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"59 Prozent der Depressionsdiagnosen werden ausschließlich von den Hausärzten gestellt", sagt Sozialminister Stefan Grüttner.

Gesundheit in Hessen

Digitale Diagnose bei Depression in der Kritik

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In einem Projekt der Techniker-Krankenkasse sollen Hausärzte geschult werden, um Depressionen besser zu erkennen und zu behandeln. Hessische Therapeuten sind entsetzt.

Neue digitale Wege bei der Behandlung von Depressionen und Angststörungen gehen die Techniker-Krankenkasse (TK) und Hausärzte. Rund 2000 Patienten können an dem auf vier Jahre angelegten bundesweit einmaligen Projekt teilnehmen. Es soll Hausärzten erleichtern, psychische Erkrankungen zu erkennen und zu behandeln. Denn dorthin wendeten sich die meisten Patienten als Erstes.

„59 Prozent der Depressionsdiagnosen werden ausschließlich von ihnen gestellt“, sagte Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) am Mittwoch in Wiesbaden. Die Landespsychotherapeutenkammer ist entsetzt. 

Online-Fragebogen für schnellere Diagnose

Noch stehen die Inhalte des Vorhabens nicht im Detail fest, das der Bund mit seinem Innovationsfonds fördert. Im Jahr 2019 sollen die beteiligten Hausärzte von der Kassenärztlichen Vereinigung so weit geschult sein, dass es losgehen kann.

Am Anfang steht ein Fragebogen, den der Patient in der Sprechstunde online ausfüllt, um die Diagnosestellung zu beschleunigen. Daheim kann der Patient am Computer Übungen machen und bekommt Informationen, die seine Krankheit erklären und den Umgang damit erleichtern sollen. Eine geschulte medizinische Fachkraft hält regelmäßig telefonischen Kontakt zum Patienten.

„So werden wir Ärzte mehr Zeit bekommen für das vertraute Gespräch mit unseren Patienten“, sagte Jochen Gensichen, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität München, die mit den Unikliniken Frankfurt und Hamburg die wissenschaftliche Begleitung übernimmt.

Landeskammer für Psychotherapeuten nicht beteiligt

Nicht beteiligt ist die Landeskammer für Psychologische Psychotherapeuten. Auf Anfrage der Frankfurter Rundschau warnte Präsidentin Heike Winter vor zu hohen Erwartungen: „Das ist keine Psychotherapie, sondern ein Selbsthilfeangebot.“ Für eine seriöse Diagnose reiche es nicht, einen Online-Fragebogen auszustellen. „Das ist ein hochkarätiger Prozess, da braucht man mehr Zeit.“ 

Und die der medizinischen Fachangestellten zugedachte Rolle macht Winter fassungslos. „Das sind hochwirksame Interventionen, die in die Hände von Fachleuten gehören.“ Anders als hier suggeriert werde sei Psychotherapie mehr als einfach zuzuhören. „Ich habe den Eindruck, dass das eine Billigbehandlung wird.“ 

Nach TK-Angaben kann am Ende der Online-Therapie auch eine Überweisung an den Psychotherapeuten stehen. „Ein Ziel des Projekts ist die Stärkung der Rolle der Hausärzte als kompetenter Lotse und die Erweiterung der therapeutischen Möglichkeiten der Hausärzte“, sagte Sprecherin Denise Jacoby der FR. Es ermögliche ihnen, möglichst frühzeitig die richtige Diagnose zu stellen und die richtige Therapie einzuleiten.

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