+
Wahlplakate in Wiesbaden.

Bundestagswahl 2017

Wahlkreis Wiesbaden: Ein Sozialdemokrat versucht die Wende

  • schließen

In der traditionellen CDU-Hochburg Wiesbaden kämpft SPD-Kandidat Simon Rottloff um das Direktmandat.

Im schönen und reichen Wiesbaden verwundert es nicht, dass bei Landtags- und Bundestagswahlen die Christdemokraten mit Abstand stärkste Kraft werden. Die einkommensstarken nordöstlichen Vororte Sonnenberg, Naurod und Frauenstein gehören zu den traditionellen Vorranggebieten der CDU. Auch im restlichen Stadtgebiet gibt es nur wenige Bezirke, in denen die Sozialdemokraten Gewinne einfahren. 2013 gelang dies der SPD nur in der Stadtmitte.

In den vergangenen Jahren triumphierte die CDU zudem mit einem starken Zugpferd. Kristina Schröder, von 2009 bis 2013 Bundesfamilienministerin, trat als Direktkandidatin für Wiesbaden an – und gewann das Mandat haushoch. In diesem Jahr steht die 39-jährige Politikwissenschaftlerin aber nicht mehr zur Verfügung. Die CDU hat sich für Ingmar Jung als Direktkandidaten entschieden, einen Staatssekretär, der politisch in der Stadt noch nicht in Erscheinung getreten ist. Er zog erst vor wenigen Monaten aus seiner Heimatstadt Eltville nach Wiesbaden.

Das könnte die Chance für Simon Rottloff sein. Der Direktkandidat der SPD arbeitet seit fünf Jahren daran, sich an der Basis bekannt zu machen und dort für sozialdemokratische Inhalte einzustehen. Der 40-jährige Bürokaufmann aus Wiesbaden fuhr schon bei den Bundestagswahlen 2013 respektable Ergebnisse ein, die seiner Beliebtheit zuzuschreiben sind. Er erreichte nicht nur im Stadtteil Kloppenheim, seinem Wohnort, fast 50 Prozent der Wählerstimmen und insgesamt 7,2 Prozent mehr Zustimmung für seine Person (Erststimme) als für die Partei (Zweitstimme). Im Vergleich zur Direktkandidatin von 2009, auch einer prominenten früheren Bundesministerin, Heidemarie Wieczorek-Zeul, verzeichnete er einen stadtweiten Zuwachs von 2,3 Prozent.

Könnte es einem Sozialdemokraten in der vornehmen Landeshauptstadt tatsächlich gelingen, das Direktmandat für Berlin zu erlangen? Ein Mann ohne Abitur und Hochschulstudium, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Sozialkasse des Baugewerbes Soka Bau, der mit seinem Hauptanliegen Gerechtigkeit im Beruf um Menschen mit kleinem Einkommen wirbt, um Pflegerinnen, Rettungssanitäter, Bäcker, Putzfrauen und Hartz-IV-Empfänger? Könnte ein Mann, der in seiner Jugend Schwierigkeiten hatte, eine Lehrstelle zu finden, und dies als prägend für sein Leben bezeichnet, mehr Stimmen erhalten als ein Abkömmling eines Weinguts im Rheingau mit zweitem juristischem Staatsexamen? Und der, das dürfte sich in Wiesbaden herumgesprochen haben, der Neffe des früheren CDU-Bundesverteidigungsministers Franz-Josef Jung ist?

Dafür spricht, dass es in Wiesbaden nicht nur die feinen Villen im Aukammtal gibt, sondern auch die Viertel der einfachen Leute wie in Amöneburg. Die soziale Spaltung ist enorm. Wiesbaden ist die Stadt der 100 Einkommensmillionäre und die hessische Stadt mit dem höchsten verfügbaren Haushaltseinkommen. Jedes vierte Wiesbadener Kind lebt aber in Armut. Die sozialen Unterschiede ziehen sich wie eine Narbe quer durch die Stadt. Die Wiesbadener nennen das selbstironisch Sozialäquator; er verläuft von Klarenthal im Nordosten über die Innenstadt und den Schelmengraben bis nach Amöneburg und Kastel im Südwesten.

Die Sozialraumanalyse weist für diese Stadtteile, zu denen je nach erfasstem Detail auch Erbenheim, Bierstadt oder Dotzheim gehören, eine überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit und Hartz-IV-Quote, besonders niedrige Schulabschlüsse und einen hohen Anteil an Migranten aus. Und einen hohen Anteil an Nichtwählern. Rottloff sagt, er habe sich auch in diesen Vierteln bekannt gemacht und ehrenamtlich beim Stadtteilprojekt „Soziale Stadt plus“ im Schelmengraben, einem Wohngebiet mit Sozialbau-Charakter, mitangepackt. Er bezeichnet sich als fest verwurzelt in der Stadt und ist Mitglied in über 20 Vereinen und Verbänden, darunter dem Deutschen Roten Kreuz, der Arbeiterwohlfahrt und der Freiwilligen Feuerwehr Kloppenheim.

Ingmar Jung dagegen kommt erst seit relativ kurzer Zeit in Kontakt mit den Wählern. Er hat zwar in Wiesbaden Abitur gemacht, aber nie dort gelebt. Um Wähler zu treffen, lud er auf der gerade zu Ende gegangenen Rheingauer Weinwoche täglich zum Gespräch ein.

Wie das Wahlergebnis ausfällt, hängt auch von der Wahlbeteiligung ab. Bei der Bundestagswahl 2013 lag sie in Wiesbaden bei unter 70 Prozent, unter der Bundes- und Hessenquote. Am wahlfreudigsten sind die Bürger der ländlichen Außenbezirke und der Viertel, wo die Wohlhabenden zu Hause sind, die klassische CDU-Klientel.

Die Kandidaten

Simon Rottloff
Simon Rottloff (40 Jahre) wächst in Wiesbadens Innenstadt auf und wohnt heute im Stadtteil Kloppenheim. In den 1990er Jahren findet er nach der Mittleren Reife keine Lehrstelle und überbrückt die Wartezeit mit diversen Aushilfsjobs und einem weiteren Jahr Schule – eine Erfahrung, die ihn nach eigener Aussage sehr geprägt hat. Er absolviert eine Ausbildung zum Bürokaufmann bei der Sozialkasse des Baugewerbes, der Soka Bau, wo er heute als Gesamtbetriebsratsvorsitzender tätig ist. Seit seiner Jugend engagiert er sich in der Gewerkschaft. Dem IG-BAU-Bezirksvorstand Wiesbaden gehört er seit 1998 ununterbrochen an. Als Landes- und Bundesjugendvorsitzender der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt gestaltet er von 2000 bis 2005 die gewerkschaftliche Jugendarbeit mit. Die aktive Arbeit in der SPD beginnt 2002, als er Mitglied im Vorstand der SPD Kloppenheim wird und später ihr Vorsitzender. Seit 2011 ist er Stadtverordneter in Wiesbaden, zurzeit stellvertretender Fraktionschef. Seit 2012 steht er der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen der SPD vor.

Rottloffs Hauptanliegen ist es, die Arbeitswelt gerechter zu machen. Unbefristete Jobs mit guter und tariflicher Bezahlung und guten Arbeitsbedingungen sollen zum Normalfall werden. Er möchte sich für mehr Weiterbildung für Arbeitslose und höheren Schutz für Hartz-IV-Empfänger, mehr Tarifbindung und Mitbestimmung in den Betrieben, Lohngleichheit für Frauen und Männer und die Aufwertung der sozialen Berufe starkmachen. Bildung soll kostenfrei werden, und zwar von der Kita bis zur Uni und der Meisterausbildung. Rottloff, der mit seiner Lebensgefährtin und der gemeinsamen kleinen Tochter zusammenlebt, tritt für ein modernes Familienbild ein: Dort, wo Menschen füreinander da seien, sei Familie, auch unter gleichgeschlechtlichen Partnern. Familien sollten mehr Geld erhalten, auch Alleinerziehende, und weniger Steuern zahlen. Das Ehegattensplitting soll modernisiert werden, und Frauen, die Teilzeit arbeiten, sollen das Recht auf eine volle Stelle erhalten. Zudem tritt er dafür ein, dass sich pflegende Angehörige drei Monate um einen kranken Familienangehörigen kümmern können und dafür Geld erhalten. Die Rente soll reichen, um wie bisher weiterzuleben. Dafür fordert Rottloff einen neuen Generationenvertrag, der auch die Solidarrente einschließt, und er will, dass das Renteneintrittsalter nicht erhöht wird.              

Felix Möller
Aufgewachsen ist der heute 30-jährige Felix Möller in Kassel, wo er sich als Schüler bei Amnesty International engagiert. Das Politikstudium absolviert er in Frankfurt und Darmstadt. 2009 tritt er in die Partei Die Grünen ein. Nach dem Masterabschluss 2013 lässt er sich in Wiesbaden nieder und arbeitet zwei Jahre in der Qualitäts- und Kundenkontrolle einer Internetfirma. Er war Mitglied der hessischen Grünen-Arbeitsgemeinschaft „Frieden, Europa und internationale Politik“ und leitete die Arbeitsgemeinschaft des Kreisverbands „Frieden und Integration“. Seit Mai 2017 studiert er Verwaltungswissenschaften in Speyer. Sein berufliches Ziel ist es, Fördermittel der Europäischen Union für Strukturprojekte zu akquirieren, entweder auf Seite der Behörden oder in einem Unternehmen.

Felix Möller ist es wichtig, endlich wichtige Zukunftsfragen anzugehen. Sein Steckenpferd ist die Klimapolitik. Er möchte dazu beitragen, ein verbindliches Klimaschutzgesetz zu erlassen, das die Energiewende voranbringt. Dafür hält er einen europäischen Energiepakt für unerlässlich. Zu den zu lösenden Zukunftsfragen zählt Möller auch den Investitionsstau. Es sei dringend, in marode Infrastruktur und in Bildung zu investieren. Möller möchte sich auch den Menschenrechten widmen.     

Lucas Schwalbach
Lucas Schwalbach ist der jüngste der Wiesbadener Direktkandidaten für die Bundestagswahl. Geboren ist er 1991 in der Landeshauptstadt und dort aufgewachsen. Bereits als Schüler wird er Mitglied der Jungliberalen und ein Jahr später, 2010, auch der FDP. Er habe nach der gescheiterten Regierungsbildung der damaligen SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti ein Gegenprogramm zu Rot-Grün im Land angestrebt, erklärt er. Von 2011 bis 2016 studiert er Jura in Frankfurt; demnächst tritt er sein Referendariat für das zweite Staatsexamen an. Seit 2016 ist er Stadtverordneter und stellvertretender Fraktionschef. Zudem ist er Landesvorsitzender der Jungen Liberalen in Hessen und Mitglied im Landesvorstand der FDP Hessen.

Der 25-Jährige möchte den Blick der Jugend auf die Welt in die Politik tragen. Dazu gehört für ihn, Deutschlands Bildungsausgaben so weit anzuheben, dass Deutschland unter die Top fünf kommt. Die digitalen Medien sollen in den Unterricht integriert werden, damit jeder Schüler das Rüstzeug erhält, um in der Arbeitswelt zu bestehen. Zudem solle ein Handlungsrahmen für die fortschreitende Digitalisierung und die Industrie 4.0 erarbeitet werden. Er plädiert zudem für mehr private Vorsorge für die Rente.   

Adrian Gabriel
Adrian Gabriel ist Mitglied der Partei Die Linke seit ihrer Gründung 2007. Nach dem Politikstudium in München und Berlin zieht es den heute 41-Jährigen 2006 ins Rhein-Main-Gebiet, wo er in unterschiedlichen Funktionen für die Partei auf kommunaler, Landes- und Bundesebene beruflich tätig ist. Seit dem Einzug in den Landtag 2008 arbeitet er als Referent der Landtagsfraktion für Innenpolitik und Gewerkschaften. Sein Schwerpunktthema ist die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). 2008 zieht Gabriel nach Wiesbaden, Heute ist er für Die Linke im Ortsbeirat Wiesbaden-Mitte aktiv.

Der soziale Ausgleich ist für ihn das wichtigste Thema. Er möchte sich für ein gerechtes Steuersystem einsetzen, das die extrem Reichen moderat höher besteuert zugunsten der Klein- und Mittelverdiener. Für ebenso wichtig hält er die Bekämpfung der Steuerkriminalität. Investieren möchte er in die Bildung, Armutsbekämpfung, ins Gesundheits- und Rentensystem, den öffentlichen Nahverkehr und in günstiges Wohnen. Gabriel zählt sich zum Öko-Flügel seiner Partei und möchte erreichen, dass die Klimaschutzziele eingehalten werden und die Verkehrswende vorankommt. Zudem steht er für die militärische Abrüstung.   

Ingmar Jung
Ingmar Jung wird 1978 als Sohn einer Winzerfamilie in Eltville-Erbach geboren. Obwohl er der ältere der beiden Brüder ist, übernimmt er das elterliche Weingut nicht und wird Jurist. Er ist das Patenkind und der Neffe des früheren Bundesministers Franz-Josef Jung (CDU). Das Abitur macht Ingmar Jung in Wiesbaden und studiert nach seinem Grundwehrdienst Rechtswissenschaften in Frankfurt und Mainz. Von 2007 bis 2010 arbeitet er als Rechtsanwalt in seiner Heimatstadt Eltville, wo er seit 2001 Stadtverordneter ist. Mit Ende 20 startet er seinen Aufstieg bei den Christdemokraten. Er ist seit 2007 stellvertretender Kreisvorsitzender der CDU Rheingau-Taunus und von 2009 bis 2013 Landesvorsitzender der Jungen Union Hessen, wo er sich des Themas Finanzpolitik annimmt. Beruflich wechselt der heute 38 Jahre alte Mann 2010 in die hessische Landesregierung, wo er im Ministerium für Wissenschaft und Kunst Staatssekretär wird. In dieser Funktion ist er in 29 Gremien vertreten, in Stiftungen, Hochschulräten und der Kultusministerkonferenz. Jung ist vor einigen Monaten mit seiner Lebensgefährtin nach Wiesbaden gezogen; er ist kinderlos.

Ingmar Jungs Ziel ist es, dass die Politik nachhaltig arbeitet, vor allem, wenn es ums Geld geht. Schulden zulasten der kommenden Generationen möchte er abschaffen. „Den Laden in Ordnung bringen“ nennt er das. Dennoch möchte er investieren: in Bildung und Schulen, Infrastruktur und öffentliche Einrichtungen. Um Investitionen einfacher zu machen, sollen Reglementierungen fallen. Punkte in seinem Programm sind auch, den Mittelstand durch weniger Bürokratie zu fördern, die Familien durch mehr Kinderbetreuung und Freizeitmöglichkeiten zu stärken und Polizei und Sicherheitsbehörden besser auszustatten.
Was Wiesbaden angeht, möchte er von Berlin aus die Weichen dafür stellen, dass die Wallauer Spange, die Zugverbindung von Wiesbaden zum Frankfurter Flughafen, und die City-Bahn, die Straßenbahn von Mainz durch ganz Wiesbaden, zügig gebaut werden. Das Bundeskriminalamt und das Statistische Bundesamt sollen zudem in Wiesbaden bleiben.    

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare