+
So eine Labormaus hat es nicht leicht.

Tierexperimente in Hessen

Land finanziert Tierversuche

  • schließen

"Ärzte gegen Tierversuche, ein bundesweit agierender Verein,kritisiert die Entscheidung der Landesregierung Hessen, mit Hilfe von Experten für Tierexperimente die Zahl der Tierversuche zu verringern.

Die Landesregierung hat angekündigt, die Zahl der Tiere in Hessens Laboren spürbar zu verringern. Gelingen soll dies mit Hilfe von Experten für Tierexperimente. Das sei ein eklatanter Widerspruch, kritisieren die Ärzte gegen Tierversuche. Dem Tierschutz sei mit solchen Personalentscheidungen nicht gedient. „Die bereitgestellten zwei Millionen Euro fließen großenteils in die Zementierung des tierexperimentellen Systems“, sagt Corina Gericke, Vizevorsitzende des bundesweit agierenden Vereins.

Stein des Anstoßes ist ein Plan aus dem Haus des hessischen Wissenschaftsministers Boris Rhein (CDU), der vor eineinhalb Jahren veröffentlicht wurde. Über einen Zeitraum von fünf Jahren steckt das Land 2,5 Millionen Euro in das Projekt an den Universitäten Frankfurt und Gießen. Es beinhaltet unter anderem zwei neue Professuren, deren Besetzung in der Autonomie der Hochschulen liegt. Bei der Frankfurter liege der Schwerpunkt immerhin auf Verringerung und Ersatz von Tierversuchen, so der Verein. Doch die aktuelle Stellenausschreibung für Gießen zeige, dass es hier keineswegs darum gehe, die Entwicklung moderner Verfahren voranzutreiben, die ohne das Leid von Lebewesen auskommen. Gesucht werde explizit ein Fachtierarzt für Versuchstierkunde mit „mehrjähriger Erfahrung im Bereich biomedizinischer Forschung (Schwerpunkt Labornager)“. Er solle tierexperimentell tätige Mitarbeiter fortbilden und den Masterstudiengang „Laboratory Animal Medicine/Science“ vorantreiben.

Tierärztin Gericke spricht von „Augenwischerei“. Das Projekt der Landesregierung ziele nicht auf den völligen Verzicht von Tierversuchen ab, sondern lediglich das sogenannte 3R-System. 3R steht für „Reduce, Refine, Replace“ – zu Deutsch: Reduzierung, Verfeinerung, Ersatz. Dieses europaweit geltende Prinzip hatte die Bundesrepublik 2013 in geltendes nationales Recht umgesetzt. Besondere Bedeutung erhielt bei der Novellierung auch die weitere Verbesserung der Haltung von Versuchstieren.

Just auf diese „Verfeinerung“, sagt Gericke, setze die Uni Gießen ihren Schwerpunkt. Also auf eine Verringerung des Leids zum Beispiel durch Gabe von Schmerzmitteln oder bessere Haltungsbedingungen. Hessen hinke damit der modernen Entwicklung hinterher. Die Niederländer etwa planten, bis 2025 führend auf dem Gebiet der tierversuchsfreien Forschung zu werden.

Die Universität Gießen stellt auf Anfrage klar, dass der Schwerpunkt des vom Land geförderten 3R-Zentrums gleichermaßen auf Verfeinerung und Verzicht liege. Es gebe zwei Professuren, von denen eine lediglich wiederbesetzt wird. Eine befasse sich einzig und allein mit dem „kompletten Ersatz von Tierversuchen durch Weiterentwicklung des computerbasierten Modellings“, sagt Uni-sprecherin Lisa Dittrich. Das sei auch das übergeordnete Ziel der 3R-Forschung. Die zweite Professur beschäftige sich mit der „Minimierung“ des Tierleids, wenn es keine Alternativen gibt. Ein vollständiger Verzicht ist nach Auffassung der Universität aktuell nicht möglich. Auch der Gesetzgeber fordere die Experimente an Mäusen und Co – etwa im Rahmen der Zulassung von Arzneimitteln.

Der Ärzteverein sieht das anders. Tierexperimente brächten keinen Erkenntnisgewinn für die medizinische Forschung und seien moralisch verwerflich, sagt Gericke. „Es ist ein Skandal, dass ein an sich guter Schritt der Politik dermaßen ins Gegenteil verkehrt wird.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare