Für Fraport ist eigentlich Ticona schuld

Gegnerische Anwälte zerpflücken die Gutachten der Flughafenbetreiberin - und auch intern grummelt es gewaltig

Von WOLFGANG SCHUBERT (OFFENBACH)

Die Szene war absolut untypisch. Verhandlungsleiter Günter Gaentzsch, ehemals Richter am Bundesverwaltungsgericht, vom Darmstädter Regierungspräsidenten (RP) für das schwierige Amt des Moderators im Erörterungstermin zum geplanten Flughafenausbau auserkoren und strikt auf Unparteilichkeit bedacht, platzte die Hutschnur. "Sollte der Lärm oberhalb der Zumutbarkeit liegen, könnte die Landebahn nicht gebaut werden oder Teile von Ticona müssten verlegt werden", befand Gaentzsch - ein klarer Hieb in Richtung des Lärmgutachters Professor Günter Scheu.

Scheu, vom Flughafenbetreiber Fraport zusammen mit drei weiteren Professoren als Fluglärm-Experte aufgeboten, hatte behauptet, für die Reduzierung des Fluglärms auf dem Gelände des Kelsterbacher Chemiebetriebes sei nicht Fraport als Verursacher verantwortlich sondern Ticona. Nach den Arbeitsstättenrichtlinien müsse Ticona dafür sorgen, dass sich der Lärm in verträglichen Grenzen halte. Das war selbst für Gaentzsch zu viel. Für die Rechtssprechung sei der Lärm, dem die Beschäftigten ausgesetzt seien, "sehr wohl ein relevantes Thema", befand der Ex-Bundesrichter. Er wolle einen "Nachbesserungsbedarf bei den Gutachten nicht ausschließen".

Dass ein paar Tage danach Gaentzsch-Vertreter Dietrich Hoepfner, Leiter des Dezernats Recht im RP, den Fraport-Justiziar Thomas Lurz zusammenstauchte, weil der Fraport-Mann partout die von Hoepfner vorgegebene Tagesordnung nicht akzeptieren wollte, passte gut ins Bild.

Fraport steht in Offenbach mächtig unter Druck. Die zahlreichen Anwälte der Anrainerkommunen, die allesamt gegen den Ausbau sind, haben die Gutachten der Lärmmediziner seziert und zerfleddert. Der Frankfurter Mediziner Rainer Rahn, Mitglieder der Anti-Ausbau-Initiative im Stadtteil Sachsenhausen, hat publik gemacht, dass ein jahrelang als richtungsweisend geltendes Gutachten von Professor Gerd Jansen auf einer Studie mit nur zwei kerngesunden jungen Männern beruhte.

"Fehlerhaft und unvollständig" sind für die Frankfurter Rechtsanwältin Ursula Philipp-Gerlach die vom Flughafenbetreiber Fraport vorgelegten Lärm-Gutachten. Auch ihr Kollege Bernhard Schmitz moniert die "ungewissene technische Kapazität eines Vierbahnensystems" und die "mangelhafte Berücksichtigung der besonderen Schutzbedürftigkeit von Kindern". "Überzeugend ist das Auftreten von Fraport wirklich nicht", bilanzierte ein RP-Mann die ersten drei Monate der Erörterung. Selbst Fraport-intern grummelt es gewaltig. Zwar verkündet Unternehmens-Sprecher Dieter Weirich pflichtgemäß, "dass unsere wesentlichen Positionen bestätigt worden sind". Hinter den Kulissen sind sich etliche Manager durchaus im Klaren darüber, "dass auf uns erheblicher Nachbesserungsbedarf zu kommt".

"Das ganze Gebilde fällt in sich zusammen", befand die Juristen Philipp-Gerlach am Donnerstag, als in der Offenbacher Stadthalle das Thema Lärm vorerst abgeschlossen wurde. Dabei ist erst ein Bruchteil der Lärmproblematik erörtert worden. Über so wichtige Bereiche wie das Nachtflugverbot oder aktiven und passiven Schallschutz wurde noch gar nicht gesprochen. Weil vereinbart ist, dass alle Tagesordnungspunkte, die in der vorgesehenen Zeit nicht bis zum 20. Februar abgehandelt wurden, danach erneut auf die Tagesordnung kommen, wird sicher bis in den April hinein verhandelt.

Dossier: Wächst der Flughafen weiter?

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