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Prachtvoll und durchaus mit Wirkung auf das Selbstbewusstsein der Europäer - der neue Airbus A 380 am Dienstag in Toulouse.

Griff nach den Sternen

Chirac, Blair, Schröder, Zapatero, Europas Viererbande, präsentieren selbstbewusst den neuen Airbus A 380

Von HANS-HELMUT KOHL (TOULOUSE)

Ganz schön fit, das alte Europa. Pünktlich zu Beginn der zweiten Amtszeit von George W. Bush haben die Staats- und Regierungschefs von gleich vier großen europäischen Nationen dem US-Präsidenten am Dienstag in Toulouse klar gemacht, wo sich zumindest in der Luftfahrt künftig der technologische Fortschritt entwickelt: Auf dem alten Kontinent, in einem durchaus atemberaubenden Geflecht von Firmen, Produktionsstandorten und Werkshallen.

Ganz schön groß, der neue Airbus A 380. Die industriepolitische europäische Viererbande, bestehend aus Jacques Chirac, Tony Blair, Gerhard Schröder und José Luis Zapatero, kletterte nach der knapp zweistündigen Feier bei der ersten öffentlichen Präsentation des weltgrößten Zivilflugzeugs gleich sechs Zwischentreppen hoch, um dann doch nur vor der Eingangstür des unteren Decks zu stehen. Das Licht ging an - und der Riese, der im blauen Halbschatten hinter den Politikern wie ein gestrandeter Ozeanliner geduldig gewartet hatte, erstrahlte im Silber und Blau der neuen Airbus-Farbenphilosophie.

Airbus hatte sich zuvor schon alle Mühe gegeben, den so genannten "Rollout" ihres jüngsten Babys als eine zugleich poetische und hochtechnologische Weihestunde zu inszenieren. Symphonisches Geraune erfüllte die neue Endfertigungshalle nahe beim Toulouser Flughafen Blagnac bis zur Ankunft der vier Staats- und Regierungschefs. Hinter den turmhohen Vorhängen, das wussten die gut 5000 Ehrengäste aus aller Welt, wartete das Dickschiff der Airbus-Familie auf seinen ersten globalen Auftritt. Doch Airbus wollte es nicht bei grellem Scheinwerferlicht und schulterrollendem Stolz auf die technologische Spitzenleistung belassen, sondern bot dem Publikum künstlerischen Mehrwert. Der uralte Menschheitstraum vom Fliegen: Er wurde in verspielten Bildern ebenso nacherzählt wie die wundersame Geschichte von den vielen Händen und Köpfen, die zusammen arbeiten, um ein solch ehrgeiziges Ziel zu erreichen. Ein Flugzeug zu bauen, in dem die Zuschauerschaft eines mittelgroßen Stadttheaters gleich 15 000 Kilometer weit reisen kann; dies mit rigiden Spar- und Ökovorgaben zu verbinden und dann auch gleich noch 14 Airlines mit ihren Vorstandschefs vorzeigen zu können, die schon 150 dieser Mastodonte orderten: Airbus-Chef Noël Forgeard dankte zu Recht den 52 000 Mitarbeitern seines Unternehmens für die in den vergangenen Jahren geleistete Arbeit.

Auf der Bühne hatten zuvor vier Stelzenläufer in weiten Umhängen die vier Nationen dargestellt, die durch ihre Staatschefs auf der Ehrentribüne vertreten waren. Die langbeinigen Gesellen gefielen dem Kanzler so sehr, dass er auf sie bei seiner kurzen Ansprache zurückkam. Die Namen Goethes, Einsteins und Bachs hatte der schwarz-rot-goldene Stelzenmann auf seinem Mantel stehen - als Assoziation und Hinweis auf die teutonischen Geistesgrößen, denen beim Spanier Cervantes, beim Franzosen Voltaire und Rabelais und bei dem Briten die Beatles das Wasser reichen sollten. Gerhard Schröder fühlte sich "berührt" durch die Bilder, denn "ohne diese Kultur", ohne diese Geschichte wäre, so der Kanzler, dieser "großartige Tag" nicht möglich.

Er war es auch, der im Gegensatz zu seinen drei Kollegen selbst bei dieser feierlichen Gelegenheit Tacheles redete. "Es sind die Traditionen des guten alten Europa, die Zusammenarbeit, die Fairness, die soziale Sensibilität", die nach Überzeugung des Kanzlers das riskante A-380-Projekt zum Erfolgserlebnis werden ließen. Und er setzte - in unverhohlener Anspielung auf Anwürfe vom anderen Atlantikufer - noch hinzu: Zwar habe Europa mit dem Luftfahrt- und Raumfahrtkonzern EADS, "was viele nicht für möglich halten wollten, nach den Sternen gegriffen, aber zumindest in der Luftfahrt halten wir jetzt wesentliche Teile auch in den Händen."

Denn gleich in beiden vergangenen Jahren hat Airbus den Konkurrenten Boeing bei der Zahl der ausgelieferten Flugzeuge übertrumpft, und die Zukunft sieht nicht nur wegen der A 380 eher rosig aus. Er wünsche sich eine energische europäische Interessenvertretung durch die EU-Kommission bei den anstehenden Verhandlungen vor der Welthandelskommission, bei der es um die Subventionstatbestände in Europa und den USA gehen wird, sagte Schröder. Vor allem aber erhoffe er sich die Einsicht bei EADS, "dass dort das Boot nicht voll ist", dass also noch andere Partner, "insbesondere Russland", in die strategischen Überlegungen der Airbus-Mutter einbezogen werden.

Anders als der Kanzler war Tony Blair einfach nur stolz, dass wesentliche Teile des neuen Luftschiffs "Made in England" sind: "Das Ding ist einfach nur überwältigend." Und Spaniens Premier José Luis Zapatero gab eher die Rolle des Juniorpartners für die deutsch-französisch-britische Kooperation, die sich auch in den Eigentumsanteilen bei EADS materiell niederschlägt. Sein leidenschaftliches Bekenntnis zu Europa stand dem von Jacques Chirac nicht nach, der bei seinem Heimspiel in Toulouse gewohnt pathetisch von "Emotion und Stolz" sprach, die dieser "Gigant der Lüfte" bei ihm wecke.

Dann neigte sich die Show ihrem Ende zu. Vier Jungen und Mädchen zogen an einer gewaltigen Vorhangtroddel, die von irgendwoher aus dem Himmel an der Hangardecke zu kommen schien - und die A 380 zeigte sich in ihrer vollen Pracht. Tusch, Buffet eröffnet.

Ein paar Stunden zuvor hatte Sir Richard Branson, der schrill-bunte Vogel der globalen Luftfahrt, die Lacher auf seiner Seite, als er im Kreis der Vorstandschefs der A-380-Kunden "seine" Virgin Atlantic Airways mit "ihrem" Programm für den Super-Vogel präsentierte. Unter Schlipsträgern und Zweireihern, Vorstandschefs und arabischen Prinzen, die jene 14 Airlines repräsentierten, die sich bereits für die A 380 entschieden haben, wirkte Branson mit offenem Kragen und jugendlicher Silhouette ohnehin wie der Pfau im Amselgeschwader.

Als Sir Richard in astreinem Cockney verkündete, Virgin werde nicht die möglichen knapp 900, sondern nur 500 Passagiere in das neue Flugzeug packen, dafür aber auch eine Menge Spaß, horchten die Presseleute in Toulouse trotz der frühen Morgenstunde auf. Ein Fitness-Studio werde es bei ihm geben - für den "Work out" über dem großen Teich. Und einen Schönheitssalon, gewidmet der weiblichen Hälfte der Menschheit. Für alle anderen Laster bietet Branson der fliegenden Kundschaft "zwei große Bars" und "ein Casino", vor allem aber "eine ganze Menge Doppelbetten" in der A 380: "Sie sehen", grinste Sir Richard zufrieden, "auch bei uns können Sie so richtig glücklich werden auf einem Langstreckenflug."

Extra: Rollout des A 380

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