Ditib-Zentralmoschee in Köln: Der Verband steht wegen seiner Nähe zum türkischen Staat schon länger in der Kritik.
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Ditib-Zentralmoschee in Köln: Der Verband steht wegen seiner Nähe zum türkischen Staat schon länger in der Kritik.

Türkei-Propaganda

Imame beten für den Sieg

  • vonJoachim F. Tornau
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Gebete für die Armee und Märtyrer-Rhetorik - fast alle türkischen Moscheen in Kassel unterstützen den Einmarsch der türkischen Armee in Syrien.

Märtyrer-Rhetorik, Gebete für den Sieg und jüngst auch noch Internetvideos zur Unterstützung des türkischen Militärs: Seit dem Einmarsch der Türkei in die nordsyrische Kurdenregion Afrin wurde auch in Hessen mehrfach über Moscheevereine berichtet, die sich für die Kriegspropaganda von Präsident Recep Tayyip Erdogan einspannen ließen. Doch auch wenn nur Einzelfälle bekannt wurden: Um Ausnahmen scheint es sich dabei nicht zu handeln. Das jedenfalls legt ein Blick nach Kassel nahe, wo die nationalistische Mobilmachung fast alle türkischen Moscheen erfasst hat.

Nach dem Beginn der „Operation Olivenzweig“, wie das Vorgehen gegen die kurdischen YPG-Milizen in Afrin von der Türkei genannt wird, wurde nicht nur in zwei Moscheen der politisch rechts stehenden Dachverbände Atib und ATB für den Sieg der „heldenhaften Armee in Afrin“ gebetet, wie Facebook-Einträge der Gemeinden zeigen. Erst kürzlich rief auch der Imam der großen Ditib-Moschee im Stadtteil Oberzwehren – ebenfalls via Facebook und ebenfalls auf Türkisch – dazu auf, „für unsere tapferen Männer zu beten, die unser Land beschützen“. Dazu postete er ein Bild, das auf die Toten und Verletzten der türkischen Armee verwies. Aufschrift: „Märtyrer sterben nicht.“

Der Dachverband Ditib steht wegen seiner Nähe zum türkischen Staat schon länger in der Kritik. Seine Imame werden grundsätzlich aus der Türkei entsandt. Dass der Oberzwehrener Imam seine Rolle dabei nicht nur theologisch interpretiert, war bereits 2016 nach dem Putsch in der Türkei offenbar geworden, als er bei einer Kundgebung in Kassel eine vor nationalistischem Pathos triefende Ansprache hielt und die Bereitschaft zum Märtyrertod beschwor.

Für das Klima in der Moscheegemeinde bleibe das alles nicht ohne Folgen, sagt ein türkischstämmiger Kasseler, der seinen Namen nicht gedruckt sehen will: „Wer sich staatskritisch äußert, wird als türkeifeindlich abgestempelt und sofort isoliert.“

Nach Rechtsaußen reicht die Toleranz hingegen augenscheinlich weiter: Als im Februar eine Solidaritätsdemonstration für Afrin eine Ditib-Moschee in der Kasseler Nordstadt passierte, reagierten Moscheebesucher mit dem Handzeichen der „Grauen Wölfe“, türkischer Rechtsextremer. Der Imam der Gemeinde, so belegt es ein Foto, stand lächelnd daneben.

„Die Öffentlichkeit sollte wissen, was in den Hinterhöfen, die sich als Moschee ausgeben, gepredigt wird“, sagt ein Kasseler Student mit türkischen Wurzeln. Der Mann, der sich selbst als gläubigen Moslem und regelmäßigen Moscheebesucher beschreibt, erzählt von einem Freitagsgebet kurz nach Beginn des Afrin-Kriegs. Der Imam der Atib-Moschee im Stadtteil Wesertor habe den „Durst nach dem Märtyrertod“ in der Türkei gepriesen – und Eltern gelobt, die auch noch ihr letztes Kind als „Märtyrer“ herzugeben bereit seien. Eine der FR vorliegende Tonaufnahme bestätigt das.

„Alle Menschen sollen in Frieden leben“, sagt der Imam darin auf Türkisch. „Aber wenn unsere Ehre, unsere Religion, unsere Nation, unsere Flagge und unsere Unabhängigkeit bedroht werden, sind wir auch bereit, zu sterben. Nicht wahr?“ Ein einmaliger Ausreißer, sagt der Student, seien diese Worte nicht. „So etwas wird fast jeden Freitag gepredigt.“

Bitten der FR um Stellungnahme blieben bei allen Moscheevereinen unbeantwortet. Sämtliche genannten Gemeinden gehören jedoch dem städtischen „Rat der Religionen“ an – einem Zusammenschluss von Religionsgemeinschaften, dessen Mitglieder sich laut Selbstverständnis für das „friedliche, gleichberechtigte Miteinander aller Menschen in Kassel einsetzen und jede Form von Diskriminierung, Terror und Gewalt ablehnen“. Ein Rathaussprecher teilte mit, man nehme die Vorkommnisse in den Moscheen „zur Kenntnis“, wolle sie aber nicht bewerten: „Grundsätzlich versucht die Stadt Kassel, den Dialog mit allen Religionsgemeinschaften in der Stadt zu pflegen.“

Die Kasseler Polizei hat nach Angaben eines Sprechers bislang nur eine Reaktion auf den Afrin-Einmarsch registriert: Eine Moschee in der Nähe des Hauptbahnhofs, in der sich Anhänger der „Grauen Wölfe“ treffen, wurde mit Farbbeuteln beworfen und mit Parolen besprüht. Mutmaßlich von Gegnern des türkischen Militäreinsatzes.

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