Zwischen den Grenzen

  • Georg Leppert
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Flüchtlinge auf dem Airport sind in Deutschland, aber nicht eingereist

Gebäude 587 ist nicht einfach zu finden. Wer es erreichen will, muss bei Zeppelinheim runter von der Autobahn, die Air Base rechts liegen lassen, das Flughafen-Tor 32 passieren und dann vorbeifahren an den zahlreichen Speditionen, die sich im Süden der Start- und Landebahnen niedergelassen haben. Mehrere hundert Lastwagen sind hier täglich unterwegs, auf riesigen Betriebshöfen werden Kisten und Paletten verladen, es riecht nach Abgasen. Alltag in der Cargo City. Am Rande des Geländes befindet sich eine Kläranlage; daneben steht Gebäude 587, die Unterkunft für Asylsuchende am Frankfurter Flughafen.

Niemandsland - so wird der Bau oft genannt. Schließlich, so hat Michael Dewenter schon häufig gehört, befinde sich die Einrichtung gar nicht auf deutschem Staatsgebiet. Ein Trugschluss. Auch Gebäude 587 gehöre zur Bundesrepublik, in der gesamten Einrichtung gelte deutsches Recht, sagt Dewenter, der die für Asylfälle zuständige Inspektion des Bundesgrenzschutzes (BGS) leitet: "Das Haus zählt zur ausgelagerten Transit-Zone."

Wer hier lebt, ist zwar schon in Deutschland, aber eben noch nicht offiziell eingereist. Und damit das auch so bleibt, bis das Verwaltungsgericht über seine Zukunft entschieden hat, ist der Bau gesichert wie ein Gefängnis: Mauern, starke Scheinwerfer, die den Innenhof ausleuchten, Übersteigschutz, Scheinwerfermasten vor dem Tor.

"Ganz klar, es herrschen dort haftähnliche Zustände", sagt der Frankfurter Rechtsanwalt Abdul Issa, der sich auf Asyl- und Ausländerrecht spezialisiert hat und Mandanten, die in der Unterkunft leben, während ihres Verfahrens betreut. Die "haftähnlichen Zustände" vermag der Bundesgrenzschutz definitiv nicht zu erkennen. Ein Gefängnis sei die Unterkunft bestimmt nicht, betont Pressesprecher Klaus Ludwig. Jeder Flüchtling könne das Gebäude jederzeit verlassen, "allerdings nur in eine Richtung". Zurück ins Herkunftsland. Auch Klaus Meßmer, der Leiter der Einrichtung, stellt klar: "Wir sind hier nicht im Gefängnis."

Immerhin sind sich alle Beteiligten des so genannten Flughafenverfahrens in einem einig: Die Unterkunft in der Cargo City, die vor etwa anderthalb Jahren eröffnete, hat nichts mehr gemeinsam mit dem berüchtigten Gebäude 182 zwischen Terminal 1 und Terminal 2, in dem die Flüchtlinge vorher untergebracht waren. In dem neuen Gebäude gibt es nur noch Vierbett-Zimmer, tagsüber können die Flüchtlinge einen 1500 Quadratmeter großen Innenhof mit Fußballplatz und Spielgeräten für Kinder nutzen, mehrere Aufenthaltsräume stehen zur Verfügung, im Fernseher laufen auch ausländische Programme, es gibt eine kleine Bibliothek, ein Spielzimmer und einen Gebetsraum.

Die alte Unterkunft zwischen den Terminals hingegen sei ein "besserer Frachtraum mit Stacheldrahtverhau und Kerosingestank" gewesen, sagt Rechtsanwalt Issa. Wer jenen Bau gesehen habe, könne die neue Einrichtung nicht kritisieren.

In der Tat gehe es den Asylsuchenden in der Cargo City besser als früher im Gebäude 182, sagt auch Bernd Mesovic von der Hilfsorganisation Pro Asyl, deren Mitglieder nicht aufhörten, die Zustände im alten Bau zu kritisieren - bis sich das Land Hessen entschloss, Gebäude 587 von der Fraport zu mieten. In der alten Unterkunft habe es eine ganze Reihe von Suizid-Versuchen gegeben, berichtet Mesovic. Im Mai 2000 nahm sich dort die algerische Asylbewerberin Naima Hajar das Leben. Sie erhängte sich in den Duschräumen, nachdem sie acht Monate im Transit zugebracht hatte.

Bis zu 100 Flüchtlinge finden in der neuen Einrichtung Platz, doch voll belegt waren die Zimmer noch nie. Nur etwa 30 Menschen halten sich in der Regel im Transit auf. Was nicht weiter verwunderlich ist, denn die Zahl der Asylbewerber, die auf Rhein-Main landen, ist laut BGS-Sprecher Ludwig seit Ende der achtziger Jahre deutlich zurückgegangen. Während 1987 und 1988 noch mehr als 18 000 Menschen in Frankfurt um Asyl baten, waren es in den vergangenen Jahren nur noch etwa 1000 Menschen. Gründe seien das verschärfte Asylrecht und die Öffnung der Grenzen in Osteuropa, sagt Ludwig: "Seit die Grenzen passierbar sind, versuchen es viele auf dem Landweg."

Nur selten sind Ludwigs Kollegen in der Flüchtlingsunterkunft zu sehen. Vertreten ist der BGS nur an der Pforte, der Eingang zum Gebäude ist eine offizielle Grenzstation. Für die Sicherheit in der Unterkunft ist ein privater Schutzdienst verantwortlich, beauftragt vom hessischen Sozialministerium.Mit der Betreuung der Flüchtlinge hat der Sicherheitsdienst wiederum nichts zu tun. Die leistet der Flughafensozialdienst. Noch. Das Land Hessen hat den Vertrag mit der Einrichtung, die vom Evangelischen Regionalverband und der Caritas getragen wird, zum Jahresende gekündigt. Das Land will so Arbeitsplätze schaffen für die Bediensteten der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Schwalbach, die Ende des Jahres geschlossen wird. Viele, wie etwa Abdul Issa, bedauern die Entscheidung aus Wiesbaden. Der Sozialdienst kümmere sich sehr gut um die Flüchtlinge, sagt der Jurist. Die Mitarbeiter täten weitaus mehr, als beim Ausfüllen von Anträgen behilflich zu sein, sie hätten das "Fingerspitzengefühl", das für die Betreuung von Asylsuchenden nötig sei. Zudem sei die Rolle des Sozialdienstes gerade bei minderjährigen Flüchtlingen sehr wichtig.

Doch alle Plädoyers für den Sozialdienst scheinen nichts zu helfen: Jean Claude Diallo vom Evangelischen Regionalverband sucht derzeit neue Arbeitsplätze für die 19 Mitarbeiter, die in der Unterkunft am Flughafen tätig sind. Einfach ist das nicht. Ganz aus der Betreuung von Asylsuchenden am Flughafen werden sich Diallos Mitarbeiter aber nicht zurückziehen. Immerhin behalten sie zwei Räume in der Unterkunft. Der Sozialdienst kann sich mit zwei Betreuern weiter um die Bewohner kümmern. Auf eigene Kosten und längst nicht so intensiv wie früher, wie Diallo klarstellt.

Ein paar Meter entfernt von Gebäude 587 wird unterdessen wieder gehupt, ein Lastwagen blockiert den Weg. Andere LKW-Fahrer fluchen. Es riecht immer noch nach Abgasen. Alltag in der Cargo City. Alltag kurz hinter der Grenze zu Deutschland.

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