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Rund um das Alte Rathaus wurden die ersten Bad Vilbeler Mineralwasserquellen entdeckt.

Bad Vilbel im Porträt

Eine Stadt mit Prädikat

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37 von rund 800 Mineralwasserquellen in Deutschland liegen in Bad Vilbel. Dass ein Teil des Zentrums jahrzehntelang von der Mineralwasser-Industrie geprägt war, ist heute aber kaum noch zu spüren. Eine Spurensuche.

37 von rund 800 Mineralwasserquellen in Deutschland liegen in Bad Vilbel. Dass ein Teil des Zentrums jahrzehntelang von der Mineralwasser-Industrie geprägt war, ist heute aber kaum noch zu spüren. Eine Spurensuche.

Es sprudelt. Fast einen Meter hoch. Unendlich viele unterschiedliche Formationen findet das Wasser der Römerquelle dabei, fast meditativ wirkt die Bewegung des Wassers, das aus einem Rohr mit gut zehn Zentimetern Durchmesser aus 278 Metern Tiefe in die Höhe schießt.

Das Wasser ist sprudelig-weiß, doch um die Quelle herum dominiert die Farbe rot-braun. Eisen. Erst im Frühjahr hat die Firma Hassia, der die Quelle gehört, alles gereinigt. Doch schon jetzt wieder sind die Ablagerungen teils mehrere Millimeter dick. Mit 5000 Milligramm Mineralien pro Liter ist die Römerquelle eine der mineralhaltigsten Quellen Deutschlands. Deshalb ist sie auch seit 1955 als Heilwasser anerkannt. „Gesund schmeckt es“, sagt ein Radler, der bei seinem Weg entlang der Nidda an der Quelle haltgemacht hat. Das mache er immer, wenn er hier vorbei kommt. Bevor er Richtung Innenstadt weiterfährt, füllt er sich noch ein Fläschchen ab.

Brunnenbetriebe prägten das Stadtbild

Ein paar Gehminuten nur ist die Quelle von Bad Vilbels Innenstadt entfernt, dem eigentlichen Zentrum der Gewinnung von Mineralwasser. Über Jahrzehnte haben die Brunnenbetriebe die Innenstadt geprägt. Noch bis in die 70er Jahre war die Gegend um das Alte Rathaus fest in der Hand der Mineralwasserindustrie, die lange das wichtigste Gewerbe in der Stadt war. Ständig schepperten Glasflaschen und es gab einen enormen Lastwagenverkehr, weiß Kulturamtsleiter Claus-Günther Kunzmann (CDU). „Wenn Limonade gemacht wurde, dann roch es hier auch so“, erinnert er sich.

„Das heutige Stadtbild ist das Post-Brunnen-Stadtbild“, sagt Kunzmann. Ende der 1980er und in den 1990er Jahren habe es zahlreiche Industriebrachen in der Innenstadt gegeben. Die meisten sind aber inzwischen abgerissen, einige wurden umgewidmet. Von Industrie ist heute in der beschaulichen Innenstadt nichts mehr zu spüren.

Erstmals erwähnt wurde das Vilbeler Wasser 1581 – der Wormser Arzt Jacob Theodor, der sich auf lateinisch Jacobum Theodorum Tabernaemontanus nannte, empfahl es gegen „Leibesblödigkeit“. Auch gibt es Hinweise darauf, dass die Römer das Vilbeler Wasser nutzten.

Die Mineralwasserindustrie der heutigen Zeit hat ihren Ursprung vor gut hundert Jahren. 1900 erbohrte Carl Brod in der Nähe des Marktplatzes einen Brunnen, den er bald darauf für die ersten Heilanwendungen nutzte. 1903 erschloss Fritz Hinkel in 60 Metern Tiefe eine weitere Quelle. Von diesen Erfolgen motiviert, fanden die Vilbeler in den darauffolgenden Jahren immer mehr Quellen. In den 1920er Jahren gab es einen regelrechten Bohr-Boom. Zeitweise gab es bis zu 30 verschiedene Brunnenbetriebe, für viele war der Verkauf von Mineralwasser Nebenerwerb.

Sechs Mineralwasser aus 37 Quellen

Von 1933 an wurden Kuren in Kurhaus und Badetrakt angeboten, 1948 bekommt die Stadt das Prädikat „Heilbad“ verliehen. Nach einem Boom in den 1950er Jahren, nimmt der Betrieb schon in den 1960er Jahren deutlich ab.

„Bad Vilbel konnte nicht mithalten. Industrie in der Innenstadt und ein Kurbetrieb gleich nebenan – beides ging nicht“, so Kunzmann. Die Industrie hat das Rennen gemacht.

Nach und nach hat die Firma Hassia die anderen Brunnenbetriebe übernommen, zuletzt 2010 die Kronia-Quelle. Heute ist das Unternehmen im Besitz aller Bad Vilbeler Quellen. Sechs verschiedene Mineralwasser füllt Hassia hier aus 37 Quellen ab, zwei davon sind als Heilwasser anerkannt: Die Hassia-Quelle und die Römerquelle. „Das Wasser aus der Hassia-Quelle eignet sich für Badeanwendungen, das aus dem Römerbrunnen für Trinkkuren“, weiß Badearzt Ansgar Schultheis.

Täglich 1,4 Millionen Flaschen abgefüllt

Über rund 100 Kilometer Leitungen wird das Wasser zu den Abfüllanlagen transportiert. In der Produktionshalle summt es unaufhörlich, hier und da tropft es, es bilden sich kleine Pfützen auf dem Boden, überall rauschen Flaschen vorbei. Rund 1,4 Millionen Flaschen werden hier pro Tag abgefüllt und im Umkreis von rund 250 Kilometern verkauft. Insgesamt hat Hassia 2011 in Bad Vilbel 410 Millionen Liter Wasser abgefüllt – davon etwa 30 Prozent als aromatisierte Wasser oder Limonaden. In den vergangenen 20 Jahren ist die Firma zudem außerhalb Vilbels expandiert.

Eine der unterirdischen Wasserleitungen geht direkt von der Hassia-Quelle in das Haus am Marktplatz 2. Hier, in dem Haus, das früher Hassia zum Abfüllen diente, gibt es heute die einzige verbleibende Möglichkeit, ein Mineralwasserbad zu nehmen. Pink angestrahlt ist das aufgewärmte Mineralwasser. Legt sich der Gast hinein, dringt das gelöste Kohlendioxid in die Haut ein, erweitert die Blutgefäße und kann so den Blutdruck senken. Ein Badeerlebnis, das nur wenige nutzen. Medizinisch notwendig ist es nicht mehr. „Mit Medikamenten lässt sich heute mehr erreichen“, sagt Schultheis.

Weil die medizinischen Heilanwendungen heute in der Stadt keine Rolle mehr spielen, ist Bad Vilbel in der Hierarchie der Prädikate 1999 eine Stufe nach unten gerutscht. Es gilt jetzt nicht mehr als Mineralheilbad, sondern als Heilquellen-Kurbetrieb. Beide aber dürfen den Titel „Bad“ tragen. Um als Kurort anerkannt zu werden, braucht die Stadt ein natürliches Heilmittel, einen Badearzt, ein Kurhaus, einen Park und Therapiebäder. „Bad Vilbel nimmt das, was es hat, und präsentiert das möglichst gut“, sagt die Geschäftsführerin des hessischen Bäderverbandes, Almut Boller anerkennend. Alle zehn Jahre überprüft der deutsche Heilbäderverband die Kriterien. Bad Vilbel unterzog sich zuletzt 2010 den kritischen Blicken.

Als Kurort "gut aufgestellt"

„Bad Vilbel ist gut aufgestellt mit seinen vielen tollen Quellen“, so Boller. Es sei alles tipptopp und sehr gepflegt. „Nur schade, dass das nicht mehr vollends zur Anwendung kommt.“ Trotz des vielen Verkehrs, der die Stadt belaste, sei der Kurcharakter erhalten. Das Kurhaus wird heute als solches allerdings nicht mehr genutzt und das Schwimmbad ist im Sommer geschlossen.

„Wir definieren den Begriff Kur zur Zeit neu“, sagt Boller. Habe man darunter früher vor allem Rehabilitationsmaßnahmen verstanden, gehe es heute mehr um das „Lebensgefühl, das man in einem Heilbad oder in einem Kurort bekommt“, so Boller.

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