Der Inhalt kann ein Leben retten: Die Kühlbox steht im Operationssaal für die Transplantation bereit.EPD
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Organspende in Hessen

"Zeit für den Zusatz-Job ein wunder Punkt"

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Axel Rahmel, ist Vorsitzender der Stiftung Organtransplantation, er erklärt im Interview wie Organspender identifiziert werden. In hessischen Kliniken machen das Transplantationsbeauftragte, viele von ihnen klagen sie hätten zu wenig Zeit dafür.

Es gibt bessere Aufklärung über Organspenden, doch die Zahlen sinken. Wie kann das sein?
An einer gesunkenen Zustimmung kann es nicht liegen. Aus einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung geht hervor, dass über 70 Prozent der Bevölkerung einer Organspende zustimmen würden. Aus unseren Dokumentationen von Gesprächen mit Angehörigen wissen wir, dass die Zustimmung relativ stabil bei rund 60 Prozent liegt.

Was hat sich geändert ?
Auffällig ist, dass die Zahl der Meldungen von potenziellen Spendern an die DSO aus den Entnahmekrankenhäusern insgesamt in den letzten Jahren zurückgegangen ist. Aktuell stellen wir aber wieder eine Zunahme fest.

Vergleicht man die Kliniken in Hessen, gibt es gewaltige Unterschiede. Wie lässt sich das erklären?
Voraussetzung für eine Organspende ist eine schwere Hirnschädigung, die zum irreversiblen Hirnfunktionsausfall führt. Es gibt Krankenhäuser mit neurochirurgischen Abteilungen, die sich auf die Behandlung solcher Patienten spezialisiert haben. Bei denen ist häufiger mit einem Spender zu rechnen als an Häusern ohne eine solche Abteilung.

Das Problem ist aber auch, ob Experten vor Ort sind, die einen möglichen Spender identifizieren. Hat in Hessen jede Klinik inzwischen einen solchen Transplantationsbeauftragten?
In Hessen sind alle Entnahmekrankenhäuser inzwischen benannt und haben einen Transplantationsbeauftragten. Derzeit werden sie von der Landesärztekammer geschult. Dabei geht es um die gesetzlichen Grundlagen, aber auch um die Frage, wie man einen möglichen Organspender überhaupt erkennt. Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam mit den Krankenhäusern den Wunsch des Verstorbenen umzusetzen, der sich für eine Organspende entschieden hat. Dabei wollen wir als DSO die Transplantationsbeauftragten so gut wie möglich unterstützen.

Nun ist die Personalausstattung in Krankenhäusern nicht üppig. Fehlt Transplantationsbeauftragten oft die Zeit für diesen Zusatz-Job?
Das ist ein wunder Punkt. Einige beklagen, dass ihnen noch eine zusätzliche Aufgabe zugewachsen ist, ohne dass die Klinik ihnen die entsprechenden Freiräume einräumt, also die Zeit für diese Tätigkeit. Diese herausfordernde Aufgabe muss in den Kliniken eine entsprechende Würdigung und Anerkennung finden.

Was steht dazu im Transplantationsgesetz?
Dort steht, dass die Beauftragten in dem notwendigen Umfang freigestellt werden sollen. Doch die Realität ist eine andere. In einer Umfrage der Landesärztekammer haben viele Transplantationsbeauftragte angegeben, dass sie kein klares Kontingent zugewiesen bekommen haben. Die Finanzierung ist sukzessive erhöht worden, abhängig von der Anzahl der Todesfälle mit Hirnschädigung. Im Durchschnitt erhält eine Klinik derzeit rund 14 000 Euro im Jahr zur Finanzierung des Transplantationsbeauftragten

Sind Patientenverfügung und Organspende vereinbar?
Wenn in der Patientenverfügung steht, dass keinerlei intensivmedizinische Maßnahmen gewünscht sind, dann kann es nicht zur Organspende kommen. Die Voraussetzung ist die Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls bei künstlich aufrechterhaltener Herz- und Kreislauffunktion unter maschineller Beatmung. Wer einer Organspende zustimmt, sollte demnach in der Patientenverfügung formulieren, dass er im Falle, dass eine Organspende möglich ist, intensivmedizinischen Maßnahmen in einem kurzen Zeitfenster bis zur Organspende zustimmt. Dazu gibt es auch Empfehlungen auf der Webseite der Bundesministerien für Justiz oder Gesundheit.

Welche Folgen haben die Skandale um Wartelisten-Manipulationen und eine falsche Hirntod-Diagnose?
Die Wartelisten-Datenmanipulation hat zu einer Verunsicherung geführt. Das schlägt sich auf die Organspende durch. Nicht nur bei der Bevölkerung hat das Vertrauen abgenommen, das gilt auch für das Personal in den Kliniken. Bei den Berichten über eine angeblich fehlerhafte Diagnose des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls ging es letztlich um eine fehlerhafte Dokumentation der durchgeführten Untersuchungen. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren eingestellt, weil die Patientin eindeutig tot war. Nichtsdestotrotz rufen solche Berichte natürlich Ängste hervor.

Wie überprüfen Sie den Hirntod?
Wir als DSO überprüfen die korrekte Dokumentation der Untersuchungen des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls anhand der ausgefüllten Untersuchungsprotokolle. Hierzu haben wir Checklisten entwickelt, um gleichbleibende Sicherheitsstandards zu gewährleisten. Wir hoffen, dass dadurch eine solche Verunsicherung künftig vermieden wird.

Krankenkassen und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sollten die Bevölkerung alle zwei Jahre über Organspende informieren. Laut Ethikrat tun sie es mangelhaft. Was sagen Sie?
Die Aufklärung muss ergebnisoffen sein. Die Erfahrung zeigt, dass es die Glaubwürdigkeit und sogar letztendlich die Zustimmung fördert, wenn eine neutrale und sachliche Aufklärung stattfindet. Den meisten Menschen wird klar, dass man damit – über seinen Tod hinaus – einem Menschen helfen kann. Deshalb ist die im Gesetz festgelegte Entscheidungslösung im Ansatz richtig. Informieren, eine Entscheidung treffen und dokumentieren oder zumindest den Angehörigen mitteilen, damit diese Bescheid wissen.

Damit ist meine Frage nach Ihrer Zufriedenheit mit der Information nicht beantwortet?
Was man sich schon wünschen würde, ist eine individuelle Ansprache. Mit einem Standardschreiben ist das relativ schwierig. Ich wünsche mir, dass etwa die Hausärzte oder andere betreuende Ärzte oder auch Juristen bei der Beratung zur Patientenverfügung objektiv und sachlich informieren können.

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