Mit 72 Maschinen ist die langstreckenflotte der Lufthansa um einiges kleiner als die Kurz- und Mittelstreckenflotte. Im Interkontinatalverkehr wird deshalb auch weniger oft getauscht.
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Mit 72 Maschinen ist die langstreckenflotte der Lufthansa um einiges kleiner als die Kurz- und Mittelstreckenflotte. Im Interkontinatalverkehr wird deshalb auch weniger oft getauscht.

"So klein wie möglich, so groß wie nötig"

Von der schwierigen Arbeit eines Netzplaners, der dafür sorgen muss, dass auf Rhein-Main und anderen deutschen Flughäfen immer der richtige Jet steht

Von WOLFGANG SCHUBERT

Frankfurt · 13. November · Karsten Benz ist kein gläubiger Katholik. Doch wenn Papst Johannes II. in Rom Geburtstag hat, schickt auch der Diplom-Kaufmann zumindest in Gedanken einen Glückwunsch nach Italien. Wenn der Papst feiert, ist das auch gut für die Lufthansa, den Arbeitgeber von Karsten Benz. Dann sind die Rom-Maschinen besonders gut ausgelastet und müssen hin und wieder die Flugzeuge getauscht werden. Satt der geplanten kleinen Jets gehen dann größere Flugzeuge in die Luft.

Benz ist in der Frankfurter LH-Zentrale Chef der Netzplanung. Er ist verantwortlich, dass an jedem Gate auf Rhein-Main und den anderen deutschen Flughäfen immer das "richtige" Flugzeug steht. Das Motto: "So klein wie möglich, so groß wie nötig". Denn der Einsatz eines zu großen Flugzeuges bedeutet unnötige Kosten, wenn zu viele Sitze frei bleiben. Andererseits geht Geld verloren und gibt es Ärger mit der Kundschaft, wenn der vorgesehene Flieger zu wenig Plätze hat und Passagiere zurück bleiben müssen.

Warteliste für Rom

Als in diesem Jahr Johannes Paul II. am 18. Mai seinen 83. Geburtstag beging, war der Sturm auf Rom besonders groß. Das hatte auch damit zu tun, dass Lufthansa im Kampf um Marktanteile mit den Billig-Airlines ein paar Wochen zuvor ein neues Preissystem installiert hatte. Statt regulär über 500 Euro war der Trip vom Main an den Tiber schon für 149 Euro zu haben. Das war für viele Urlauber aus Deutschland Anlass genug, Colosseum, Petersdom oder Trevibrunnen sehen zu wollen - vom Papst ganz abgesehen.

Karsten Benz hatte plötzlich ein Problem. Die Warteliste für Flüge von Frankfurt und München nach Rom war auf fast 500 Namen angewachsen.Theoretisch war die Lösung klar: Kleines Fluggerät gegen großes Gerät tauschen. Doch so einfach lässt sich ein solches Problem nicht lösen.

Es nutzt wenig, wenn in Frankfurt ein größerer Jet an den Start rollt, der auf dem Rückflug ein paar Stunden später aber halb leer wäre. Zudem müssen Benz und seine Abteilung auch die nächsten Flüge der getauschten Maschine im Auge behalten. Ist der Flieger für das vorgesehene Ziel dann vielleicht überdimensioniert, ist er zu groß und zu schwer für die kurze Landebahn im Zielgebiet oder steht eventuell eine Wartung an, die nicht verschoben werden kann? Zu berücksichtigen ist auch die unterschiedliche Reisegeschwindigkeit derJets. Wird eine Boeing 737-500 gegen einen viel größeren Airbus A 300-600 getauscht, heißt es aufgepasst: Der Airbus ist mit 860 Stundenkilometer um einiges schneller als die Boeing, die es nur auf 795 Spitze bringt. Um derlei Konflikte zu lösen, müssen zumeist mehrere Flugzeuge in den Tausch mit einbezogen werden. Es beginnt ein wahres Domino-Spiel.

Bis vor einem Jahr haben das die Mitarbeiter noch per Hand gemacht, sagt Karsten Benz. Jetzt sucht ein Computer für die täglich 1000 Lufthansa-Flüge weltweit das optimale Gerät. Das Computer-Programm mit dem Namen "Fleet Assigner" kennt selbst die Preise für die Flugzeug- und Passagierabfertigung auf allen Flughäfen der Welt. In Sekundenschnelle jongliert er mit Dutzenden von Flugzeugen, stellt eine Kosten-Nutzen-Rechnung an und checkt, so Netzplaner Benz, "ob es in der Summe nicht sogar teurer wird, ein größeres Flugzeug einzusetzen, um vielleicht fünf Leute mehr ans Ziel zu bringen".

Freitags immer volle Flieger

Der "Fleet Assigner" hat reichlich Auswahl unter den zurzeit 139 im innerdeutschen und europäischen Flugverkehr eingesetzten Maschinen. Bei sieben verschiedenen Mustern vom 48-sitzigen Canadair Jet bis zum Airbus A 300-600 mit seinen 270 Plätzen ist die Chance groß, das passende Gerät zu finden. Als Papst Johannes II. im Mai feierte, tauschten die Netzplaner für mehr Kapazität auf den Rom-Strecken insgesamt 24 kleinere Maschinen gegen größeres Gerät aus und ließen dafür in zehn Fällen kleinere Jets als vorgesehen an den Start rollen.

"Es ist schon immer schwer gewesen, die Nachfrage verlässlich einzuschätzen", sagt der Netzplaner Benz. Nur auf den Rennstrecken von Frankfurt nach Berlin, Hamburg oder München gebe es Montagmorgen und Freitagnachmittag eine Voraussagequote von 100 Prozent: "Zu dieser Zeit sind die Flieger immer voll".

Ansonsten komme es aber immer wieder vor, dass für einen Flug die Warteliste innerhalb weniger Tage auf 40 oder 50 Passagiere anwachse, bei einem anderen Flug aber ohne ersichtlichen Grund plötzlich unerwartet viele der eigentlich gebuchten Fluggäste gar nicht erscheinen. Insbesondere Geschäftsleute lassen sich ihren Sitzplatz gerne gleich in zwei oder gar drei Maschinen reservieren, wenn nicht abzusehen ist, wann der Geschäftstermin zu Ende sein wird. Obwohl sie nur ein Ticket bezahlt haben, kostet das - anders als bei der Bahn - keinen Cent mehr. Der Anteil jener "No-Shows" genannten Kundschaft, die gebucht hat, aber nicht kommt, beträgt immerhin zehn bis 15 Prozent.

Warten aufs finale Schnäppchen

Für den Lufthansa-Manager Benz gewinnt der "Fleet-Assigner" zunehmend an Bedeutung. Seit einem Jahr, sagt der promovierte Diplom-Kaufmann, habe sich das Buchungsverhalten nämlich "gravierend verändert". Mit dem verstärkten Auftreten von Billig-Fliegern auf deutschen und europäischen Strecken habe sich der Trend zum "immer späteren Buchen noch einmal verstärkt". Mehr Menschen denn ja würden heute auf "das finale Schnäppchen warten".

Der "Fleet Assigner" helfe, in diesem schwierigen Markt besser mitzuhalten. Der Computer, sagt Benz, könne "kurzfristig und besser frei Kapazitäten" erkennen, die dann noch vermarktet werden können. Andererseits ist der Computer in der Lage, die Wartelisten systematisch abzubauen.

Als der Rechner vor acht Wochen die Buchungen für Oktober überprüfte, entdeckte er über 70 000 Passagiere, die nur noch einen Platz auf der Warteliste bekommen hatten. Nachdem der "Fleet Assigner" ans Werk ging und insgesamt 6950 Flüge untereinander tauschte, konnten 62 900 Fluggäste von der Warteliste gestrichen und in die Rubrik "fest gebucht" eingegeben werden.

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