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Wachsen in Frankfurt bei einem Brexit die Türme noch weiter in den Himmel? Und was ist mit Wohnungen?

Schülerforum

Der Brexit verändert Frankfurt

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Beim Schülerforum fordern Jugendliche von der Politik Lösungen für soziale Konflikte ein.

Beim Brexit haben viele den Überblick verloren – nicht so drei Schüler aus Wiesbaden, die sich damit beschäftigten, welche Auswirkungen der Austritt Großbritanniens aus der EU auf Frankfurt und das Umland haben könnte. Mit ihrer Präsentation konnten die Zwölftklässler der Martin-Niemöller-Schule den Oberstufenwettbewerb „präsentieren & gewinnen“ von Frankfurter Rundschau, der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) und der Arbeitsgemeinschaft Schule-Wirtschaft für sich entscheiden.

„Ihr habt es geschafft, euch auf die wesentlichen Punkte zu konzentrieren“, lobte der Laudator, Fraport-Chef Stefan Schulte, im Haus der Wirtschaft das siegreiche Team. „In der Gliederung habt ihr gut herausgearbeitet: Was sind die Chancen, was muss die Politik machen?“

„Die liberale und unternehmensorientierte Wirtschaftspolitik, die Großbritannien seit der Thatcher-Ära 1979 verfolgt, ebnete London den Weg als Finanzstandort“, erklärte der 18-jährige Gero van Hövel. Heute seien 400 000 Personen in der Finanzbranche beschäftigt. Mit dem Brexit-Referendum vor zwei Jahren haben sich die Dinge verändert. Weil viele Vorteile wegfallen könnten, suchen Geldinstitute nach neuen Standorten. Im Fokus: die hessische Mainmetropole.

„200 Kreditinstitute, 100 davon ausländische, haben bereits ihren Hauptsitz hier, was die Kommunikation zwischen den Unternehmen vereinfachen würde“, nannte Annabelle Hennemann (19) Argumente der Banken. Außerdem: die gute digitale Infrastruktur und der Flughafen. Frankfurt verspreche nicht nur größere Stabilität als die Alternativen Paris und Dublin, sondern auch vergleichsweise günstige Büromieten. Von bis zu 45 Londoner Banken, die planten, ihren Standort nach Frankfurt zu verlegen oder zumindest ihre Präsenz zu verstärken, sei derzeit die Rede.

Fraport-Chef und Laudator Stefan Schulte, Jacob Krüger, Lehrerin Johanna Trick, Annabelle Hennemann und Gero ten Hövel.

Das habe Konsequenzen für Region und Bewohner. Goldman Sachs beispielsweise habe schon Büros angemietet und rare Schulplätze reserviert. Aus einem Schaubild, das den Anstieg der Frankfurter Mieten seit Baubeginn der EZB 2008 um 45 Prozent zeigt, zeichnet sich ab, dass diese durch den prognostizierten Zuzug von 8000 Bankern, teilweise mit Familien, weiter in die Höhe schießen werden. Deshalb formulierten die drei Schüler Forderungen an die Politik: Infrastruktur und Nahverkehr müssten ausgebaut und der Wohnungsmarkt reguliert werden. Noch stehe aber aus, ob sich ein anderer Standort oder der „Oktopus“, mehrere pulsierende Finanzherzen in Europa, durchsetzten.

Die Vorteile, neue Jobs – auch außerhalb des Bankgewerbes –, höhere Steuereinnahmen und eine größere Bedeutung der Stadt, überzeugten die Wettbewerbsgewinner nicht. Sie wünschen sich kein europäisches Bankenmonopol in ihrer Heimat. Dass kleine Unternehmen und urbane Vielfalt verdrängt werden könnten, schreckte die Schüler ab. Noch mehr: dass der Kampf um zentrumsnahen Wohnraum in soziale Ungerechtigkeit und Ghettobildung münden könnte.

„Man sieht es in London, aber auch bei Städten wie Singapur, die aus dem Boden schießen, dass das immer mit einem Demokratieverlust und Nachteilen für die ärmere Gesellschaft einhergeht“, urteilte Jacob Krüger (17) in der anschließenden Debatte, die von FR-Redakteur Peter Hanack und Matthias Rust, dem Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft Schule–Wirtschaft, moderiert wurde.

„Die Stadt wird sich auch ohne Brexit ausdehnen“, glaubt Oliver Stirböck (FDP). „Mittelständische Unternehmen, die in Frankfurt keinen Platz finden, könnten sich vielleicht in Offenbach ansiedeln“, lautet sein Vorschlag. Michael Ruhl (CDU) hofft auch auf die Digitalisierung. „Die Leute müssen teilweise weitere Wege in Kauf nehmen oder eben gar keine mehr zurücklegen.“ Miriam Dahlke (Grüne) findet, dass als Ausgleich zum Zuzug der Banker Mieten reguliert und das Verkehrsnetz ausgebaut werden müssten. Auf Regulierung durch Angebot und Nachfrage hofft Schulte. „Es muss einfach mehr Wohnraum geschaffen werden. Auch im erweiterten Einzugsgebiet.“

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Mit Wirtschaft gewinnen

Schülerinnen und Schüler für aktuelle wirtschaftliche Themen zu interessieren, ist Ziel des Wettbewerbs „präsentieren & gewinnen“. Den Wettbewerb für Oberstufenschüler richten die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU), die Landesarbeitsgemeinschaft Schule–Wirtschaft und die Frankfurter Rundschau gemeinsam aus. Weitere Informationen gibt es im Internet unter der Adresse www.fr.de/schuelerforen.

„Suedlink - Fluch oder Segen für Osthessen?“ ist Thema am Dienstag, 4. Juni, von 17 bis 19 Uhr. Es präsentieren Raul Guthardt, Luke Herwig und Leon Volkenant, Berufliche Schulen, Eschwege, Südring 35. Der Eintritt ist frei. (pgh)

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