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Zelten direkt am Wasser ist fast wie draußen schlafen.
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Zelten direkt am Wasser ist fast wie draußen schlafen.

Camping

Camping in Hessen: Aufwachen mit den Blesshühnern

  • Jutta Rippegather
    VonJutta Rippegather
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Zelten ist nichts für Langschläfer und Weicheier. Schon der King badete im Gederner See seinen Körper .

Die schönste Begegnung ist die mit Nils. Den aufgeweckten kleinen Mann im Nachbarzelt muss man einfach sofort ins Herz schließen. Spätestens als er fröhlich winkt und uns zuruft: „Tschüss, ich fahre jetzt Boot.“ Die Mutter kennen wir auch schon. Die hat uns gleich am Anfang angesprochen, als wir damit begannen, die Luftmatratze aufzupusten. „Wollen Sie unseren elektrischen Blasebalg?“ Klar wollen wir den. Und im Nu ist das Monster aufgeblasen, das im Vergleich zur gewöhnlichen Isomatte ein wahrer Luxus ist. Dafür echt schwer. Aber Gewicht spielt bei einer Anreise per Auto keine Rolle.

Die Fahrt war nicht lang. Unser Reiseziel heißt Gedern, ein kleiner Ort im Wetteraukreis am Rande des Vogelsbergs mit Schloss, erstaunlich vielen Geschäften an der Hauptstraße und einem wunderschönen See, der sich aus einem Bach speist. Direkt an dem Gewässer befindet sich der Campingplatz, auf dem wir unser Zwei-Leute-Zelt am Ufer aufgebaut haben. Und wir sind bei weitem nicht die einzigen aus der Rhein-Main-Region, die hier eine Auszeit vom Alltag suchen. Nils und seine Mutter samt zwei Freundinnen kommen aus dem Main-Kinzig-Kreis, die vierköpfige Männergruppe zu unserer Rechten erklärt gerade dem Besitzer des Wohnwagens aus Schweinfurt, wo genau ihr Wohnort Bad Homburg liegt. Hinter uns stehen zwei Wohnmobile mit dem Kennzeichen DI. Zwischen die Fahrzeuge ist eine Plastikplane gespannt. Noch ist es ruhig dort. Noch. Das wird sich ändern.

Rund 150 Campingplätze gibt es in Hessen; die in Ferienregionen wie dem Edersee sind voll. Auch anderorts empfiehlt es sich, rechtzeitig zu reservieren, um noch einen Platz zu erwischen, sagt Reinhold Becker, Geschäftsführer des Verbands der Campingwirtschaft in Hessen (VCH). Die Branche boomt. Seit Jahren verzeichnet sie Zuwächse. Becker ist sicher: Corona werde diesen Trend noch verstärken. „Die Leute wollen in Deutschland bleiben, werden nicht mehr so viel fliegen.“ Das ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern auch fürs Geschäft. Auch wenn Hessen es bislang noch nicht geschafft hat, unter die Top 10 der beliebtesten Reisedestinationen des Inlandstourismus zu kommen.

Die Betreiber strengen sich an. Am Gederner See, Wassertemperatur 21 Grad, gibt es nicht nur einen schönen Strand mit modernen Toilettenanlagen und Duschen. An der „Adventuregolfanlage“ bildet sich auch mal eine Warteschlange. Wem Spaghetti vom Campingkocher zu schnöde sind, den verköstigt ein Restaurant mit deutsch-indisch-italienischer Küche. Es gibt auch einen Kiosk mit einfachen Gerichten und Nachschub für den Fall, dass Wein oder Bier ausgehen.

Ende der 70er Jahre ging es hier richtig los mit dem Camping. Viele Holländer kamen, Familien mit Kindern, Rentner, die als Dauercamper auch mal über mehrere Wochen ihre Wohnung in Frankfurt oder Mainz gegen den Stellplatz mit kleinem Garten tauschen. Der im rund 35 Kilometer entfernten Friedberg stationierte Elvis Presley verweilte während seiner Militärzeit gerne hier. So steht es auf dem Denkmal, das eher wie eine Grabstätte daherkommt und an den Rock’n’Roll-Star erinnert. Es muss wohl einen ziemlichen Auflauf gegeben haben, wenn der King sich hier am Ufer sonnte.

Inzwischen machen andere Töne die Musik. Das hören wir nach unserem Spaziergang um den See samt Erkundung des großen Geländes. Bumm, bumm, bumm. Die Gruppe hinter uns hat die Anlage angeworfen. Die vier aus dem Hochtaunus kontern mit Musik aus den 80ern. Eine Kakophonie, die uns bis in den späten Abend begleiten wird. Wer zeltet, darf in seinem Musikgeschmack nicht wählerisch sein. Erst recht nicht am Wochenende.

Es gibt einiges nachzuholen. Wegen Corona waren in Hessen die Campingplätze bis zum 15. Mai dicht. Ein schwerer Schlag für die Betreiber. „Die ersten Wochen werden wir nicht mehr aufholen können“, sagt VCH-Geschäftsführer Becker. Und auch jetzt gibt es Auflagen. Die Rezeption darf nur einzeln und mit Maske betreten werden. In den Anlagen mit Toiletten und Duschen ist ebenfalls Abstand zu halten, sind Mund und Nase zu bedecken. Doch die wenigsten Gäste kümmern sich darum – was die Reinigungsfrau am Morgen zu einer Schimpftirade veranlasst.

Ein bisschen anarchischer als in einem Hotel geht es nun mal zu auf einem Gelände, auf dem sich Menschen aller Altersgruppen und Berufe tummeln. Wo Wohnmobile im Wert eines halben Einfamilienhauses neben dem schnöden Zwei-Leute-Zelt steht. „Camping ist Freiheit, man ist nicht an feste Zeiten gebunden“, sagt Geschäftsführer Becker. Das betrifft leider auch das Thema Nachtruhe, wie wir wieder einmal feststellen müssen. Es lebe die Firma Ohropax, die für solche Fälle etwas produziert, das man unbedingt dabei haben sollte.

Am Morgen sind wir schon um sieben Uhr wach. Das Gras ist feucht. Die Sonne scheint. Still ruht der See, die Blesshühner und Enten plantschen vor sich hin. Köpfchen unter Wasser, Schwänzchen in die Höh’. Ein Schwarm Wildgänse schnattert vorbei. Der Geruch diverser Feuerstellen liegt noch in der Luft. Ein Augenblick, der die etwas kühle und unbequeme Nacht schnell vergessen lässt. Und dann tritt auch noch der kleine Nils aus dem Zeit nebenan und schenkt uns ein Lächeln: „Guten Morgen!“

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