkenartiklers hat er vor einem halben Jahr gekündigt. Er weiß, wie die Branche tickt. Hersteller und Handel, sagt er, lernen nun die Vorlieben ihrer Kunden aus erster Hand kennen und erhalten eine Einschätzung, was Verbraucher wirklich wollen.

Alle entwickeln den Fragebogen mit: „Wenn beispielsweise die Landwirte sagen, dass sie die von den Kunden vorgegebenen Produktionsbedingungen und Preise nicht mehr umsetzen können, können sie Gegenvorschläge machen, über die dann wiederum von den Kunden abgestimmt wird.“ Sie müssten allerdings ihre Position begründen. „Es gibt volle Transparenz für alle.“ Und selbstverständlich Kontrollen bei der Produktion, an denen jeder Interessierte teilnehmen könne.

Auch zu den Verhandlungen mit den Molkereien oder dem Handel nimmt der 44-Jährige gerne Verbraucher oder Verbraucherinnen mit. „Sie können mitdiskutieren und erhalten einen Blick hinter die Kulissen.“

www.dubisthierderchef.de

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