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Blüten aus Kanada sind derzeit nicht auf dem Markt.

Gesundheit

Cannabis ist knapp

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Wegen Lieferengpässe können Apotheken ihre Patienten nicht angemessen versorgen. Schuld könnte die Legalisierung in Kanada sein.

Für Martin Müller war die Freigabe von Cannabis als Medikament vor zwei Jahren ein großer Segen. Es macht die Phantomschmerzen einigermaßen erträglich, die ihn seit dem Verlust einer Hand vor 22 Jahren quälen. Doch im Moment ist es nahezu unmöglich, die richtige Sorte Blüten zu bekommen: „Ich renne von Apotheke zu Apotheke und lasse mir überall etwas reservieren“, sagt der 42-Jährige, der in Wirklichkeit anders heißt.

Wann die nächste Lieferung kommt, ist offen: „Seit August werden wir Monat für Monat vertröstet“, sagt Malika Hannun, Pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte in der Bock-Apotheke in Frankfurt-Bockenheim. Die Folge für die Schwerkranken sei meist eine schlechtere Versorgung, denn sie müssen auf eine andere Sorte umsteigen. Und sie müssen diese Änderung mit ihrem Arzt besprechen. „Der ruft mich dann an.“ Manchmal muss auch noch die Krankenkasse eingeschaltet werden.

Es ist nicht so, dass überhaupt keine Cannabisblüten auf dem Markt zu haben sind, stellt Hannun klar. „Bei den Sorten aus Holland haben wir keine Probleme.“ Komplett versiegt ist aber die Quelle aus Kanada - ein bundesweites Phänomen. Sie macht dafür die neue Gesetzeslage verantwortlich: Im vergangenen Herbst hatte Kanada den Anbau, Verkauf und Gebrauch von Cannabis legalisiert. Als zweiter Staat der Welt nach Uruguay. Nun, meint Hannun, wird wohl die gesamte Ernte im Land konsumiert, für den Export bleibt nichts mehr übrig.

Regelmäßige Probleme bereiteten auch die Zollkontrollen: „Da bleibt bei der Prüfung immer wieder mal was stecken.“

Seit zwei Jahren dürfen Ärzte in Deutschland Cannabisblüten und -extrakte auf Rezept verschreiben. Profitieren sollen davon solche Menschen, die unter starken, chronischen Schmerzen, Spastiken und anderen schweren Krankheiten leiden, die mit herkömmlichen Arzneimitteln nicht therapierbar sind.

Viele Patienten schätzen die Vorteile gegenüber den Opiaten, sagt Hannun: „Cannabisblüten machen nicht so abhängig.“ Und es gebe keine Nebenwirkungen wie bei den Opiaten, die zum Beispiel auf den Magen oder Darm schlagen.

Der Effekt, sagt Martin Müller, sei schwer beschreibbar: „Der Körper entspannt sich, man kann die Nervenschmerzen ausschalten.“ Es sei wie eine kleine Betäubung: „Man bekommt Gelassenheit.“ Der 42-Jährige hat schon einige Cannabissorten getestet und weiß: „Manche Gräser verträgt man nicht.“ Allerdings trete mit der Zeit ein Gewöhnungseffekt ein, so dass man auf ein anderes Produkt umsteigen muss: „Eigentlich sollten immer drei hochprozentige THC-haltige Gräser in den Apotheken verfügbar sein.“

Im Moment wäre er schon froh, wenn endlich eine Sorte verlässlich lieferbar ist. Bis dahin klappert er regelmäßig Apotheken ab und erfährt immer wieder: „Es ist nichts für mich da.“

Cannabis als Heilmittel

Der Arzt entscheidet , ob Cannabis als Therapie infrage kommt. Bei der ersten Verordnung muss die Kostenübernahme vorab bei der Krankenkasse beantragt werden. 

Bedingung ist eine schwerwiegende Erkrankung, bei der es zu einer Behandlung mit Cannabis-Arznei keine Alternative gibt. Es muss die Aussicht bestehen, dass sich der Krankheitsverlauf oder schwerwiegende Symptome positiv beeinflussen lassen. 

Derzeit wird Cannabis zu medizinischen Zwecken komplett aus dem Ausland importiert. Vor zwei Wochen hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die ersten Zuschläge im Vergabeverfahren für den Anbau in Deutschland geben. Mit einer ersten Ernte ist für das vierte Quartal 2020 zu rechnen. (jur)

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