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Mehr als 380 Lehmelemente müssen für die Fassade angefertigt werden.

Darmstadt

Alnatura-Zentrale aus Lehm und Schutt

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Das Biolebensmittelunternehmen Alnatura baut in Darmstadt mit Abbruchmaterial von der Stuttgart-21-Baustelle.

In den großen Lehmelementen in der Halle auf dem ehemaligen Kelley-Barracks-Gelände steckt mehr drin, als der Anblick vermuten ließe. „Es ist ein Gemisch aus Lavaschotter, echtem Lehm und Abbruchmaterial von Stuttgart 21“, sagt Christoph Steinbach. Mit fünf Kollegen von der Firma Erden-Lehmbau aus dem österreichischen Schlinz fertigt er die Bauelemente für die neue Firmenzentrale des Biolebensmittelunternehmens Alnatura in Darmstadt an. „Was in Stuttgart abfällt, wird hier in Darmstadt verbaut“, sagt Sabrina Behnke, Koordinatorin des Alnatura-Bauprojekts.

Das Besondere an dem neuen Firmensitz, von Alnatura „Campus“ genannt: Das dreistöckige Hauptgebäude wird eine Lehmfassade besitzen. Seit Juni wird auf dem rund 55 000 Quadratmeter großen ehemaligen Militärgelände gebaut, für den kommenden Donnerstag ist die Grundsteinlegung geplant. „Wir rechnen damit, im Frühjahr 2018 von Bickenbach nach Darmstadt umziehen zu können“, sagt Behnke.

Grund für die Verlegung des Firmensitzes ist, dass die bisherigen Büroflächen in Bickenbach zu klein geworden sind für die 450 Mitarbeiter in der Firmenzentrale. „Wir mussten schon in Alsbach Büros anmieten, in Darmstadt sitzen dann alle Mitarbeiter unter einem Dach“, sagt Behnke. Die Kosten für den Bau und den Umzug belaufen sich laut Alnatura auf einen „mittleren zweistelligen Millionenbetrag“.

Die neue Firmenzentrale wird rund 13 500 Quadratmeter Fläche haben und Platz für rund 500 Mitarbeiter bieten. Von der Eschollbrücker Straße aus wird ein neuer Zugang zu dem bisher streng abgeschirmten Gelände entstehen. Neben der Firmenzentrale sollen auch ein Waldorfkindergarten auf dem Gelände gebaut werden sowie Flächen für Gärten entstehen. „Wir möchten nicht nur einen Arbeitsort schaffen, sondern ein Gelände zum Begegnen, Lernen und Erholen“, sagt Behnke.

Momentan werde noch ausgelotet, ob auch der Kindergarten eine Lehmfassade erhalten wird. „Der Kindergarten hat einen runden Grundriss, da müssen wir schauen, ob sich das auch mit den Lehmelementen machen lässt“, sagt Behnke. Der Waldorfkindergarten wird sich in externer Trägerschaft befinden, über ein Auswahlverfahren soll sichergestellt werden, dass sowohl Kinder aus der Stadt wie von Mitarbeitern dort betreut werden können.

In der Firmenzentrale selbst soll ein vegetarisches Biorestaurant untergebracht werden. „Das wird privat geführt und soll an allen Tagen geöffnet sein – eben ein Angebot für alle Darmstädter“, sagt Behnke. Mit Schulen und Initiativen sollen gemeinsam Pacht- und Erlebnisgärten auf dem Gelände entstehen. „Wer zu uns kommt, soll sehen können, wie etwa eine Karotte wächst“, sagt Behnke. Für die Zeit nach der Eröffnung 2018 plant Alnatura noch den Bau eines Supermarktes auf dem Gelände, der als „Blaupause“ und Versuchsmarkt für neue Filialen dienen soll.

Im Augenblick aber gehört noch viel Fantasie dazu, sich das künftige Gelände vorzustellen: Bagger haben die Baugrube für den Firmensitz ausgehoben, auf Geröllbergen wird der Beton der einst versiegelten Flächen gesammelt. „Bis auf die Parkplätze wird das Areal entsiegelt“, sagt Behnke.

In einer ehemaligen Fahrzeughalle ist die Arbeitsstraße für die Lehmelemente untergebracht: Da diese rund 32 Meter lang ist, musste eine Wand eingerissen werden. „Für die Fassade werden rund 380 Lehmelemente benötigt“, sagt Leonar Stieger, Vorarbeiter von Erden-Lehmbau. Drei Tage braucht es, bis acht der jeweils 3,5 Meter langen und 69 Zentimeter dicken Elemente festgestampft sind.

„Ganz neu ist, dass es gedämmte Wände sind. Das gab es bisher noch nicht“, sagt Stieger. Durch die Lehmwände soll in der Firmenzentrale ein gutes Raumklima herrschen, außerdem sei Lehm ein besonders ökologischer Baustoff. „Wir kooperieren mit einer Münchner Hochschule, um die Energieeinsparung durch Lehmbau analysieren zu lassen“, sagt Behnke.

Darmstadts Gewinn ist jedoch Bickenbachs Verlust: „Der Wegzug tut mir leid, ich schätze Alnatura hier sehr“, sagt Bickenbachs Bürgermeister Günter Martini (CDU). Alnatura gehöre zu den zehn größten Gewerbesteuerzahlern der Gemeinde. „Auch Alnatura ist es zu verdanken, dass wir mit 280 Punkten mit die niedrigste Grundsteuer in Hessen haben.“ Für das Gelände gebe es bereits Interessenten, Martini wünscht sich, dass sich dort wieder ein Unternehmen aus dem Dienstleistungssektor ansiedelt.

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