Gesetzesänderung gefordert

Sexuelle Belästigung ist kein Kompliment: Junge Frau aus Hessen startet Petition gegen „Catcalling“

  • vonJoel Schmidt
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Verbale sexuelle Übergriffe werden vom deutschen Strafrecht noch immer als Kavaliersdelikt behandelt. Eine Petition gegen „Catcalling“ will das ändern.

  • Sexuelle Belästigungen, die ohne Körperkontakt stattfinden, werden als „Catcalling“ bezeichnet.
  • Eine Petition aus Hessen fordert, dass „Catcalling“ auch in Deutschland unter Strafe gestellt wird.
  • Bislang haben über 60.000 Menschen die Petition im Internet unterzeichnet.

Frankfurt – Ein Hinterherpfeifen auf der Straße, Kussgeräusche beim Vorbeigehen, einen Spruch über das Aussehen gedrückt bekommen: Für diese Form der verbalen sexuellen Belästigung hat sich auch in der deutschen Debatte in den vergangenen Jahren der Begriff „Catcalling“ etabliert. Was von den meisten Männern vermutlich verharmlosend als „Kompliment“ bezeichnet wird, erleben viele Frauen als einen sexuellen Übergriff. Doch nach deutschem Recht stellt verbale sexuelle Belästigung keinen eigenen Straftatbestand dar. Dies möchte die Studentin Antonia Quell (20) aus Fulda ändern und hat daher die Online-Petition „Es ist 2020. Catcalling sollte strafbar sein“ gestartet.

„Catcalling“ in Deutschland: Petition gegen verbale sexuelle Belästigung

In der Begründung der Petition kritisiert die Initiatorin*, dass nach geltender Rechtssprechung in Deutschland die Voraussetzung für den Straftatbestand einer sexuellen Belästigung ein sexuell bestimmter Körperkontakt sei. Doch da sexuelle Übergriffe, wie sie unter dem Begriff „Catcalling“ zu fassen sind, auf der verbalen Ebene stattfinden, greift der entsprechende Artikel 177 aus dem Strafgesetzbuch in diesem Fall nicht. Das führt die Fuldaer Studentin zu der rhetorischen Frage: „Das heißt also, sexuelle Belästigung ohne Anfassen ist in Ordnung?“

Das Model Bonnie Strange trägt eine für jedermann verständliche Botschaft auf ihren Knöcheln. (Symbolbild)

Petition gegen verbale sexuelle Belästigung: Zehntausende Unterschriften gegen „Catcalling“

Nein, sexuelle Belästigung ist auch ohne Körperkontakt nicht in Ordnung – dieser Auffassung haben sich mittlerweile (Stand: 12.11.2020, 16 Uhr) mehr als 66.000 Menschen angeschlossen, indem sie die im August 2020 gestartete Petition gegen „Catcalling“ unterschrieben haben. Die Petition läuft noch bis Ende November und soll dann Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) übergeben werden, damit sich der Petitionsausschuss des Bundestags damit auseinandersetzt. In Frankreich ist „Catcalling“ bereits seit 2018 strafbar und kann mit Geldstrafen von bis 750 Euro geahndet werden. In Belgien, den Niederlanden und Portugal stellt es ebenfalls einen eigenen Straftatbestand dar. Unterstützt wird die Petition gegen „Catcalling“ von folgenden Organisationen:

  • The Female Company GmbH
  • EMMA Magazin
  • UN Women Deutschland
  • TERRE DES FEMMES e.V.
  • Pinkstinks Germany e.V.
  • Frauenhorizonte – Gegen sexuelle Gewalt e.V.

Verbale sexuelle Belästigung: Warum Männer von „Catcalling“ Gebrauch machen

Doch warum greift man(n) überhaupt zum „Catcalling“?* Forschende der gemeinnützigen Organisation „Stop Street Harrassment“ aus dem US-amerikanischen Reston betonen, dass verbale sexuelle Belästigungen eine Form sein können, um Druck, Stress und Frustrationen abzubauen und häufig mit einem Macht- und Kontrollwunsch verbunden seien. Auf ihrer Homepage schreiben sie, dass Fälle von „Catcalling“ in der Regel von Männern ausgingen, die das Gefühl hätten, dass die Welt ihnen etwas schulde: „Deshalb erleben sie sexuelle Befriedigung, wenn sie sexuelle Anspielungen gegenüber Menschen äußern, die ihnen in der Situation, in der sie das tun, ausgeliefert sind.“

Petition gegen „Catcalling“: Eindeutige Reaktionen gegen sexuelle Belästigung

Die bisherigen Reaktionen auf die Petition zum Thema „Catcalling“ verdeutlichen, wie dringlich verbale sexuelle Belästigung auch strafrechtlich geahndet werden sollte. So gaben 70 Prozent derjenigen, die die Petition gegen „Catcalling“ bereits unterschrieben hatten, als Begründung an, selbst direkt vom Thema betroffen zu sein. Dies äußert sich auch in den Kommentaren auf der Homepage der Petition.

„Wieso muss ich mir mit zwölf von meiner Mutter beibringen lassen, wie ich mich in solchen Situationen zu verhalten habe?“, fragt eine Nutzerin und beklagt, dass stattdessen nicht Männern beigebracht werde, wie man sich Frauen gegenüber respektvoll zu verhalten habe. Andere Unterstützende der Petition schreiben, dass sexuelle Übergriffe zum Alltag vieler Frauen gehörten. „Diese Erfahrung kann schlimme negative Folgen für die betroffene Person haben“, äußert sich eine Befürworterin der Petition gegen „Catcalling“. Verbale sexuelle Belästigung dürfe keine Normalität sein, von daher lautet ihr Fazit: „Wenn das Gesetz sich gegen Catcalling ausspricht, ist dies ein großer, notwendiger Schritt in die Richtung, die Thematik nicht mehr zu tabuisieren und klar zu machen, dass es das Problem gibt und dass Catcalling nicht okay ist.“ (Joel Schmidt) *fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © Roland Weihrauch/dpa

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