Gut gebrüllt

Weg war er

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Von der Flucht in die Karibik und der Sehnsucht nach intelligenteren Zwischenrufen. Die Kolumne aus dem hessischen Landtag.

Wir hätten gerne berichtet, wo genau die Jacht von Norbert Nedela vor Anker liegt und wie lange er noch um die Welt segeln will. Leider können wir diesen Tratsch nicht liefern. Denn der langjährige Polizist Nedela weiß, wie man abtaucht.

Der frühere Landespolizeipräsident war sieben Jahre lang nicht auf dem politischen Parkett Wiesbadens zu sehen, seit der damalige Innenminister Boris Rhein ihn rausgeworfen hatte. Als ihn der NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags vernehmen wollte, war Nedela lange unauffindbar.

Schließlich soll der schneidige Schnauzbartträger mitgeteilt haben, er stehe nur noch im April zur Verfügung, da er seine Jacht unmöglich im Mai und Juni unbeaufsichtigt lassen könne, wenn Stürme über die Karibik fegten. Also schob der Ausschuss für Nedela noch einen April-Termin ein.

Dreieinhalb Stunden lang hörten sich die Abgeordneten an, dass der frühere Polizist mit dieser Zeit abgeschlossen und alles verdrängt habe. Über sein neues Leben durften ihn die Politiker nicht befragen. Das hätten wir gerne danach getan. Der flotte Fernsehkollege Franco Foraci bat um ein Interview. Nedela sagte zu, doch müsse er noch auf die Toilette. Weg war er und ward nicht mehr gesehen.

Manchmal stoßen Journalisten eben an Grenzen. Zuweilen tauchen Fallstricke auf, die man gar nicht bemerkt. Nehmen wir die „Dienstalterliste“ des Landtags. Die hatten wir in der vorigen Woche bemüht, um herauszufinden, welche Abgeordneten am längsten dabei sind. Ergebnis: Norbert Kartmann. Aber das stimmt gar nicht. Denn die „Dienstalterliste“ gibt nicht das Dienstalter an, wie wir treuherzig vermutet hatten. Sie listet die Dauer der ununterbrochenen Zugehörigkeit zum Parlament auf, Betonung auf „ununterbrochen“. In Wahrheit ist nicht Landtagspräsident Kartmann, sondern sein Vize Frank Lortz der Dienstälteste – nämlich seit 1982 dabei. Hier täuscht die Liste (die aus formalen Gründen Zeiten nach der Auflösung des Parlaments als Unterbrechung wertet).

Wenn es jemals einen Dienstalterspräsidenten geben sollte, der das Parlament eröffnet, wäre der knorrige Christdemokrat Lortz eine gute Besetzung. Er versteht sich wie kein anderer Sitzungsleiter darauf, eine vergiftete Atmosphäre durch humorvolle Einwürfe („Die Zwischenrufe etwas intelligenter, dann sehen wir weiter“) zu entspannen. Wenn es hingegen beim Alterspräsidenten bleibt, könnte vielleicht der Grüne Frank Kaufmann den nächsten Landtag eröffnen, der ebenfalls für spitzen Witz bekannt ist.

Weder Lortz noch Kaufmann müssten aus der Karibik eingeflogen werden. Der Weg von Seligenstadt beziehungsweise Dietzenbach ist nicht so weit.

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