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Landgericht Hanau.

Hanauer Sekte

Das Warten auf die Aufklärung

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Wie ist der aktuelle Stand des Verfahrens im Hanauer Sektenfall? Alle Infos zu einem komplizierten Fall.

Was legt die Staatsanwaltschaft Hanau Sylvia D. zur Last?
Die Staatsanwaltschaft hat D. im September 2017 wegen Mordes angeklagt. Sie ist überzeugt, dass die Angeschuldigte den vierjährigen Jan H. am 17. August 1988 grausam und aus niedrigen Beweggründen getötet hat. Jans Eltern, Mitglieder der Glaubensgruppe, hatten ihn in die Obhut von D. gegeben. Er soll – in einen Leinensack eingeschnürt – zum Schlafen ins Bad gelegt worden sein. Die Angeschuldigte habe ihn in dem Sack sterben lassen, obwohl sie die Panik des Jungen „aufgrund seiner intensiven Schreie“ wahrgenommen habe. D. habe ihn unter anderem als „Schwein“ und „Reinkarnation Hitlers“ betrachtet.

Wie ist der aktuelle Stand des Verfahrens?
Das Zwischenverfahren läuft noch. Dabei prüft die erste große Strafkammer des Landgerichts Hanau die Anklage und entscheidet, ob diese zugelassen wird. Das Hauptverfahren wird eröffnet, wenn das Gericht zu dem Ergebnis kommt, dass ein hinreichender Tatverdacht vorliegt, also eine Verurteilung wahrscheinlicher ist als ein Freispruch. Die Unschuldsvermutung gilt nach wie vor.

Gibt es einen Zeitpunkt, bis zu dem die zuständige Strafkammer entscheiden muss?
Nein, weil Mord nicht verjährt. Da die Verdächtige nicht in Untersuchungshaft sitzt, muss auch keine Frist eingehalten werden. In der Regel darf eine U-Haft höchstens sechs Monate dauern. Damit sie angeordnet wird, müssen zwei Kriterien erfüllt sein: sowohl ein dringender Tatverdacht als auch Haftgründe wie Wiederholungs- und Fluchtgefahr. Nach Auffassung des Gerichts trifft dies hier nicht zu.

Weshalb hat das Gericht noch nicht entschieden, ob es zu einem Prozess kommt?
Andreas Weiß, Vizepräsident des Landgerichts, sagt, er „sehe nicht, dass in Kürze eine Entscheidung getroffen wird“. Falls eine Hauptverhandlung stattfindet, dann mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr 2018. Die Kammer werde derzeit durch eine Reihe aufwendiger Prozesse stark beansprucht. Darüber hinaus hätten Haftsachen Vorrang. Und nicht zuletzt sei der Fall kompliziert: So ließ das Gericht ein psychiatrisches Gutachten über D. erstellen, an dem der beauftragte Sachverständige mehrere Monate lang arbeitete. Die Verteidigung hat Einwände gegen den Sachverständigen erhoben. Sie halte ihn für befangen, weil er sich auch mit der Sektenfrage befasst haben soll. Ob der Gutachter abgelehnt wird, würde die Strafkammer wohl in einem möglichen Hauptverfahren entscheiden.

Was passiert, wenn die Kammer das Verfahren nicht eröffnet?
Die Staatsanwaltschaft kann dagegen Beschwerde einlegen. Es ist davon auszugehen, dass sie dies tun würde. Zuständig wäre das Oberlandesgericht Frankfurt.

Und wenn sie es eröffnet?
Dann legt die Kammer die Termine für die Verhandlung fest.

Wie erleben die Aussteiger das Warten auf die Entscheidung?
Einige warten gelassen auf die Entscheidung, andere angespannt. Der Schwebezustand belastet die Betroffenen. Sie befürchten, dass der Fall niemals umfassend aufgeklärt werden könnte.

Was sagt der Verteidiger zum Mordvorwurf?
Er weist diesen zurück. Dafür gebe es keine objektiven Anhaltspunkte. Gäbe es sie, hätte seine Mandantin „auch längst einen Haftbefehl zu gewärtigen, wie dies bei einem vorhandenen dringenden Tatverdacht regelmäßig der Fall ist“. Der Anwalt verweist auf das 1988 abgeschlossene Todesermittlungsverfahren, bei dem „keinerlei Anzeichen von Fremdeinwirkung festzustellen waren“. D. wisse, dass sie sich nichts habe zuschulden kommen lassen, und könne dem Ausgang des Verfahrens beruhigt entgegensehen. Die Verteidigung hat ferner offensichtlich Strafanzeige wegen „Verfolgung Unschuldiger“ gegen Personen erstattet, die im Fall von Sylvia D. ermittelt haben. Ein Ermittlungsverfahren wurde eingeleitet.

Was entgegnet die Staatsanwaltschaft auf den Vorwurf?
Sie bestätigt auf Anfrage nur, dass ein Rechtsanwalt Anzeige erstattet hat. „Um jeden Anschein der Parteilichkeit zu vermeiden“, wurde das Verfahren an die Staatsanwaltschaft Limburg abgegeben. Die Staatsanwaltschaft Hanau könne keine weiteren Auskünfte erteilen.

Worauf basiert die Anklage der Staatsanwaltschaft?
Die Staatsanwaltschaft hat zweieinhalb Jahre ermittelt, zahlreiche Vernehmungen vorgenommen und den Leichnam von Jan H. exhumiert. In Wohnhäusern von Sektenmitgliedern sowie in der Firma, die mit der Gruppe verflochten ist, fanden mehrere Durchsuchungen statt. Dabei stellten die Ermittler Dutzende Kisten mit Unterlagen und Datenträgern sicher, darunter offenbar auch Briefe, in denen die Führungsfiguren angebliche Botschaften von Gott erhalten.

Weshalb wurde das 1988 eingeleitete Todesermittlungsverfahren schnell eingestellt?
Weil sich „keine Hinweise auf ein Fremdverschulden“ ergeben hätten. So steht es laut Staatsanwaltschaft in der Akte, die lange in ihrem Archiv lagerte. Ein Notarzt stellte demnach am 17. August 1988 um 15 Uhr den Tod des Kindes fest. Jan sei an erbrochenem Haferschleim erstickt. Zweieinhalb Stunden zuvor habe ihn seine Mutter hingelegt und in die Obhut von D. gegeben.

Welche Fragen wirft das Verhalten der Behörden auf?
Die Ermittler ordneten vor 30 Jahren keine Obduktion an, obwohl ein Vierjähriger unter normalen Umständen kaum an seinem Erbrochenen ersticken kann, auch nicht im Schlaf, weil Essensreste durch einen Hustenreflex aus den Atemwegen befördert werden. Mehrere Rechtsmediziner kritisierten gegenüber der FR scharf, dass nicht obduziert wurde. Zudem sollen nach Angaben der Staatsanwaltschaft etwa die Eltern zwar gehört, aber nicht vernommen worden sein. Die damaligen Ermittlungen waren mangelhaft. Darüber hinaus ging das Hanauer Jugendamt Anfang der 90er Jahre Hinweisen nicht konsequent nach. Ein Informant, der am 17. August 1988 im Haus der D.s war, berichtete schon damals von Missständen in der Gruppe und von Jans Tod. Das Amt weist Kritik zurück, auch weil die Angaben zu vage gewesen seien und der Mann den Kontakt abgebrochen habe. Der Aussteiger widerspricht entschieden: Trotz seiner Angst vor Strafen habe er detaillierte Informationen gegeben, etwa eineinhalb Stunden lang. Und der Mitarbeiter hätte ihn finden können, wenn er wirklich gewollt hätte. Etwa zehn Jahre zuvor, als die Familie D. noch in Darmstadt lebte, sollen deren Pflegekinder gegenüber dem dortigen Jugendamt ebenfalls unerträgliche Zustände beklagt haben – vergeblich.

Zusammengestellt von G. Haschnik.

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