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Gerhard Kromschröder (links) und Gerhard Henschel.

Wandern in Hessen

„Knorrige Typen“, die Weltliteratur schufen

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Der Frankfurter Journalist und Fotograf Gerhard Kromschröder spricht im FR-Interview über die Brüder Grimm und sein Wandertagebuch.

Viel ist schon über die Brüder Grimm und ihre Heimat geschrieben worden. Gerhard Kromschröder und Gerhard Henschel haben auf ihrer Wanderung von Hanau nach Kassel eine ganz eigene Perspektive eingenommen. Was sie entdeckten, erzählt Kromschröder im FR-Interview.

Was reizte Sie daran, sich auf die Spuren der Grimms zu begeben?

Sie sind, einerseits, ein „Monument“, haben in einer bescheidenen Umgebung Weltliteratur geschaffen, die in 160 Sprachen übersetzt wurde. Ihr Deutsches Wörterbuch, das erst 1961 abgeschlossen wurde, ist faszinierend. Sie sind die Begründer unserer Grammatik; ihre Sprache ist im Alltag nach wie vor präsent.

Andererseits beleuchten Sie auch jene Seiten der Brüder Grimm und der Orte zwischen Hanau und Kassel, die in den Imagebroschüren der „Grimm-Städte“ bestimmt nicht auftauchen.

„Der Hauswirt“: Kromschröder und Henschel begegneten ihm in Amöneburg.

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Ich bin an der Realität interessiert, will zeigen, was ist – das Gute und das Böse, das Widersprüchliche. Die Brüder Grimm waren keine wirklich sympathischen Zeitgenossen, sondern deutschtümelnde, knorrige Typen, die sich nicht die Butter vom Brot nehmen ließen, Antisemitismus verbreiteten und einen ihrer Brüder recht mies behandelten, weil er homosexuell war. Sie gingen auch nicht raus und suchten aufwendig nach Waschfrauen oder Bäuerinnen, um sich von ihnen Märchen erzählen zu lassen. Viele Zuträgerinnen kamen nach Kassel, wo die Brüder wie die Spinne im Netz saßen.

Mit Gerhard Henschel haben Sie schon Wandertagebücher gemacht, etwa das preisgekrönte „Landvermessung. Durch die Lüneburger Heide von Arno Schmidt zu Walter Kempowski“. Was gefällt Ihnen an dem Genre?

Das literarische Werk, das man sich bei so einer Wanderung vorgenommen hat, überlagert wie eine Folie das eigene Sehen. Man kann sich daran orientieren, es einbeziehen, statt nur die Wanderung zu schildern. Gleichzeitig kann man sich als Wanderer einen eigenen, neuen Eindruck vom jeweiligen Werk verschaffen, über die reine Literatur hinaus. Bei den Brüdern Grimm werden die Landschaften in den Märchen ja beschrieben und in den Büchern abgebildet – in den Kinder- und Hausmärchen kongenial illustriert von Otto Ubbelohde. Und immer sehen diese Landschaften ganz hessisch aus.

„Märchenwege“ zeichnet ein Porträt der Provinz. Weshalb widmen Sie sich ihr so intensiv?

Dort kann man, ums mal etwas hochtrabend zu sagen, im Kleinen das Große entdecken, im Alltäglichen das Exotische und so die Welt in all ihrer Widersprüchlichkeit begreifen, in ihrer Schönheit ebenso wie im Hässlichen.

Auf einen Blick

Gerhard Kromschröder ist Journalist und Fotograf. Als Reporter arbeitete der Frankfurter unter anderem für den Stern, recherchierte undercover bei Nazis und Rockern und lehrte später Journalismus an der Universität Wien.

Mit Gerhard Henschel, der Romane, Satiren, Sachbücher schreibt, verfasst er literarische Wandertagebücher. Für „Märchenwege - Auf den Spuren der Brüder Grimm“ sind der Schriftsteller Gerhard Henschel sowie der Autor und Fotograf Gerhard Kromschröder mehr als 300 Kilometer gewandert. Von Hanau, wo Jacob und Wilhelm Grimm 1785 und 1786 geboren wurden, bis nach Kassel, wo die Brüder rund 30 Jahre lang Märchen sammelten und am Deutschen Wörterbuch arbeiteten.

Henschel und Kromschröder widmen sich nicht nur den Lebensstationen der Brüder Grimm, deren Charakter und der Wirkungsgeschichte der Werke, sondern porträtieren auch die hessische Provinz. Das Buch umfasst 224 Seiten und 262 Abbildungen und ist im Verlag Edition Temmen erschienen. Es kostet 24,90 Euro. www.edition-temmen.de

Das Kinzigtal ist nicht überall so wildromantisch, wie viele es sich vorstellen. Links die Bahnstrecke, rechts die A66, oben der Fluglärm: Teilweise kann man der Verkehrshölle nicht entkommen. Hinzu kommt das – von Menschen, die wir trafen, beklagte – Ausbluten von Dörfern, in denen der öffentliche Nahverkehr praktisch eingestellt wurde, Gasthäuser nur für Hochzeiten und Trauerfeiern öffnen. Doch die Provinz ist vielgestaltig: Im Kinzigtal gibt es auch viele malerische, liebliche Landschaften, etwa bei Steinau, und schöne Städte wie Gelnhausen. In Nordhessen wiederum gibt es viel Fachwerkidylle. So viel, dass sie mitunter eintönig und erschlagend wirkt.

Sie haben Skurriles und Hässliches eingefangen, das teilweise wie Realsatire wirkt, etwa den Bahnhof von Lieblos, bei dem der Name Programm ist.

Es geht mir darum, den Alltag und die Art, wie Menschen, Städte und Gemeinden sich präsentieren, zu dokumentieren. Der Fremde sieht oft mehr als der Ortsansässige. Und erst dadurch, dass man bestimmte Motive festhält, offenbaren sie ihre Komik: die immergleichen, dicht nebeneinanderstehenden Einfamilienhäuser, die Steingärten als Schrecken der Neuzeit oder der Marketing-Sprech, mit schrecklichen Konstruktionen wie einem „Grimm-Dich-Pfad“. Kurios ist auch, wie das Regionalmarketing versucht, Märchen, die sich nicht an einen Ort binden lassen, konkret zu verorten, indem etwa behauptet wird, ein bestimmter Brunnen sei der aus „Frau Holle“.

Wie reagierten die Leute auf Sie?

Meistens mit großer Freundlichkeit und Offenheit, gerade in den kleinen Orten. Wir wurden aber auch schon mal für die Vorhut einer Einbrecherbande gehalten: Einer macht sich Notizen, der andere fotografiert merkwürdige Sachen, die zumindest auf den ersten Blick keine Sehenswürdigkeiten sind. So kann man sich schnell verdächtig machen.

Wie gut kommen Sie und Henschel auf so langen Wanderungen eigentlich miteinander aus?

Unterwegs machen wir es uns kurzweilig, indem wir uns Geschichten erzählen. Wir ticken ähnlich, hocken aber nicht aufeinander. Ich beschaffe die Wanderkarten, plane grob die Strecke, fotografiere, mache die Buchproduktion. Henschel schreibt alles auf, bringt das Erlebte elegant in Form, sammelt interessante literarische und historische Fundstellen. Er ist ein Aktenfresser. Ich bin eher extrovertiert, knüpfe den Kontakt zu Leuten, wobei in Hessen hilfreich war, dass ich mundartlich nicht auffiel.

Welches Märchen fasziniert Sie?

In Zeiten von Corona ist für mich „Dornröschen“ besonders aktuell, mit seiner eingeschlafenen Welt, in der die Stille spürbar ist. So fühlt sich Lockdown an.

Interview: Gregor Haschnik

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