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Breites Bündnis für mehr Bodenschutz

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Von: Andreas Groth

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Wölfersheimer See: Gegen die Versiegelung der Landschaft hat sich ein breites Protest-Bündnis gebildet.
Wölfersheimer See: Gegen die Versiegelung der Landschaft hat sich ein breites Protest-Bündnis gebildet. © Monika Müller Mueller

Kirchen, Umweltschützer und Bauern wollen hochwertige Böden schützen und Landschaftszerstörung, wie etwa durch ein neues Logistzentrum, stoppen.

Es ist ein außergewöhnlicher Schulterschluss. Zwölf Organisationen, darunter die Kirchen, der regionale Bauernverband und die Naturschutzverbände in der Wetterau, haben sich zusammengetan, um gegen die Versiegelung von immer mehr hochwertigen Böden zu protestieren. „Stoppt den dramatischen Flächenverbrauch und die Landschaftszerstörung durch Bauflächen und Straßenbau!“ lautet der Appell der gemeinsamen Erklärung, die am Mittwoch in Wölfersheim vorgestellt wurde. Von 1991 bis 2015 habe die landwirtschaftliche Nutzfläche im Kreis laut Statistischem Landesamt um 2400 Hektar abgenommen, heißt es darin. 1800 Hektar davon seien auf den Zuwachs von Siedlungs- und Verkehrsflächen zurückzuführen.

Die Unterzeichner der Erklärung kritisieren das scharf. Die Wetterau mit ihren ertragreichen Lössböden zähle zu den „Regionen in Mitteleuropa mit dem höchsten Potenzial für die Lebensmittelproduktion“. Dies sei eine Chance, auf lange Sicht gute Erträge zu erwirtschaften, zugleich aber auch Verpflichtung, diese Böden zu bewahren. „Es ist unverantwortlich, dass Böden, die zum wertvollsten Ackerland weltweit gehören, zerstört werden sollen,“ moniert Doris Jensch vom Naturschutzbund NABU. Stattdessen sollten die politisch Verantwortlichen zunächst prüfen, wo alte Tagebauflächen oder Industriebrachen bebaut werden könnten.

Dass sich die Organisationen Wölfersheim ausgesucht haben, um die Erklärung abzugeben, ist den Plänen von Rewe geschuldet, im Ortsteil Berstadt, direkt an der A45, ein neues Logistikzentrum zu bauen. Der Neubau soll auf einer 30 Hektar großen Fläche entstehen, die zurzeit landwirtschaftlich genutzt wird.

Wölfersheims Bürgermeister Rouven Kötter (SPD) verteidigt das Vorhaben mit Verweis auf die 550 Arbeitsplätze, die durch den geplanten Neubau in der Region bleiben könnten. Außerdem machten die 30 Hektar gerade mal ein Prozent aller Wölfersheimer Ackerflächen aus. Die Aussicht auf zusätzliche Gewerbesteuereinnahmen spiele keine Rolle, so Kötter. Bis Sommer 2018 wolle man Baurecht schaffen. Der Regionalverband hat das Verfahren zur Änderung des Regionalen Flächennutzungsplanes schon eingeleitet.

Die Vorsitzende des Regionalbauernverbandes, Andrea Rahn-Farr kritisierte, es habe im Vorhinein keine Gespräche mit den Bauern und Grundbesitzern gegeben. Für den Rosenhof Ruf, der dort biologischen Rosenanbau betreibe, und zwei weitere Betriebe, stelle das Logistikzentrum eine Existenzbedrohung dar. Auch daher der Appell an die Grundeigentümer, ihre Flächen für solche Projekte nicht mehr zu verkaufen und sich „Umlegungsverfahren“ gerichtlich zu widersetzen“, heißt es in der Erklärung. Unmissverständliche Worte findet der Dekan des evangelischen Dekanats Wetterau, Volkhard Guth: Dieses Verfahren komme einer Enteignung gleich. Für Rahn-Farr spiegeln die Pläne in Wölfersheim eine allgemeine Tendenz wieder: Die Vorgaben des Regionalen Flächennutzungsplanes würden immer öfter „einzelfallbezogen über den Haufen geworfen“.

In der Erklärung, der sich die Grünen als einzige Partei angeschlossen haben, heißt es: „Wenn überhaupt noch Boden überbaut wird, hat Flächenrecycling Vorrang, oder es muss an anderer Stelle entsiegelt werden.“ Vom Landkreis, dem Regionalverband, dem Regierungspräsidium und dem Land erwarte man eine „Wende in der Genehmigungspolitik“. Auch Wohnprojekte sollten künftig innerhalb von Gemeinden verwirklicht und so der Flächenverbrauch minimiert werden.

Erster Kreisbeigeordneter und Landwirtschaftsdezernent Jan Weckler (CDU) bezeichnet die große Nachfrage nach Land für Wohnungen und Gewerbe in der Wetterau als „Fluch und Segen zugleich“. Zusätzliche Einwohner und Arbeitsplätze stärkten die Wirtschaftskraft der Gemeinden. Man müsse künftig aber stärker Baulücken ins Visier nehmen und in die Höhe bauen.

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