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Polizisten vor dem "Congresium" in Kelsterbach.

"Demo für alle"

Was Ehe ist, bestimmen wir

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Bei der "Demo für alle" haben die Referenten ein Untergangsszenario für das fundamental-katholische Lebensmodell dabei. Kinder werden in ein reaktionäres Weltbild gepresst - eine verdrehte Vorstellung von Mutterliebe. Unsere Analyse.

Um den Veranstaltungsort des Symposiums der „Demo für alle“ wurde ein Versteckspiel veranstaltet. War die Tagung im Vorfeld in Frankfurt angekündigt, erfuhren die angemeldeten Zuhörer*innen erst kurz vorher, dass die „Experten und Wissenschaftler“ ihre Vorträge im Niemandsland zwischen Kelsterbach und Raunheim halten würden. Da es scheinbar nötig sei, so die Frontfrau Hedwig von Beverfoerde, habe man „Kelsterbach kurzfristig eingemeindet“. Unter großem Polizeiaufgebot wurde denn auch das Congresium abgesperrt. Eine Gruppe von etwa 50 Protestlern hatte trotzdem den Weg dorthin gefunden, was der Ansprechpartner der Location, Tayfur Altintop, auf Facebook mit den Worten quittierte: „Die linken Ratten sind schon da.“

Keimzelle der Gesellschaft
Zur Begrüßung brachte von Beverfoerde die Zuhörer schon mal auf Temperatur. Für die Ehe zwischen Mann und Frau setze man sich ein; für die „Urzelle der Gemeinschaft, die die Familie ist“. Die solle nun gesellschaftspolitisch „aufgesprengt werden“; gar war vom „Kampf gegen Ehe und Familie“ durch die so verhasste „Genderideologie“ die Rede. „Wir sind tolerant, wir haben keinerlei Hass gegenüber homosexuellen Menschen. Aber das heißt nicht, dass sich deswegen jede Form Ehe nennen kann“, weshalb eine Normenkontrollklage vor dem Bundesverfassungsgericht angestrebt werde. Mit ihrer Wortwahl und Kampfrhetorik zeichnete Beverfoerde von Anfang an eine Gefahrensituation für das Vater-Mutter-Kind-Modell, das es gegen jedwede innergesellschaftliche Veränderungstendenzen zu verteidigen gelte. Diese Strategie sollte sich durch das Symposium ziehen.

Benedict sieht einen Verfassungsbruch – und auch wieder nicht
Besonders erbost Beverfoerde, dass die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet wurde. Der Jurist Jörg Benedict, der als Experte im Rechtsausschuss des Bundestags zur Ehe für alle gehört wurde, sollte den Beweis erbringen, dass dies gegen die Verfassung geschehen sei. Einer der Knackpunkte ist laut Benedict, ob eine Änderung des Bürgerlichen Gesetzbuches ausreiche, um Artikel 6 des Grundgesetzes „umzuinterpretieren“. In Artikel 6 heißt es wörtlich: (1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung. Um die Eheöffnung explizit zu machen, wurde der Gesetzestext §1353 BGB Die Ehe wird auf Lebenszeit geschlossen mit von zwei Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts ergänzt.

Für Benedict rechtshistorischer Unfug, da der Ehebegriff von den Verfassungsgebern 1949 eindeutig als heterosexuelle Reproduktionsgemeinschaft angelegt gewesen sei. Um dies zu belegen, zitierte er unter anderem die Weimarer Reichsverfassung von 1919. Weiter führte er die naturgesetzliche Tradition der Ehe an, die die Probleme der Demografie zu lösen und gleichsam die sittliche Ordnung sicherzustellen habe. Selbst im römischen Reich, wo der Mann gerne auch mit jüngeren Knaben lustwandelte, habe die eheliche Bindung zur Frau aufgrund der Reproduktion nie zur Debatte gestanden.

Entscheidendes Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2002
Benedict betonte mehrfach die Möglichkeit einer Verfassungsänderung, um schließlich selbst den Beleg zu liefern, dass dies eigentlich gar nicht notwendig war: Bereits 2002 hatte das BVerfG den Gesetzgeber in einem Urteil angewiesen, auch für gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften „Rechte und Pflichten vorzusehen, die denen der Ehe gleich oder nahe kommen. Dem Institut der Ehe drohen keine Einbußen durch ein Institut, das sich an Personen wendet, die miteinander keine Ehe eingehen können.“

Somit habe sich Artikel 6 bereits 2002  „stillschweigend gewandelt“, wie Benedict bedauerte. Und weshalb er „leider Wasser in den Wein gießen“ und der Ehe für alle schließlich doch eine „sowohl als auch “-Verfassungsmäßigkeit bescheinigen musste.  

Dass selbst der historische Bezug  auf wackeligen Beinen steht, formuliert der Jurist Hubertus Gersdorf, der den subjektiven Willen der Verfassungsgeber von 1949 als nicht relevant einstuft. „Weder dem Wortlaut noch der Systematik sowie Sinn und Zweck lassen sich entnehmen, dass mit Ehe im Sinne des Art. 6 Abs. 1 GG nur die Lebensgemeinschaft von Mann und Frau gemeint ist“. Doch ungeachtet dessen vollzog Benedict einen geschickten Kniff, indem er rechtshistorisch etwas als gegeben behauptete, was er rechtspraktisch am Ende nicht halten konnte. Und wer trägt daran die Schuld? Das Bundesverfassungsgericht, das 2002 bereits Rechtsbruch begangen habe.

Es ist eine komplizierte Materie, doch dürfte bei den Zuhörern das Wesentliche hängen geblieben sein: Nämlich dass die heterosexuelle Ehe, kulturhistorisch in Stein gemeißelt, durch die höchst richterliche Instanz nur mit unlauteren Mitteln gestürzt werden konnte.

Die Frau hat eine besondere Empathie
Nächster Referent war der Facharzt für Psychiatrie Christian Spaemann, der vom ehemaligen Journalisten und zehnfachen Vater Jürgen Liminski zum Thema „Brauchen Kinder Vater und Mutter?“ befragt wurde. Zur Identitätsbildung, so Spaemann, brauche jedes Kind natürlich Vater und Mutter. Es gebe eben nur diese zwei Geschlechter (Aufatmen im Publikum), die beide in ihrer Männlich- bzw. Weiblichkeit bestätigt werden müssten. Die Frau sei feinfühliger und habe eine Tendenz zu familienorientierten Entscheidungen, während der risikofreudige Mann mehr auf Karriere und Geld bedacht sei.

Ohne dem Vater fehle dem Sohn das Männliche, dem Mädchen gar das Mann-Frau-Gegenüber als „unschuldiges Spiel“. Als Gegenmodell zeichnete er das Bild eines schwulen Paares, das morgens im Badezimmer mit ihrer 13-jährigen Tochter „die erste Regel zu besprechen“ habe. Das könne „morgens im Badezimmer“ (wieso eigentlich morgens im Badezimmer?) nur eine Mutter, die der Tochter ja auch Schminktipps gebe und mit ihr Shoppen gehe. Umgekehrt erwarte ein vaterloser Junge als Azubi die Vaterrolle von seinem Meister, was natürlich überfordere und nicht funktionieren könne.

Falle ein „Identitätsbringer“ aus, habe das „seelische Wunden“ zur Folge – oder anders formuliert schade es dem Kind, bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufzuwachsen, da das Geschlechtsspezifische unter den Teppich gekehrt werde. Interessant an dieser Stelle, dass der Psychiater Spaemann noch nie jemanden behandelt hat, der mit zwei Müttern groß wurde: „Zu ‚Müttern alleine‘ kann ich viel erzählen, denke ich an zwei Mütter, wird mir schlecht.“ 

Als einen weiteren Grund gegen gleichgeschlechtliche Elternschaft führte er die Entstehung des Menschen im heterosexuell-ehelichen Beischlafkontext an, der natürlich erfolge, weshalb die Entstehung eines Kindes von Zufälligkeit und der gleichzeitigen Annahme geprägt sei. Womit er nicht nur einen Schlenker hin zur Reproduktionsmedizin vollzog, sondern auch dem nichtehelich gezeugten Kind die „Annahme“ absprach.

Spaemann referierte noch über die „Genderideologen“, doch sein Kernproblem ist die Homosexualität. Das unterstrich er in seinen Auslassungen über Jugendliche, die sich in ihrer Sexualität ausprobierten, was aber „selten zu einer stabilen Homosexualität“ führe. Umso schädlicher sei es, Jugendliche anzuregen, ihre Sexualität auszuleben. Man hindere sie daran, in die heterosexuelle Norm „zurückzufinden“  und das könne nicht im Interesse der Gesellschaft sein.  

Was der Facharzt für Psychiatrie referierte war an Feuerwerk aus patriarchalen Klischees tief aus der Mottenkiste mit einem erschreckenden Frauenbild. Sein Weltbild ist auf die heterosexuelle Bindung mit Gottes Segen reduziert, indem sämtliche emanzipatorische Errungenschaften im aufklärerischen als auch feministischen Bereich keinen Platz haben.

Leihmutterschaft in Deutschland verboten
Stephanie Merckens, Juristin und Leiterin der Abteilung Politik am Institut für Ehe und Familie der österreichischen Bischofskonferenz, sollte über „Leihmutterschaft auf dem Vormarsch – die rechtlich-ethische Situation“ referieren. Beverfoerde konnte sich nicht verkneifen, auf ihre Herkunft hinzuweisen: „Sie kommt aus Österreich – mittlerweile unsere Sehnsuchtsland“, freute sich diejenige, die ihren Verein stets als überparteilich behauptet.

Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten, von daher ist das eigentlich Interessante, warum dem Thema so viel Platz eingeräumt wurde. Zunächst führte Merckens  juristisch in die Thematik ein, um wohl der prominenten Birgit Kelle den Boden zu bereiten. Merckens schilderte bis ins kleinste Detail die verschiedenen Möglichkeiten, die sich aufgrund der Leihmutterschaft an Eltern-Kind-Beziehungen ergeben könnten – und dies wohl weniger, weil das aktuell ein gesellschaftliches Problem darstellt, als vielmehr ein Identitätschaos zu transportieren, das die Reproduktionsmedizin anrichte. Weiter dürfte sie ihre Zuhörerschaft mit juristischen Fallbeispielen und Spitzfindigkeiten überfordert haben, um schließlich zur Kernfrage zu gelangen: „Wollen wir Leihmutterschaft?“ Natürlich nicht, doch hierzu äußerte sich Birgit Kelle deutlich publikumsfreundlicher. 

Die Ehe für alle ist schuld am Untergang
Dass Birgit Kelle ordentlich vom Leder ziehen kann, weiß jeder, der schon einmal etwas von ihr gelesen hat. Von daher war ihr Auftritt der Erwartung entsprechend ein Themenmix aus ihren letzten Büchern, wobei sie die Kurve zur Leihmutterschaft dann doch hinbekommen hat. Die Legalisierung der Leihmutterschaft werde gesellschaftlich entschieden, legte sie los, um einen Diskurs einzufordern, der angeblich bei der Ehe für alle nie geführt worden sei.

Nur von Liebe sei gesprochen worden, doch müsse klar sein, dass über das Adoptionsrecht abgestimmt worden sei: „Wenn man die Ehe nicht abschaffen kann, muss man sie von Innen aushöhlen“, und nur, weil „68 nicht funktioniert“ habe, muss „jetzt jeder jeden heiraten können“, so Kelle. Was in der Konsequenz heißt, dass sie von den drei Männern, die irgendwann einmal eine Ehe schließen, phantasierte: Wer einmal die Ehe „umdefiniert habe“, der könne es – mit der Begründung des gesellschaftlichen Wandels – immer wieder tun.

Womit sie zur Leihmutterschaft überleitete, und hier kann es nach Kelles Ausführungen keine differenzierten Meinungen geben. Leihmutterschaft degradiere Frauen zu Brutkästen, die keine Bindung zum Kind aufbauen dürften, aber: „Wenn man darüber redet, wird man ja geköpft. Es ist wie im alten Rom“ – und Kelle hatte gerade erst angefangen.

Fazit
An Birgit Kelles inhaltlicher und kausal sicherlich wohl überlegter Themenmixtur konnte man ablesen, was die Ursache „für alle“ auf dieses auf Deutschland einstürzende Übel ist: die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Neben ihr hatten alle Referenten ein Untergangszenario für das fundamental-katholische Lebensmodell aufgebaut und eine Panik betextet, die mit der Lebenswirklichkeit nichts zu tun hat. Das Kernproblem dürfte hier die Akzeptanz der verschiedenen Realitäten sein, die eben nicht ins Alte Testament passen. Beachtenswert, dass sich auf diesem Symposium niemand auf mögliche Bedürfnisse der Kinder bezogen hat. Die Perspektive war stets die der Erwachsenen, mit dem Ziel, Kinder in ihr reaktionäres Weltbild zu pressen. Und das am Ende noch Mutterliebe zu nennen.

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