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Justizia ist wachsam.

Frankfurter Landgericht

Humbug "Synergetischen Therapie"

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Gudrun E. muss sich vor dem Landgericht wegen Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz in 83 Fällen verantworten. Ein mysteriöser Fall - von übersinnlichen Kräften, gegen Traumata und vielleicht auch gegen Krebs. Von Stefan Behr

Auf der Anklagebank sitzt Nummer 71. Nummer 71 von 630. Man kann darüber streiten, ob die richtige Nummer auf der Anklagebank sitzt. Gudrun E. muss sich vor dem Landgericht wegen Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz in 83 Fällen verantworten. E. hat sich der "Synergetischen Therapie" verschrieben; das ist nichts, was offiziell anerkannt wäre, was aber hilfreich sein soll bei Depressionen, Traumata und Phobien. Vielleicht auch bei Krebs.

Ihre ehemaligen "Patienten" jedenfalls scheinen zufrieden, viele sitzen im Zuschauerraum. Und nicht einmal die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, mit dem Elend anderer Menschen dicke Geschäfte gemacht zu haben. Knapp 8000 Euro soll sie insgesamt verdient haben. Viel ist das nicht.

Weil Gudrun E. aber nicht berechtigt ist, als Heilpraktikerin zu wirken, hat sie einen Strafbefehl erhalten. Dem hat sie zwar widersprochen. Doch verteidigen will sie sich vor Gericht nicht. Das besorgt ihr Anwalt. Und - noch besser - ihr Guru.

Man kann Bernd Joschko für gefährlich halten. Im Zeugenstand wirkt der 58-Jährige mit dem wallenden weißen Haar eher harmlos. Joschko, gelernter Physikingenieur, hat nach eigenen Angaben mal für das Bundeskriminalamt gearbeitet, bis er aus Gewissengründen den Dienst quittierte, es folgte die esoterische Weiterbildung bei Osho formerly known as Bhagwan Shree Rajneesh. Und schließlich entwickelte Joschko, der seit seiner Osho-Teit den Zunamen Dhyan trägt, die "Synergetische Therapie", und für sich selbst das Berufsbild eines "Synergetik-Profilers".

Die Show der Nummer 1

Davon kann man gut leben. "Das Finanzamt Wetzlar ist sehr zufrieden mit uns", sagt Joschko, der gemeinsam mit seiner Frau ein großzügig gebautes Seminarzentrum zwischen Gießen und Marburg führt. Auch wenn das meiste Geld momentan noch für Prozesse draufgehe. Solche wie den gegen Nummer 71. "Ich habe bereits 630 Menschen ausgebildet. E. ist Nummer 71, also sehr früh."

Das Landgericht bemüht sich redlich, einen Pudding an die Wand zu nageln, aber Bernd Joschko ist nicht zu greifen, und er sitzt ja auch nicht auf der Anklagebank. Die "Synergetische Therapie" verspricht nichts - und alles. Er sei nur ein Begleiter auf der Reise ins innere Ich, die zunächst einmal nichts als Selbsterkenntnis, eine "neurale Neupositionierung" und "Selbstorganisation im Gehirn" bringe. Wenn dabei en passant auch der Darmkrebs verschwindet - umso besser.

"Wir ersetzen keine Therapie", sagt Joschko vor Gericht, wohlwissend, dass der Großteil der Zuhörer das wohl ganz anders sieht. Seine Reden, seine Gesten - er könnte mit Sicherheit auch einen Rhetorik-Ratgeber schreiben. "Heilen heißt ganz werden", sagt Joschko, die Zuschauer nicken. Er hat das schon oft vor Gericht gesagt. Der bayerische Verwaltungsgerichtshof etwa hat die "synergetische Therapie" als "eine Art homöopathieähnliches psychotherapeutisches Verfahren" bezeichnet. Joschko sieht das als Werbung, hat es auf seiner Homepage veröffentlicht. Ebenso wie den schönen Sinnspruch: "Wer über Nacht berühmt werden will, muss tagsüber viel arbeiten."

Das hat er getan. Fotos zeigen ihn vor übergroßen Leinwänden referierend, seine Heilslehren unter das Volk oder Manager auf Seminaren bringend. Er rede auf solchen Veranstaltungen neben Persönlichkeiten "wie Lothar Späth oder Uri Geller". Und preist seine Methodik als "ein faszinierendes Grundprinzip, das hervorragend funktioniert. Es ist ein Angebot für einen Markt, der dringend Bedarf hat. Den haben wir gedeckt. Mehr nicht."

Es ist der Prozess gegen die Nummer 71, aber es ist die Show der Nummer 1. Joschko wird weiterkämpfen für seine Methoden und dafür, dass "Synergetik-Profiler" offiziell als Berufsbezeichnung anerkannt wird. Gudrun E. wird in den kommenden Tagen weiterkämpfen müssen um ihre berufliche Existenz - im Falle einer Verurteilung drohen ihr Schadensersatzklagen.

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