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Lehrerinnen und Lehrer Frankfurter Gesamtschulen haben vor dem Staatlichen Schulamt ihre Nöte kundgetan und Überlastungsanzeigen ihrer Schulen übergeben.

Hessen

Schulen am Limit

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Viele Gesamtschulen fühlen sich durch die zunehmenden Aufgaben wie Inklusion und Integration überfordert.

Es sind 62 Zettelchen, die auf dem Plakat der Otto-Hahn-Schule kleben. Auf jedem steht ein Grund, warum die Lehrer der kooperativen Gesamtschule in Nieder-Eschbach sich überlastet fühlen: Weil sie etwa eine 60-Stunden-Woche hätten, alles zwischen Tür und Angel geschehe, die Klassen viel zu groß seien, Inklusion ohne Ressourcen und Verstand umgesetzt werde. „Wir müssen uns um zu viele Sachen kümmern“, sagt Kai Schwarz von der Otto-Hahn-Schule. „Dem Bildungsauftrag können wir so aber nicht mehr gerecht werden.“ 

Es sind rund 70 Lehrer verschiedener Frankfurter Gesamtschulen am Dienstag mit ähnlichen Plakaten wie die Otto-Hahn-Schule vors Staatliche Schulamt gezogen. Sie sind gekommen, um der Landesbehörde die Überlastungsanzeigen ihrer Schulen zu übergeben – deren aktualisierte Version. Denn gestellt haben sie elf der 17 Gesamtschulen bereits im vergangenen Jahr.
Acht von ihnen haben nun auf die unveränderte Situation hingewiesen. Wie die Carlo-Mierendorff-, die Georg-Büchner-, die Paul-Hindemith-Schule. Denn passiert ist wenig: Ein Beirat soll Ende Mai seine Arbeit aufnehmen. „Das geht zu langsam“, sagt Christian Dirksen von der IGS Herder. „Seit langem werden zu wenige Ressourcen in die Schule gegeben: Wir brauchen mehr Geld, mehr Zeit für die Kinder.“

Die Zahl der Aufgaben für Lehrer ist inzwischen groß. Unterrichtsvorbereitung, Elternarbeit, Inklusion, Integration von geflüchteten Kindern, Abstimmungen mit Förderlehrern und Integrationshelfern, Konferenzen, Förderplangespräche, Dokumentationen. „Der Erziehungsauftrag wird auch immer mehr auf die Schule übertragen“, sagt Schwarz. Berufstätige Eltern könnten ihm nicht mehr so nachkommen. 

Und Kollegin Annette Bulling von der IGS Eschersheim berichtet von Kindern „mit schwierigen familiären Hintergründen, bei denen wir Kontakt mit Sozialrathäusern und Erziehungshilfen halten müssen“. 

Zudem monieren Lehrer fehlende Räume und Schulhausverwalter, eine mangelhafte Ausstattung der Schulen. Vor allem in der Inklusion vermissen sie aber Unterstützung. „Die Lehr- und Lernbedingungen sind katastrophal“, sagt Katja Weber von der Ernst-Reuter-Schule II. Ein Förderlehrer sei nur ein paar Stunden für eine Klasse zuständig, oft seien Klassen- und Fachlehrer auf sich alleine gestellt. Es fehle an Zeit für die Koordination der Teams. „Das läuft dann in der Pause“, sagt auch Bulling. „Damit haben wir dann aber keine Pause mehr – das macht auch einen großen Teil der Belastung aus.“

Die Folge: Viele Lehrer werden krank. Durchgehend zehn Prozent des Kollegiums seien in den ersten drei Monaten dieses Jahres im Krankenstand gewesen, schreibt die Otto-Hahn-Schule an Kultusminister Alexander Lorz (CDU). „Das hat einen Schneeballeffekt“, sagt Bulling. Kollegen springen für kranke ein, unterrichten fachfremd, machen Überstunden – „und werden dann durch die Belastung auch krank“. Und natürlich falle auch immer wieder Unterricht einfach aus, sagt Bulling. Oder mehrere Klassen müssten von einem einzigen Lehrer beaufsichtigt werden. Von Unterrichtsqualität will an der Otto-Hahn-Schule keiner mehr sprechen. Deshalb fordern die Lehrer etwa eine Senkung ihrer Pflichtstunden zum Unterrichten, um die anderen Aufgaben bewältigen zu können. Zudem wollen sie eine Stundenerhöhung in der Schulsozialarbeit und eine Klassenstärke von 20 Schülern. 

Am Dienstag nimmt die stellvertretende Leiterin des Staatlichen Schulamts, Evelin Spyra, die Anzeigen entgegen, um sie ans Kultusministerium weiterzuleiten. „Ich kann nicht voraussehen, ob nun mehr Geld in die Hand genommen wird“, sagt Spyra. Aber man werde sich die Ressourcen der einzelnen Schulen ansehen und schauen, wie „sie schlau zur Entlastung eingesetzt werden können“. Die Frankfurter Gesamtschulen bekämen aber im nächsten Schuljahr 201 Lehrerstellen mehr, als für die Grundversorgung nötig seien. 

Zudem unterstütze das Land ab dem Sommer die Schulsozialarbeit an weiterführenden Schulen mit Sozialpädagogen, 32 Stellen gebe es für die Gesamtschulen. „Das alles ist ein Signal, dass das Kultusministerium die Sache ernst nimmt“, sagt Spyra. 

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