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Mit diesem Holzkraftwerk versorgt sich das Dorf Burgjoß komplett mit Warmwasser

Energie-Revolutionäre im Spessart

"Gallisches" Dorf baut eigenes Kraftwerk

Die Bewohner von Burgjoß im hessischen Spessart wollen weg vom Heizöl und ihren Ort gemeinsam lebenswert gestalten. Das Dorf an der hessisch-bayerischen Grenze hat eine Heizgenossenschaft gegründet und nimmt jetzt ein Holzschnitzelkraftwerk in Betrieb.

Von Jörg Andersson

Auf dem gewaltigen Heizbrenner klebt ein buntes Plakat aus der Comicwelt: der berühmte Lupenblick auf ein gallisches Dorf. Die Geschichte ist verändert, datiert im Jahr 2010 nach Christus. „Ganz Europa ist von Ölmagnaten und Spekulanten besetzt“, beginnt der Text. Natürlich gibt es, wie einst in Gallien, auch in dieser Variante eine unbeugsame Siedlung, deren Bürger ihre „Zukunft und Energieversorgung selbst in die Hand nehmen“.

Schauplatz der Handlung ist der hessische Spessart, in dem an diesem feuchten Herbstmorgen der Nebel wabert. Die Baustelle ist derweil behaglich warm. „Der Chef muss mit aufs Foto“, sagt Heizungsmonteur Bernhard Koch und dirigiert einen Mann ohne Arbeitskleidung zur Brennkammer, die langsam angefeuert wird, damit der Schamotte aushärten kann. Klaus Kleespies blickt zufrieden in den Biomassekessel, der ihm fast so vertraut ist, wie sein eigentliches Handwerk. Der 63-Jährige, Friseurmeister am Ort, hat reichlich zu tun. Fast mehr Arbeit als das Haareschneiden bereitete ihm zuletzt sein Amt als Vorsitzender der Heizgenossenschaft, der sich 145 von 180 Haushalten in dem 700-Einwohner-Dorf angeschlossen haben.

Rückblende: Ende 2004 lauscht Kleespies im Dorfgemeinschaftshaus dem Vortrag eines Ingenieurs über die Vorzüge eines Biomasseheizkraftwerkes und ist gleich Feuer und Flamme. Mit seinem Schwager Horst Eich (70) will er eine kleine Anlage anschaffen, um die Familienhaushalte vom Heizöl abzunabeln. Als der parteilose Bürgermeister Rainer Schreiber vorschlägt, auch Kirche, Kindergarten und Feuerwehr ans Netz zu hängen, entwickelt sich allmählich ein ökologisches Musterprojekt. Bald darauf wollen 70 Einheimische mitmachen. Und weil sich das für die nachhaltige Energiewende einer ganzen Ortschaft noch nicht rechnet, wird in den fünf Gaststätten abwechselnd beim „Holzhackschnitzel-Stammtisch“ für die Idee getrommelt, der das angelaufene Dorferneuerungsprogramm finanzielle Anreize in Aussicht stellt. Am Ende steht eine erstaunliche Anschlussquote von 82 Prozent der Haushalte.

420.000 Liter Heizöl würden künftig pro Jahr weniger verbrannt, der Umwelt auf diese Weise mehr als tausend Tonnen Treibhausgase erspart, wirbt die Genossenschaft. Vor allem aber haben sie in Burgjoß den neuen Energielieferanten direkt vor der Haustür: In der markanten Burganlage im Dorfkern residiert das Hessischen Forstamt, das ringsum 21.000 Hektar Wald verwaltet. 1500 Festmeter haben Kleespies und seine Mitstreiter hier für den ersten Winter geordert. Viele Stämme liegen an den Wegrändern zum Schreddern bereit. Vorwiegend Kiefern und Fichten.

„Weichholz ist günstiger, kann im Frühjahr geschlagen und bereits im Herbst verfeuert werden“, erklärt Ingenieur Martin Leipold, der Installation und Inbetriebnahme der 950 KW-Anlage überwacht. Kantenlänge fünf Zentimeter, Restfeuchte 30 bis 40 Prozent misst das Schüttgut, das den Ofen füttert, der am Sonntag, 3. Oktober seiner Bestimmung übergeben wird. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.

Per Tieflader ist die 183.000 Euro teure Holzhackschnitzelanlage aus österreichischer Produktion im Frühsommer in den Spessart gerollt. Seither ist Burgjoß eine Großbaustelle – ein Phänomen, das man aus allen vier Ortsteilen der Gemeinde Jossgrund kennt. „Muskelhypothek“ haben sie das einmal getauft, was der jahrzehntelang schuldenfreien Kommune mehrfach Auszeichnungen vom Bund der Steuerzahler einbrachte. Im Jossgrund ist die Eigenleistung eine elementare Kalkulationsgröße für jedes Bauprojekt.

Rentner Manfred Müller hat im Kleinbagger zahlreiche Hausanschlüsse für das 6,6 Kilometer lange Nahwärmenetz gelegt. Kfz-Meister Benno Eich ist zum Elektriker geworden, um die Leitungen im elf Meter hohen Heizhaus zu verlegen, das der örtliche Künstler Faxe Müller nebenher mit Holz verkleidet hat.

„Das Projekt hat das Zusammengehörigkeitsgefühl gesteigert“, erzählt Horst Eich. Es hätten Leute geholfen, die man zuvor kaum zu sehen bekommen habe. Die meisten Jossgründer sind bodenständig. So wie der 42-jährige Benno Eich, der nirgendwo sonst seine Werkstatt eröffnet hätte. Seit der Heizöltank beim Alteisen gelandet ist, hat er etwas mehr Platz. Und doch machen sich die Bürger auch Gedanken, was einmal kommt. Die Bevölkerungsprognosen sind für den 3600-Einwohner zählenden Jossgrund alles andere als erfreulich. Mehr als zwölf Prozent Bevölkerungsrückgang binnen zehn Jahren sagen die Statistiker voraus. Fast 40 Prozent bis 2050.

Bis Mitte der 80er Jahre habe der staatlich anerkannte Erholungsort Burgjoß, zehn Kilometer von Bad Orb entfernt, 30.000 Übernachtungen pro Jahr gezählt, berichtet Kleespies, der auch den Verkehrsverein führt und im Gesangverein „Heimatklang“ den Ton angibt. Heute findet der zentrale Zimmernachweis in der kleinen Parkanlage gegenüber von Tankstelle und Lebensmittelladen kaum noch Beachtung.

Lebenswert wollen die Bewohner den von dichtem Wald umgebenen Ort direkt an der Grenze zu Bayern gestalten. Im Zuge des Landeswettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft“ möbelt am Ortseingang eine Eigentümergemeinschaft eine lange verfallene Hofreite zum Spessarthaus auf, vermietet Büros und richtet Praxisräume für einen Arzt ein. Auch das Prädikat „Bioenergiedorf“ soll die Attraktivität steigern. 2008 erhielt die Initiative den Umweltpreis des Main-Kinzig-Kreises. Als einziger hessischer Ort hat Burgjoß beim Europäischen Dorferneuerungspreis teilgenommen. Stolz zeigt Kleespies das Emailleschild mit dem Prädikat, das vergangene Woche in Südtirol verliehen wurde. Gelobt wird von der Jury die Erhaltung wertvoller Bausubstanz, der bewusste Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels wie auch das regenerative Energieprojekt.

Das soll im Frühjahr noch erweitert werden. Die Landwirte Michael Korn und Josef Schreiber wollen im Gewerbegebiet eine Biogasanlage starten – gespeist mit Gras, Mais, Energiegetreide von 360 Hektar umliegendem Grünland und Ackerfläche. Anfangs hätten einige noch die Nase gerümpft, erzählt der Projektbeteiligte Rolf Büttner. Franz Bien (63) begrüßt die Pläne. Die vorgesehene 600-KW-Anlage könnte den Einsatz des ölbetriebenen Redundanzkessel reduzieren.

Heizungstechniker Bien verbringt am heutigen Freitag seinen offiziell letzten Arbeitstag auf der Baustelle. Er füllt, entlüftet und spült noch einmal einen Strang im Wärmenetz. Ein schöner Ausklang des Berufslebens, weil es für ihn nicht abrupt endet. Noch sind erst ein Drittel der Haushalte angeschlossen. Bis alle am Netz sind, haben alle drei umliegenden Installationsbetriebe noch wochenlang Arbeit. „Bis die Übergabestation richtig eingestellt ist, wird eine Heizperiode vergehen“, weiß Bien. So lange wird er immer wieder mal nach dem Rechten sehen. Klaus Kleespies hat derweil auch erste Enttäuschungen zu spüren bekommen. Denn die Heizkostenrechnung fällt künftig nicht automatisch geringer aus.

„Damit es günstiger wäre, müsste der Heizölpreis auf 85 Cent steigen“, rechnet er vor. Im Anfangsstadium errechnet sich der Wärmepreis zu zwei Dritteln aus der Investition. 3,1 Millionen Euro hat das Projekt gekostet. Trotz 300.000 Euro Zuschuss von Land und Kreis sowie einem günstiges Darlehen gilt es, den auf 20 Jahre angelegten Kapitaldienst zu stemmen. Eventuell soll die Rückzahlungsfrist verkürzt werden. Kleespies und Leipold sind zuversichtlich, dass die Zeit für das Bioenergiedorf Burgjoß arbeitet.

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