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Immer mehr Menschen wollen ihr Aussehen perfektionieren und nehmen Schmerzen in Kauf.

Rhein-Main

Modellierte Körper

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Immer mehr Kliniken in der Region bieten ästhetische Operationen an. Busen und Bauch aus der Privatklinik: Zwei Frauen erzählen. Audio-Diashow: Wenn Messer Schönheit bringen

Früher schaute Salome Ognjanov Frauen abschätzend auf den Busen, maß Volumen, Form und Sitz mit kundigem Blick. Der volle Ausschnitt einer Kundin war der entscheidende Auslöser. "Ich habe sie angesprochen, und wir haben uns offen unterhalten", sagt die 27-jährige Abteilungsleiterin einer Wiesbadener Edelboutique. Danach gab es kein Halten mehr. Sie ließ sich operieren und trägt seitdem zwei Körbchengrößen mehr.

Salome Ognjanov ist eine junge zierliche Frau mit puppenhafter Schönheit, langen schwarzen Haaren, einem Gesicht wie gemalt, perfekt geschminkt. Dezenter, figurbetonter Chic. "Sie hatte eine hübsche Brust", findet Schönheitschirurgin Dr. Claudia Schaar von den Transmed Privatkliniken in Wiesbaden. Nur eben zu klein. Selbst BHs der Größe AA rutschten noch weg. "Alle Frauen in meiner Familie haben Brust", sagt Salome Ognjanov. Die beneidete sie schon als Teenager. Ihr Selbstbewusstsein trübte das nicht, auch die Freunde hatten nie ein Problem. Aber der Wunsch nach mehr wurde immer drängender. "Ich wollte mich endlich fraulicher fühlen." Den Preis, sagt sie vier Wochen nach der Operation, war es wert. Gezahlt hat sie nicht nur die Behandlungskosten von 5500 Euro, sondern auch mit großen Schmerzen. "Als ob ein Elefant auf der Brust steht", beschreibt ihre Ärztin die ersten Folgen einer Brustvergrößerung, auch jedes Armheben tut am Anfang sehr weh.

Implantat hält 15 Jahre

Spätestens nach 14 Tagen sollte der Schmerz weg sein. Nach acht Wochen ist alles wieder wie zuvor, nur schöner. Allerdings bleibt eine kleine Narbe - und die Aussicht, nach 10 bis 15 Jahren wieder unter dem Messer zu liegen. Solange hält das Implantat, mit etwas Glück auch länger. Wer Pech hat, muss schon vorher operiert werden, wenn die Haut schrumpft, die sich um die gelartigen weichen Kissen aus Silikon legt und tennisballgroße harte Kugeln produzieren kann. Ein Baby zu stillen, sei trotz Implantaten möglich, versichert Schaar. Nur ob es satt werden kann, ist fraglich, weil ein Teil des Drüsengewebes dem Silikon zum Opfer fiele.

Salome Ognjanov ist trotzdem glücklich. Ihr Freund, der zunächst abriet, sei "sehr, sehr zufrieden". Und "es ist ein tolles Gefühl, dass Sommerkleider endlich auch oben herum passen". Der Blick fällt auf alte Fotos. Kopfschütteln. "Dass ich mal so ausgesehen habe." Ihre Bilder sind im Katalog der Möglichkeiten verewigt, den Schaar beim kostenlosen ersten Beratungsgespräch neuen Kundinnen zeigt. Der dicke Ordner enthält Vorher-Nachher-Bilder nicht nur von Busen in allen Variationen. Säuberlich geordnet finden sich faltige Lider, hängende Oberarme, überquellende Hüftrollen, dicke Schenkel oder lappige Bäuche. Die kundigen Finger der Ärztin haben das Schlimmste weggeschafft und manche Figur verbessert. Die Fotos sollen nicht mehr versprechen, als möglich ist. "Nicht jede Brust kann ein Traumbusen werden", sagt Schaar. Genetische Anlagen setzen chirurgischer Verwandlungskunst Grenzen.

Für Kassen zählt das Normalmaß

Das gilt auch für den umgekehrten Weg, die Verkleinerung bei Gigantomastie, einer mindestens drei Kilogramm schweren Brust. Die wird, weil medizinisch notwendig, in der Regel von den Kassen bezahlt, erklärt Matthias Hübner vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen Hessen. Unstrittig seien außerdem das Anlegen stark abstehender Ohren bei Kindern oder Hautstraffungen nach extremem Gewichtsverlust. Grundsätzlich gelte jedoch: Körper, die im Spektrum des Normalmaßes liegen, haben keinen Anspruch auf ästhetische Korrektur. Hübner verweist auf ein Urteil des Bundessozialgerichts. Ein 1,65 Meter großer Mann wollte auf Kosten der Kasse seine Knochen dehnen lassen, um ein Paar Zentimeter an Größe und somit auch an psychischer Stabilität zu gewinnen. Er kam damit nicht durch.

Bei Transmed gibt es nur selten Kunden, bei denen Kassen einen Teil der Kosten übernehmen. Schon der Eingangsbereich mit dunklem Parkett, Weiß und Glas verspricht dezente Eleganz. Abstrahierte Gemälde von nackten Körpern begleiten Patienten zum Empfang. Gesprochen wird leise. Fern der Hektik einer Arztpraxis nehmen freundliche, modisch gekleidete Damen die Gäste in Empfang. Die komfortablen Krankenzimmer, alles Einbetträume, erinnern an Hotels für Geschäftsreisende. Trotzdem: "Wir sind keine Einrichtung für Reiche", versichert Claudia Schaar. Das Gros des Klientels stamme aus dem "unteren bis mittleren Mittelstand." Ist die Not groß, lässt Schaar mit sich über den Preis reden. Als kleine Gegenleistung geben manche Patienten Fotos für den Katalog frei. Zum Beispiel der 16-jährige Junge, der Brüste wie ein pubertierendes Mädchen hatte. "Er traute sich nicht mehr ins Schwimmbad und hatte Depressionen. Eineinhalb Liter Fett habe ich pro Seite abgesaugt", sagt Schaar. Auch nach dem Eingriff bleibt er ein molliger Halbwüchsiger, wie einer von vielen, mit einer ziemlich normalen Figur. Das sind Fälle, in denen sich die 41-Jährige, die in der chirurgischen Ausbildung in internationalen Kliniken auch Schwerstverletzte behandelte, als Heilerin fühlt. "Ich behandele die Seele", sagt sie. Und sie liebt das Handwerkliche, leidenschaftlich sogar: "Fettabsaugen ist wie Konturieren mit Sandpapier. Man modelliert so lange, bis es stimmt." Freunde, Familie und Kollegen haben schon von ihrer Kunst profitiert. In einer Branche, die gutes Aussehen verkauft, hilft man sich gegenseitig. Auch Claudia Schaar wirkt mindestens zehn Jahre jünger. "Gute Gene und viel Schlaf", sagt sie, und räumt dann ein, dass dies ab einem gewissen Alter allein nicht reicht. Aussagen prominenter Frauen über 50 misstraut sie mit ihrer Kompetenz. "Die lassen alle was machen, in dieser Branche ist das ein absolutes Muss."

Figurbetonte Hose sitzt wieder

Andrea J. hat viele Jahre nicht schlecht mit ihrem Makel gelebt. Die vierfache Mutter litt dennoch unter ihren Schwangerschaftsstreifen und dem schlaffen Bauch. Nach jeder Geburt sah es schlimmer aus, "wabbelig weich, das war mir immer unangenehm." Als der Nachwuchs klein war, fehlte das Geld, "außerdem hatte ich anderes im Kopf", erklärt sie, warum sie sich erst mit 50 Jahren für eine Bauchstraffung entschied. Haut und Fett kamen weg, der Nabel wurde versetzt. Nach der 6000 Euro teuren Operation, die drei Stunden dauerte, ging sie tagelang gekrümmt. Ein neuer Bauch muss sich erst dehnen. Sechs Wochen war an Arbeit nicht zu denken. Niemand wusste Bescheid. "Nur meine Mutter und mein Mann." Dafür kann die 50-Jährige heute bauchfreie Shirts tragen und kauft gern figurbetonte Hüfthosen. "Ich fühle mich wohler und würde es wieder tun." Jetzt stören sie eigentlich nur noch die Reiterhosen, jene weiblichen Fettpolster an Oberschenkeln, die hartnäckig Diäten und Sport widerstehen. Nicht ausgeschlossen, dass diese in ein paar Jahren auch noch unters Messer kommen.

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