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Die Ganztagsbetreuung der Kleinen wird in Frankfurt groß geschrieben. Hier freuen sich Kinder des Italienischen Kindergartens darüber.

Jedes zweite Kind kann den Hort besuchen

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Frankfurts Versorgungsquote mit Ganztagsbetreuungsplätzen ist bundesweit einmalig / In Eschborn bald kostenlosPaul und Andrea Mustermann haben für ihre beiden Kinder Jan und Paula in Frankfurt sofort Ganztags-Betreuungsplätze gefunden. 356 Euro kostet sie das im Monat. In anderen Orten der Rhein-Main-Region wäre das billiger, vielleicht aber auch gar nicht zu haben gewesen. Dossier: Was kostet das Leben?

Frankfurt · 19. Juli · Ach, wären sie doch nach Eschborn gezogen, die Mustermanns. Vom nächsten Jahr an soll dort der Kindergartenplatz kostenlos sein - jedenfalls für die Drei- bis Sechsjährigen. So aber müssen Paul und Andrea Mustermann für die beiden Kinder Jan (5) und Paula (10) monatlich 356 Euro an die Frankfurter Stadtkasse überweisen. Dafür sind die beiden aber mit der Betreuung sehr zufrieden, und sie haben nach ihrem Umzug von Norddeutschland an den Main ohne Wartezeit die gewünschten Ganztagsplätze in Kindergarten und Hort bekommen.

Für die Mustermanns war dies entscheidend. Schließlich könnten sie ohne ausreichende Betreuungszeiten nicht beide arbeiten gehen - der Arbeit wegen aber sind sie ja gerade nach Frankfurt gekommen. Das es für die vier Nordlichter so gut funktioniert hat, ist kein Zufall. Frankfurt bietet mehr als 10 000 Hortplätze, jedes zweite Kind zwischen sechs und zehn Jahren kann hier einen Platz bekommen. Die Versorgungsquote von annähernd 50 Prozent sucht bundesweit seines gleichen.

Die Stadt lässt sich die Kinderbetreuung einiges kosten. Rund 100 Millionen Euro sind das allein für die 134 städtischen Kitas im Jahr, noch einmal 70 Millionen gehen an die 350 Einrichtungen der freien Träger. Am Beispiel der städtischen Kitas lässt sich gut zeigen, wofür die Stadt das viele Geld ausgibt. Von den 100 Millionen gehen gut 63 Millionen für Personalkosten drauf. 19 Millionen kosten Bauunterhaltung, Mieten, Strom, Heizung, Gartenpflege und Spielmaterial. Knapp zehn Millionen sind für die Abschreibung der Gebäude fällig, 7,5 Millionen für interne Verrechnungskosten mit anderen städtischen Einrichtungen. Diesen Ausgaben stehen Einnahmen von 19,7 Millionen Euro entgegen, 13,4 Millionen davon bringen die Eltern auf.

Wie viel Eltern in den einzelnen Städten und Gemeinden für Kindergarten und Hort zahlen müssen, ist keine wirtschaftliche, sondern vor allem eine politische Entscheidung. So auch in Eschborn. "Wir wollen", sagt Ralf Wagner, Sprecher von Bürgermeister Wilhelm Speckhardt (CDU), "junge Leute in die Stadt ziehen, hoffen auf kinderreiche Familien und glauben, dass ein früher Start im Kindergarten die besten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Schulbesuch bietet." Umsonst wird der Kindergartenplatz für die vierstündige Vormittagsbetreuung der Drei- bis Sechsjährigen sein, wer mehr will oder braucht, zahlt die Differenz drauf. Eine Million Euro lässt sich die Stadt das Angebot jährlich kosten - Eschborn mit seinen üppigen Gewerbesteuereinnahmen kann es sich leisten.

Auch andere würden Kinderbetreuung gerne kostenlos anbieten. "Wir wollen das, können es aber zur Zeit nicht bezahlen", sagt Offenbachs Stadträtin Birgit Simon (Grüne). Die Stadtkasse ist leer, da scheint es Simon wichtiger, die Zahl der Plätze zu vergrößern, um möglichst vielen Familien ein Angebot machen zu können - und gleichzeitig die Qualität der Betreuung beispielsweise durch intensive Fortbildung der Erzieherinnen zu verbessern.

Familien, die aufgrund ihres geringen Einkommens die Gebühren nicht oder nicht in voller Höhe zahlen können, erhalten ohnehin eine Ermäßigung, die bis zur Gebührenbefreiung gehen kann - so ist es gesetzlich geregelt.

Simons Darmstädter Amtskollegin Daniela Wagner (Grüne) argumentiert ähnlich: "Für einen kostenlosen Kita-Besuch fehlt uns der finanzielle Spielraum." Eltern sei mit einem flexiblen und zuverlässigem Betreuungsangebot auch für Kleinkinder mehr gedient als mit kostenlosen Plätzen.

Andere Kommunen versuchen, durch ein gestaffeltes Gebührensystem möglichst viele Eltern zu erreichen. Maintal beispielsweise erhebt Beiträge in 18 Einkommensgruppen. Ab 60 000 Euro Jahresbruttoeinkommen ist der volle Beitrag fällig - der dann noch einmal nach der Zahl der in Anspruch genommenen Stunden berechnet wird: Mehr als 500 Euro können das bei zwei Kindern monatlich werden.

Ob das aus rot-grünen Zeiten stammende Modell mit seinem hohen Verwaltungsaufwand wirklich für mehr soziale Gerechtigkeit sorgt, bezweifelt allerdings auch Bürgermeister Erhard Rohrbach (CDU). Sozialer Ausgleich, sagt er, solle über Steuern erfolgen, nicht über Gebühren, schließlich würden ja auch Abwassergebühren unabhängig von Einkommen erhoben. Da sind Mustermanns in Frankfurt noch gut bedient. Sollten sie einmal mehr als heute verdienen, müssen sie nicht gleich auch mehr für den Kindergarten überweisen.

Dossier: Was kostet das Leben?

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