+
Mit IS-Flagge im Hintergrund hat Harry M. einst in der ARD gegen Ungläubige gehetzt (Symbolbild).

Islamist vor Gericht

"Wir leben hier ja nicht in einem Kalifat"

  • schließen

Harry M., einst IS-Sympathisant, gibt sich vor dem Landgericht Frankfurt geläutert. Der 24 Jahre alte Mann verbreitet atemberaubende Thesen.

So ganz sauber war Harry M. wohl noch nie. Anfang 2015 sagte der heute 24-Jährige der „Berliner Morgenpost“, dass es ziemlich unislamisch sei, einem Ungläubigen mit einem stumpfen Messer den Kopf abzusäbeln, alldieweil der Prophet einst vermeldet habe, dass Messer vor dem Schlachten zu schärfen seien. Ob die Kopfabschneiderei mit scharfem Messer in Ordnung wäre, wollten die Journalisten wissen. „Nach islamischem Recht ja“, antwortete Harry M.

Seit Donnerstag hat Harry M. andere rechtliche Probleme, er muss sich nämlich wegen Verstoßes gegen das Vereinsgesetz vor dem Landgericht verantworten. Am 24. März 2015 wurde in der ARD die Dokumentation „Dschihad in den Köpfen“ gezeigt. Dort durfte auch Harry M. seinem Glauben Ausdruck verleihen, es sei die „heilige Pflicht der Muslime“, nach Syrien oder sonstwo zu reisen und dort auf Teufel komm’ raus Köpfe abzuschneiden. Er tat dies vor einer riesigen IS-Flagge, die in seiner Bude an der Wand hing, was nicht nur ästhetisch fragwürdig, sondern auch durch das Vereinsgesetz verboten ist.

Und auch noch dämlich, wenn man wie Harry M. unter laufender Bewährung steht. 2012 hatte ihn das Oberlandesgericht Schleswig zu einer Haftstrafe von drei Jahren und drei Monaten. Der damals 20-Jährige hatte unter seinem Nom de Guerre Isa al-Khattab auf seiner Webseite „Islamic Hacker Union“ mehr als 80 Propagandavideos von Terrorvereinigungen verbreitet, darunter auch des IS.

Harry M. wuchs in extrem prekären Verhältnissen in Norddeutschland auf. Seinen Vater hat er nach eigenen Angaben nie kennengelernt, die Mutter schmiss ihn raus, als er 13 war. Sein Werdegang im Schnelldurchlauf: Heimaufenthalte, Drogenexzesse, Blitzradikalisierung. Harry M. machte sich in der Salafistenszene schnell einen Namen. Seine Fertigkeiten am Computer sind überdurchschnittlich, er kann, wenn er will, ruhig und sachlich reden. Wenn auch nur in puncto Tonalität. Wenn er den Mord des Frankfurter Flughafenattentäters Arid U. an zwei US-Soldaten etwa als „schöner als eine duftende Blume“ bezeichnete, blieb das dennoch Schwachsinn.

Längst vom IS distanziert

Er habe sich längst vom IS distanziert, versichert M. nun vor dem Landgericht. Was auch daran liege, dass er seit seiner Freilassung nicht nur „nach islamischem Recht“ verheiratet ist, sondern auch noch drei Töchter in die Welt gesetzt hat. Das macht nachdenklich. Selbstverständlich sei der Islam nach wie vor „die einzig wahre Religion“, und nach wie vor hätten „Götzendiener, Abtrünnige und Ungläubige“ keinen Platz in seinem Herzen. Aber H. gesteht ihnen mittlerweile das Recht auf Leben zu, zumindest in Deutschland, „wir leben hier ja nicht in einem Kalifat“. Ob das denn besser wäre, will der ungläubige Vorsitzende Richter wissen. „Für mich persönlich ja“, antwortet Harry M. Er arbeitet dran. Aber mittlerweile ganz legal, sagt er.

Das Problem mit dem IS seien ja nicht nur die stumpfen Henkersmesser. Das Problem sei auch, dass das ganze Procedere nicht schariakonform sei. In einem islamistischen Rechtsstaat müsse das nämlich so laufen: Statt sofort getötet zu werden, hätte auch der Götzendiener das gottgegebene Recht auf einen Prozess. Natürlich müsste er ob seiner Häresie verurteilt werden, aber man müsse ihm zumindest die Gelegenheit einräumen, seine Missetaten zu bereuen und Buße zu tun. Erst dann sei die Enthauptung legitim.

Aber nicht in Deutschland. Wenn er hier einen beim Götzeln erwische, „dann schließe ich ihn aus dem Islam aus“, sagt M. Das sei ja schlimm genug.

Der Prozess wird fortgesetzt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare