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Die Protokolle der Plenarsitzungen können nachgelesen werden.

Gut begrüllt

Trostlose Geschenke

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Lust auf aufregende Lektüre? Die Plenarprotokolle des 19. Hessischen Landtags umfassen 10.955 Seiten - und sind eine echte Fundgrube.

Falls Sie zu Weihnachten zu viel Lesestoff geschenkt bekommen haben sollten, können wir hier Entwarnung geben. Zumindest die 10 955 Seiten der Plenarprotokolle des 19. Hessischen Landtags müssen Sie nicht auch noch lesen. Wir haben Ihnen in den vergangenen fünf Jahren das Wichtigste immer aktuell aufgeschrieben.

Wenn Ihnen allerdings noch etwas zum Lesen fehlt, können wir die Lektüre dieser fast 11 000 Seiten durchaus empfehlen. Denn sie sind eine wahre Fundgrube.

Die Stenografinnen und Stenografen des Landtags haben alles festgehalten, was sich schriftlich festhalten lässt. Reden natürlich, aber auch Zwischenrufe, Gegenrufe, Beifall, „allgemeinen Beifall“, „anhaltenden Beifall“, „lang anhaltenden Beifall“, „Heiterkeit“, „Unruhe“, oft gefolgt von einem Glockenzeichen des Präsidenten, was dann ebenfalls notiert und für die Ewigkeit aufgehoben wird.

Kurz vor Ende des umfangreichen Konvoluts heißt es dann „Und nun ist es auch genug“, ausgesprochen vom scheidenden Landtagspräsidenten Norbert Kartmann. Da hat er recht.

In diesen Tagen hat Kartmann aber auch zurückgeblickt, was die 110 Abgeordneten des Landtags so geleistet haben. 1138 mündliche Fragen haben sie sich von der Landesregierung beantworten lassen, 2543 schriftliche Anfragen gestellt, dazu noch 62 „große Anfragen“, bei denen die Antworten nahezu den Umfang der Plenarprotokolle erreichen.

Auch eine Fleißliste der Ausschussarbeit hat der Präsident erstellen lassen. Wie immer liegen die Innenpolitiker ganz vorn. Der Innenausschuss unter Leitung des CDU-Oldies Horst Klee musste sage und schreibe 109 Mal tagen. Da hatten es die Abgeordneten des Wissenschafts-, des Rechts- oder des Europaausschusses ruhiger, die nicht einmal halb so oft zusammenkamen. Es gibt auch von diesen Sitzungen teilweise Protokolle, aber das wäre zu viel des Geschenks.

Falls Sie zu Weihnachten einen schönen Kalender bekommen haben, seien Sie froh. Es hätte weit schlimmer kommen können. Dann hinge jetzt über Ihrem Schreibtisch das großformatige Foto eines trostlosen gepflasterten Platzes vor einem roten Verwaltungsgebäude, gesichert mit einem hohen Zaun. Es handelt sich um die Justizvollzugsanstalt Weiterstadt, Hessens größtes Gefängnis. Und so geht es weiter, Monat für Monat. Dem Betrachter bleibt weder ein mit Stacheldraht umzäunter Spielplatz samt Kinderschaukel erspart (Justizvollzugsanstalt Frankfurt, Spielplatz des Mutter-Kind-Heims) noch das anstaltsgelb gestrichene „Treppenhaus zur Verwaltung“ im Limburger Gefängnis.

Doch, man wird auch schlau aus dem Kalender, der zu jeder Anstalt einen nüchternen Text enthält. So erfährt der Leser, dass ein inhaftierter Kirchenrestaurator im Gefängnis Fulda Stadtansichten im Treppenaufgang gemalt hat, zum Beispiel den Dom „in aufwendiger Schichtmalerei, wonach man jeden Stein ertasten kann“. Dass die Bilder aber leider zum Teil übermalt wurden.

Man lernt auch, dass Weiterstadt „weit über Deutschland hinaus“ bekannt wurde, weil das Haus in der amerikanischen Serie „Fringe – Grenzfälle des FBI“ gezeigt werde. Doch der Kalender ist trotzdem ein Grenzfall der hessischen Landespolitik.

Uns überkommen jedenfalls leise Zweifel, wenn Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) uns „viel Freude beim Betrachten unserer hessischen Justizvollzugsanstalten“ wünscht. Dann bleiben wir lieber bei der Lektüre von Plenarprotokollen.

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