Jahrgang 1964

Immer und überall die meisten

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Die Wahrheit über die Vierundsechziger: Wo wir aufkreuzen, ist schon jemand. Die Bekenntnisse eines ins Gedränge geborenen Pelikano-Schülers.

Dumm geboren – nix dazugelernt: einer der Leitsprüche meiner weisen Frau Mama. So scherzte man in den 60er Jahren. Noch heute trifft diese Konzeption voll auf unsere Generation zu. Denn erst jetzt wird beispielsweise mir klar, woher der Name Tansania kommt: Aus dem Zusammenschluss von Tanganyika und Sansibar, die jeweils eine Silbe zum neuen Staate besteuerten. Den Rest hat man dann wohl an der Bar geklärt.

Nicht, dass ich in Tansania geboren wäre. Nein, in Frankfurt. Aber ein Ausflug in die Chronik des Jahres 1964 ergibt unter anderem: Tansania kam drei Tage vor mir auf die Welt, am 26. April 1964. Wir sind also beide Stiere, und wir sind beide 64er. Ein guter Jahrgang.

Vor allem aber ein voller Jahrgang. Der vollste, den man sich vorstellen kann. Wo wir auch hinkommen, Tansania und ich ... oder sagen wir lieber: Wo wir auch hinkommen, Stefan, Sabine, Christian, Petra, Michael und ich, also wir 1964 Geborenen mit den typischen 1964er-Vornamen – wir sind immer und überall die meisten.

Als Bock fungiert

Wer stand 1969 in der zwölf Meter langen Schlange vor dem Softeis-Stand im Freibad? Stefan, Sabine, Christian, Petra, Michael und ich. Wer saß 1971 mit 40 anderen Kindern in einer Grundschulklasse der Heinrich-Seliger-Schule? Stefan, Sabine, Christian, Petra, Michael und ich. Wer musste 1974 bei den Sommerferienspielen am Goetheturm als Bock fungieren, weil nicht genug Turngeräte für das gleichnamige Springen zur Verfügung standen? Stefan, Sabine, Christian, Petra, Michael und ich. Wer balgte sich 1982 um einen Platz in der Fahrschule? Stefan, Sabine, Christian, Petra, Michael und ich. Und als wir einen Platz ergattert hatten, saß einer auf dem Fahrersitz und sieben auf der Rückbank. Oder so ähnlich jedenfalls.

Weiter. Wer musste 1983 erst mal Meteorologie studieren, weil alle anderen Fächer randvoll oder mit einem Zerberus von Numerus clausus gesichert waren? Stef…, nee, na gut, nur ich. Die anderen waren zwar auch dumm geboren, hatten aber mittlerweile dazugelernt, dass man für Meteorologie rudimentäre Grundkenntnisse in Physik brauchte. Und wer hatte keine, weil man in Klassen mit 40 Schülern nichts mitkriegte? Tja.

Wir können damit nahtlos weitermachen. Wer kam nicht in die Disco hinein, weil sie schon mit Gleichaltrigen voll war? Stefan, Sabine, Christian, Petra, Michael und ich. Verwunderlich in dem Zusammenhang: Wen riefen die Tanzschulen an und offerierten Gratiskurse, weil sie zu wenige Pubertierende mit Bartflaum hatten? Mich. Aber vermutlich auch Stefan, Christian und Michael. Jedenfalls nicht Sabine, Petra und Birgit. Vermutlich ist der 64er Jahrgang auch derjenige, der die meisten dem Gesellschaftstanz entfremdeten Männer hervorgebracht hat. Keine Ahnung, warum. Vielleicht taten uns sowieso schon fortwährend die Füße weh, weil wir einander immerzu drauf standen.

Nur aus Nächstenliebe

Wer brauchte eine Stunde zum Brötchenholen, kaum dass er alt genug war, um von den Eltern in die mit Kindern überfüllte Bäckerei geschickt zu werden? Stefan, Sabine, Christian, Petra, Michael und ich. Wem ist der unglaubliche Aufschwung der Schulheft- und Füllfederhalterindustrie (Geha und Pelikano) in den 70er Jahren zu verdanken? Stefan, Sabine, Christian, Petra, Michael und mir. Wer kaufte, historisch gesehen, die größte Menge an Zündplättchen und Platzpatronen zur Fastnachtszeit? Stefan (Old Surehand), Sabine (Ntschotschi), Christian (Buffalo Bill), Petra (Sindbad) und Michael (Winnetou I & II). Ich musste meist als Clown, Gespenst, oder Ölscheich gehen.

Folgerichtig habe ich auch den Wehrdienst an der Waffe verweigert. Wer noch? Stefan, Christian, Michael und all die anderen Stefans, Christians, Michaels und Thomasse. Deshalb richtete der Staat extra für uns diverse Kommissionen ein, die unsere Gewissen prüften. Okay, nicht nur die Gewissen der 64er, auch jene umliegender Jahrgänge. Aber wen ließen sie zweimal durchrasseln nach jeweils zweieinhalbstündiger Heißmangel aus hanebüchenen Notwehrsituationen, Landes- und Freundinnenverteidigungsfällen? Weil sie nicht all die Milliarden friedensbewegter 64er als Verweigerer anerkennen konnten? Mich. Ich bin trotzdem nicht hingegangen zur Bundeswehr. Ätsch. Obwohl ich reichlich Grund gehabt hätte, mich abzureagieren.

So. Wer findet, seit er dem Elternhaus entschlüpfte, keine Wohnung mehr in Frankfurt zum halbwegs vernünftigen Preis? Stefan, Sabine, Christian, Petra, Michael und ich. Wer finanziert die Renten von Karl-Heinz, Gisela, Helmut und Annemarie? Richtig: Stefan, Sabine, Christian, Petra, Michael und ich. Und für wen wird nichts mehr übrig sein, wenn er selbst ins Rentenalter kommt, weil Kevin, Lara, Murat und Mandy nicht genug erwirtschaften können? Jawoll.

Die Älteren werden mir entgegenhalten: Selbst schuld – wer hat denn kaum noch Kinder in die Welt gesetzt? Stefan, Sabine, Christian, Petra, Michael und ich. Schon klar. Aber doch nur aus Nächstenliebe! Habt ihr eine Ahnung, wie schlimm das ist, in der Zwölf-Meter-Schlange vor dem Softeis? Und wer hatte damals nicht mal Smartphones zum Zeitvertreib? Stefan, Sabine, Christian, Petra, Michael und ich. Andreas hatte wenigstens ein Jo-Jo.

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