Gut gebrüllt

Geduldsspiel

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So geht es zu, wenn Journalisten zu Koalitionslungerern werden. Die Kolumne aus dem Landtag.

Das Enigma ist gelöst. Auf 192 Seiten (gedruckte Fassung) beziehungsweise 196 Seiten (Onlinefassung auf der Grünen-Homepage) beziehungsweise 199 Seiten (Onlinefassung auf der CDU-Homepage) steht, was CDU und Grüne in den nächsten fünf Jahren vorhaben.

Es war, nach wochenlangen Koalitionsverhandlungen in großen und kleinen Arbeitsgruppen, ein weiterer langer Tag für die Beteiligten und ein langer Abend für die Journalisten, bis alles unter Dach und Fach war. Seit 14 Uhr saßen Volker Bouffier, Tarek Al-Wazir und die anderen Unterhändler in der letzten Runde bereits zusammen. Textbausteine gingen zwischen den Parteivertretern hin und her, wurden noch eingewoben in den Text, korrigiert, herausgenommen.

Ab 22 Uhr machten die Pressesprecher der Parteien den Journalisten Hoffnung, dass sie eine Einigung würden erleben können. Das kleine, eher karge Konferenzzentrum „Startwerk“ bot aber keinen Platz für Reporter – und vielleicht war es den Politikern auch ganz lieb, dass sie keinen neugierigen Beobachtern über den Weg laufen konnten.

Also warteten Journalisten, Fotografen, Kameraleute und Pressesprecher gemeinsam einige Häuser weiter in einem Lokal am Bahnhof Wiesbaden-Biebrich mit dem treffenden griechischen Namen „Enigma“. Das heißt auf Deutsch so viel wie „Rätsel“. Laut einem Online-Wörterbuch kann der Begriff aber auch übersetzt werden mit „Buch mit sieben Siegeln“ – das war der Koalitionsvertrag ja in der Nacht noch – oder mit „Geduldsspiel“.

In der Tat: Es wurde 23 Uhr, es wurde Mitternacht, und das Geduldsspiel ging weiter. Manch einer hatte sich sattgesehen an den grellen Musikvideos im Kanal „Mad Greek“ oder hatte genug vom Qualm – denn das „Enigma“ erwies sich als Raucherkneipe. Also zog das Dutzend der Koalitionslungerer weiter in ein weltweit agierendes US-Spezialitätenlokal. Bald begann man sich zu fragen, ob Bouffier und Al-Wazir ihre Statements unter dem Slogan der Kette abgeben würden. Der lautet: „Have it your way“ – übersetzt etwa: „Mach Dein Ding“.

Die Zeit verging. Irgendwann machte die Tankstelle nebenan zu, nicht ohne vorher noch den Benzinpreis für die morgendlichen Kunden um fünf Cent zu erhöhen. Dann war auch Schluss bei den Burgerbratern, die abzuschließen und zu putzen begannen, aber den wartenden Journalisten noch freundlich Unterschlupf gewährten. Gerade lange genug, bis Signale aus den Verhandlungsräumen eintrafen, dass man langsam fertig werde.

Nachts um halb zwei taperten die Journalisten – drei Fernsehteams, zwei Hörfunkkollegen, drei Agenturleute und der FR-Reporter – in den Keller mit den geklinkerten Wänden, wo die erschöpften Politiker verhandelt hatten und auf sie warteten. Ein Weihnachtsbaum und die mageren Reste einer Käseplatte schmückten den Raum. Nur einer der Verhandler hielt ein Glas mit Rotwein in der Hand. Es sah nach Arbeit aus, nicht nach Feierlaune. „Wir sind durch“, sagte Bouffier. Das Enigma war gelöst.

Pitt von Bebenburg löst Rätsel im hessischen Landtag. Und er twittert: @PvBebenburg

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