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Arztkittel und Stethoskop hängen auf einem Bügel.

Universität Gießen

Nachhilfe für Medizinstudenten

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Die Universität Gießen heuert Dienstleister an. Jeder fünfte Prüfling fällt durch.

Wegen schlechter Leistungen seiner Studenten hat der Fachbereich Medizin der Universität Gießen einen externen Dienstleister engagiert. Die Firma Medi-Learn soll künftig die Studenten fit für die Prüfungen machen. Begonnen hat der erste Kurs am vergangenen Freitag. Seit der Privatisierung der Uniklinik Gießen-Marburg hatten Studenten und Ärzte immer wieder geklagt, dass Zeit für Forschung und Lehre fehle.

Der FR liegt ein internes Protokoll der Fachbereichssitzung vom Oktober vor. Die Prüfungsergebnisse, heißt es dort, lägen „in der Regel in den letzten Jahren unterhalb des bundesweiten Durchschnitts“. Der Dekan habe eine Reihe von Ideen vorgestellt, wie dies zu verbessern sei.

Als „Sofortmaßnahme“ habe er die Nutzung des Prüfungsvorbereitungssystems Medi-Learn vorgeschlagen. Mittelfristig solle ein Leitbild „Lehre und Lernen“ entwickelt werden. Für den Wissenschaftsbetrieb ungewöhnlich flott wurde die Anregung umgesetzt: Laut Bringfried Müller, Mitgeschäftsführer der Firma Medi-Learn, startete am Freitag der erste Kurs in Gießen.

Die Universität ist nicht die erste deutsche Hochschule, die sich das Know-how des Marburger Dienstleisters zunutze macht. Auch die medizinischen Fakultäten in Tübingen, Ulm, Mainz und Essen haben die Firma engagiert. Zudem gibt es Studenten, die auf eigene Kosten die Repetitorien besuchen. Zwischen 1600 und 2400 Euro blättern sie nach Angaben Müllers dafür hin. Die Kurse an den Universitäten sind günstiger: 150 bis 200 Euro zahlten die Studenten für die 30 Unterrichtsstunden, den Rest finanzieren die Hochschulen. Anders Gießen: „Das Angebot wird aus Mitteln des Fachbereichs Medizin finanziert“, teilte die Universität mit. Sie wolle ihren Studierenden die Repetitorien anbieten, „um sie bestmöglich bei ihrer Examensvorbereitung zu unterstützen“. Dabei werde der Lernstoff wiederholt, „Fähigkeiten einer guten Lern- und Eigenorganisation“ würden unterstützt.

Medi-Learn vermittele Fakten, nehme die Angst vor Prüfungen, helfe beim Prioritätensetzen, sagt Müller. Das sei der Unterschied zu den „Metazielen“ der Universitäten: wissenschaftlich denken lernen, kritischer Arzt werden – das seien deren Schwerpunkte.

Die schlechten Prüfungsergebnisse wecken Erinnerungen an einen Brief, den der Asta Marburg vor drei Jahren zum zehnten Jahrestag der Privatisierung veröffentlicht hatte. Die Übernahme der beiden Unikliniken durch die Aktiengesellschaft Rhön zeige nicht nur in der medizinischen Versorgung, sondern auch in Forschung und Lehre verheerende Folgen, schrieben die Studierendenvertreter: „Leidtragende sind neben Patienten und Beschäftigten obendrein Studierende an den medizinischen Fakultäten, denen ihr Recht auf eine gute und unabhängige Ausbildung verwehrt wird.“

Vier Jahre zuvor hatte die Konferenz der Universitäts-Klinikdirektoren von Gießen und Marburg „22 Thesen zur Krise des Universitätsklinikums“ veröffentlicht. Schon damals warnten sie: „Durch die in den letzten sechs Jahren praktizierte Arbeitsverdichtung im ärztlich-wissenschaftlichen Bereich ist ein Miteinander von universitärer Krankenversorgung sowie Lehre und Forschung entsprechend der tatsächlichen Mittelzuweisungen und im Sinne des Kooperationsvertrages bereits jetzt sehr stark gefährdet.“

Gleichwohl ist eine externe Überprüfung der Folgen der Privatisierung für Forschung und Lehre bis heute unterblieben. Der Wissenschaftsrat war zuletzt 2009 an der Uniklinik Gießen-Marburg. Zu früh, um sich ein realistisches Bild machen zu können. Der Rat empfahl denn auch, in fünf Jahren erneut zu kontrollieren, also 2014. Dies ist nicht geschehen.

Mit der CDU leitete immer jene Partei das Wissenschaftsministerium, die den Verkauf der fusionierten Unikliniken an die Rhön-Aktiengesellschaft zu verantworten hat. Das ändert sich nun. Die neue Wissenschaftsministern Angela Dorn (Grüne) hat als Marburgerin in der Vergangenheit die Entwicklung immer wieder kritisch begleitet. Im April 2010 etwa hatte Dorn der Landesregierung „Versäumnisse bei der Privatisierung“ vorgeworfen. In dem Vertrag fehlten Kriterien, nach denen die Qualität der Patientenversorgung, aber auch die von Forschung und Lehre festgestellt werden könne. „Es wäre dringend angesagt gewesen, die Entwicklung des mittelhessischen Universitätsklinikums etwa mit dem in Frankfurt vergleichen zu können.“ Eine Forderung, die sie als zuständige Ministerin nun erfüllen könnte.

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