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Das Smartphone ist für die meisten Kinder ein Dauerbegleiter.

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„Bücher schenken hilft“

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Lukas Heymann spricht im FR-Interview über Smartphones und Vorlesen für Kleinkinder.

Herr Heymann, Smartphones und Tablets sind allgegenwärtig. Kommt angesichts so vieler Bildschirme das Lesen zu kurz?

Auch auf diesen Geräten wird ja gelesen. Sie bekommen SMS oder Whatsapp-Nachrichten, man liest auf Facebook oder Instagram, da steht ja neben vielen Bildern auch wahnsinnig viel Text, Kommentare, die man lesen und auch selbst verfassen kann.

Das hört sich an, als wäre schon das Benutzen dieser mobilen Endgeräte lesefördernd.

Die Leseanlässe sind sicher mehr geworden.

Geht das nicht zu Lasten des Lesens von Büchern?

Wenn man sich die Gruppe der 12- bis 19-Jährigen anschaut, dann sieht man, dass seit 1998 bis heute der Anteil derjenigen, die täglich oder mehrmals die Woche Bücher lesen, in etwa gleich geblieben ist. Er liegt stabil zwischen 38 und 40 Prozent.

Das klingt nach Entwarnung.

Wir haben in Deutschland 7,5 Millionen funktionale Analphabeten, also Menschen, die kaum in der Lage sind, Schriftsprache im Alltag ohne große Mühe zu nutzen. Wir haben etwa 16 Prozent der 15-Jährigen, die laut Pisa-Studie nicht ausreichend lesen können. Jeder fünfte Viertklässler verlässt die Grundschule ohne ausreichende Lesekompetenzen. Das sind schon alarmierende Zahlen, aber auch die sind in letzter Zeit stabil geblieben.

Welche Menschen sind das, die derart abgehängt sind?

Oft Personen mit formal niedriger Bildung, ohne Schulabschlüsse oder Hauptschulabschlüssen, die oft in Familien aufgewachsen sind, wo auch die Eltern nur über einen niedrigen Bildungsabschluss verfügen.

Wie entscheidend ist dieser familiäre Hintergrund? Und wie lässt sich das ausgleichen?

Die Lesesozialisation in der Familie ist immens wichtig. Das fängt schon damit an, ob Eltern ihren Kindern vorlesen können und das auch so früh wie möglich tun. Wenn möglich schon im Säuglingsalter, wo man erste einfache Bilderbücher betrachten und dazu etwas erzählen kann. Die Wärme und Nähe zwischen Eltern und Kindern ist wichtig für die Bindung – die gesamte Situation ist sehr sprachanregend, etwa wenn es um die Grammatik oder den Wortschatz geht.

Dann sind die Smartphones in den Händen der Eltern kleiner Kinder vielleicht schädlicher als jene, die Jugendliche benutzen? Weil Eltern statt vorzulesen oder mit ihren Kindern zu sprechen und sie anzuschauen lieber chatten?

In der Tat dreht sich die pädagogische Diskussion auch um die Eltern. Auch die müssen medienkompetent sein und lernen, mit den Möglichkeiten umzugehen. Dazu gehört auch, das Smartphone mal beiseite zu legen, auf Nachrichten nicht direkt zu antworten, sondern in dieser Zeit sich dem Kind zu widmen und dann gemeinsam zu spielen, zu lachen oder eben vorzulesen.

Wie bringt man Eltern zum Vorlesen?

Ein Mittel ist, ihnen Bücher zu schenken.

Das hilft?

Ja, in der Tat. Bücher sollen zum alltäglichen Handeln gehören wie Lego-Spielen oder zu essen. Buchgeschenke, ob nun von Freunden oder öffentlichen Einrichtungen, die Baby-Starter-Pakete verteilen, führen dazu, dass tatsächlich mehr vorgelesen wird. Seit 2011 machen wir das mit dem Lesestart-Set, das wir über Kinderärzte an Familien verschenken. Und aus unserer Vorlesestudie wissen wir: In Familien mit niedrigem Bildungsstand lesen ohne Buchgeschenk 32 Prozent den Kleinkindern nicht vor, mit Buchgeschenk sinkt deren Anteil auf 13 Prozent.

Lässt die Digitalisierung die Schere zwischen Gebildeten und weniger Gebildeten weiter aufgehen? Weil die einen, die im Lesen und Schreiben fit sind, auch die digitalen Medien angemessen zu nutzen verstehen? Und jene, die sich mit Schrift und Sprache ohnehin schwer tun, vor allem Bilder, Videos und Spiele konsumieren?

Man sieht zurzeit eine Schere, die aber vor allem zwischen den Generationen aufgegangen ist. Die Älteren lesen analog, die Jungen digital. Aber natürlich kann das, was Sie beschrieben haben, tatsächlich passieren. Dass eine Gruppe noch stärker als heute schon abgehängt wird. Die Digitalisierung zieht ja gerade erst in die Schulen ein, deswegen haben wir noch nicht allzu viele Erfahrungswerte. Man kann sich aber auch vorstellen, dass jene, die nicht so Buch-affin aufwachsen, durch digitale Medien Lust aufs Lesen bekommen.

Lukas Heymann - Zur Person

Lukas Heymann (35) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen. Er ist Erziehungswissenschaftler sowie Medienpädagoge und lebt in Mainz.

Unter www.einfachvorlesen.de stellt die Stiftung Lesen jeden Freitag kostenlos Geschichten zum Vorlesen zur Verfügung. pgh

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