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Obwohl die Arbeitslosigkeit in Hessen stark gesunken ist, sind fast 60 000 Menschen schon mindestens ein Jahr ohne Job.

Arbeitslosigkeit in Hessen

Arm und erwerbslos

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Eine Studie zur Arbeitslosigkeit spürt den Gründen nach. Hessen handelt - und hat mit dem KoPe-Programm immerhin 200 Langzeitarbeitslose in reguläre Jobs gebracht.

Walter ist ein deutscher Mann und 55 Jahre alt. Er besitzt nur geringe Qualifikationen, hat also höchstens einen Hauptschulabschluss, und findet schon seit mehr als zwölf Monaten keine Arbeit mehr. „Walter ist keine reale Person, sondern ein Beispiel für einen typischen hessischen Langzeitarbeitslosen“, sagt Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit in Hessen.

In den vergangenen Jahren hat sich dieser Personenkreis verändert. Heute benötigen viele Betroffene Unterstützung bei einer Orientierung auf dem Arbeitsmarkt. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat untersucht, welche Faktoren es Menschen erschweren, einen dauerhaften Arbeitsplatz zu finden.

„Es gibt unterschiedliche Gründe, warum der Anteil der Langzeitarbeitslosen gleich bleibt“, erläutert Frank Martin. Für viele gebe es nur wenige Anreize, eine Berufsausbildung zu beginnen, da etwa der Hartz-IV- Satz über dem Ausbildungsgehalt vieler Berufe liege. Zugleich fänden geringer qualifizierte Menschen durch die gute wirtschaftliche Lage leichter kurzfristige Jobs, etwa in der Logistik. „Es ist schwierig, jemandem bewusst zu machen, dass sich eine dreijährige Berufsausbildung mit niedrigem Lohn auf Dauer mehr lohnt als eine kurzfristige Beschäftigung am Frankfurter Flughafen“, erklärt Martin. Das Alter sei manchmal ebenfalls ein Hindernis. „Ein 25-Jähriger will nicht unbedingt die Schulbank mit einem 17-Jährigen drücken“, sagt Martin.

Auch die Dauer der Arbeitslosigkeit stellt einen entscheidenden Faktor dar, wie die Studie zeigt. Je länger eine Person arbeitslos ist, desto mehr sinkt die Chance auf einen neuen Arbeitsplatz. Der Bildungsgrad verliert mit der Zeit an Bedeutung. „Wenn jemand länger als vier Jahre lange arbeitslos ist, dann ist es unabhängig vom Bildungsabschluss schwierig, einen neuen Arbeitsplatz zu finden“, bestätigt Martin.

Diejenigen, die eine neue Anstellung finden, arbeiten häufig im Gastgewerbe oder der Logistik, also in Bereichen, die eher schlecht zahlen. Diese Anstellungsverhältnisse sind oft nicht von Dauer.

Die Zahl der Arbeitslosen in Hessen ist insgesamt gesunken. Trotzdem hat sich der Anteil der Langzeitarbeitslosen in den vergangenen Jahren kaum verändert. Im Durchschnitt lag er bei ungefähr 16 Prozent. Im letzten Jahr hatten beinahe 60 000 Menschen in Hessen länger als zwölf Monate keinen Arbeitsplatz.

Dem Vorurteil, dass vor allem Menschen ohne deutschen Pass keinen Job finden, widerspricht Martin. Mit 68 Prozent machten die Langzeitarbeitslosen mit deutscher Staatsangehörigkeit im Jahr 2016 den höchsten Anteil aus. Arbeitslose aus dem Ausland sind allerdings mit 31 Prozent überdurchschnittlich stark betroffen.

Menschen mit Suchterkrankungen, schweren körperlichen Einschränkungen und Alleinerziehende können oft nur schwer auf dem ersten Arbeitsmarkt integriert werden – auch das ist ein Ergebnis der Untersuchung. Für Frank Martin leiten sich klare Handlungsmöglichkeiten aus der Studie ab. „Es ist wichtig, schnell und gezielt zu handeln“, so Martin. So sollte die Unterstützung bereits vor dem Schulabschluss beginnen, damit Jugendliche gar nicht erst in die Arbeitslosigkeit abrutschen.

Die schwarz-grüne Landesregierung hatte 2015 ein spezielles Programm aufgelegt, um Langzeitarbeitslosen die Rückkehr in den regulären Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Es trägt den Titel „Kompetenzen entwickeln – Perspektiven eröffnen“ (KoPe). Das Sozialministerium von Stefan Grüttner (CDU) berichtete am Dienstag auf Anfrage der FR, rund 1600 Menschen hätten bereits an dem KoPe-Programm teilgenommen oder seien noch dabei.

In 17 hessischen Projekten unterschiedlicher Träger wird dabei versucht, Menschen wieder an eine Erwerbstätigkeit heranzuführen, die lange nicht mehr gearbeitet haben und weitere „Vermittlungshindernisse“ aufweisen. Zum Teil haben sie keine Schul- und Berufsabschlüsse, sprechen nicht gut Deutsch, leiden unter Sucht oder psychischen Problemen, sind chronisch krank oder schlagen sich mit Schulden und Familienproblemen herum. Hessen stellt für den Zeitraum von Januar 2016 bis Dezember 2019 rund zehn Millionen Euro bereit.

Knapp 1000 Personen – genau waren es 973 – hatten bis Ende 2017 die Maßnahme abgeschlossen. Davon seien rund ein Fünftel, nämlich 195 Langzeitarbeitslose, in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung integriert worden. Weitere 160 hätten einen Minijob aufgenommen oder eine berufliche Qualifizierung begonnen.

Die Erfolgsquote wird vom Ministerium daher mit 36 Prozent angegeben. Man könne bei diesen Zahlen durchaus von einem erfolgreichen Förderinstrument sprechen, „angesichts der großen Vermittlungshemmnisse der Personengruppen, auf die wir uns fokussiert haben“, urteilt Grüttners Sprecherin Esther Walter.

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