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Die S&K Unternehmensgruppe soll über 10.000 Menschen betrogen haben.

Prozess S&K

S&K - die unendliche Kriminalgeschichte

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eSie fanden „Zettel’s Traum“ langatmig? Besuchen Sie demnächst den „S&K“-Prozess im Frankfurter Landgericht. Die Anklageschrift umfasst mehr als 3000 Seiten. Verlesen werden vor Gericht nur 1300 Seiten. Doch das wird dennoch Tage dauern.

Alexandre Dumas erzählt das Leben des Edmond Dantes. Der wackere Seemann wird Opfer einer komplexen Intrige, zu deren Gelingen mehrere Straftaten notwendig sind. Er schmachtet jahrelang im Kerker, flieht, findet einen Schatz und rächt sich ausgiebig an seinen Peinigern, wobei wiederum etliche Straftatbestände erfüllt werden. Dumas benötigt dafür 178 Seiten (Kindle-Version), und niemand kann sagen, er fühle sich nach Lektüre des Buches unzureichend informiert über Edmond Dantes‘ Vita. Wer zu faul zum Lesen ist, für den gibt es „Der Graf von Monte Christo“ auch als Hörbuch. Mit Musik.

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft erzählt demnächst die Geschichte von Stephan S. und Jonas K. Die beiden juvenilen Taugenichtse hatten in Frankfurt ein florierendes Schneeballsystem mit Schrottimmobilien namens S&K etabliert, Anleger um mindestens eine Viertelmilliarde Euro betrogen, in ihrer Freizeit in Geldmünzen gebadet (echt ehrlich!) und Werbepartys mit halbnackten Damen, ganz nackten Elefanten, komplett angezogenen Chuck-Norris-Doubles und Zuhälterautomobilausstellung geschmissen. Sagt zumindest die Staatsanwaltschaft. Sie sagt das auf mehr als 3000 Seiten, kleingedruckt, DIN A 4.

In einem Anflug der Gnade hat die Staatsanwaltschaft beschlossen, davon nur 1300 Seiten im Prozess zu verlesen. Doch schon jetzt ist klar, dass allein das Verlesen der Anklage mehrere Verhandlungstage dauern wird. Da nicht täglich verhandelt wird, dürfte sich die Vorleserei über mehrere Wochen erstrecken. Die Staatsanwalt verteidigt die epische Breite mit der Fülle des Beweismaterials und der Komplexität des Falles. Die Öffentlichkeit, sagen die anklagenden Ermittler, habe ein Recht auf umfassende Information. Und den bislang mit der Materie nicht befassten Schöffenrichtern müsste so ein umfassender Einblick gewährt werden.

Wehe denen, die müssen

Das mag juristisch alles gut und recht sein. Was die Öffentlichkeit angeht: Niemand, der bei Sinnen ist, wird sich freiwillig diese Anklage anhören. Und wehe denen, die müssen. Den armen Schöffenrichtern, die nicht weglaufen dürfen, wird wie Kaiser Rotbart lobesam im Kyffhäuser die Gesichtsbehaarung durch den Tisch wachsen. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ist an juristischen Talenten reicher als an rhetorischen. Und es steht zu befürchten, dass die Vita der beiden Millionenbetrüger auf 1300 Seiten selbst dann kein Spaß wäre, wenn Wolf Haas sie verfasste und Rufus Beck und Martin Semmelrogge sie mit verteilten Rollen sprächen. Nicht mal mit Musik.

„Man darf über alles reden. Nur nicht über zehn Minuten.“ Das hat Kurt Tucholsky gesagt, aber zugegeben: der alte Kurt war mitunter ein bisserl streng. Aber eine Anklage mit dem Umfang einer Charles-Dickens-Gesamtausgabe, das ist dann doch ein wenig stark. Wenn einem denn an Öffentlichkeit gelegen ist – und das ist es der Frankfurter Staatsanwaltschaft durchaus – dann heißt das ja nicht, dass man einen Wirtschaftsprozess als knackiges Spektakel inszenieren muss. Es hilft aber auch nichts, die arme Öffentlichkeit mit einer unendlichen Gutenachtgeschichte einzuschläfern. Man muss wohl kein Jurist sein, um zu erkennen, dass eine vorzulesende Anklage von 1300 Seiten mit Sicherheit vor allem eins ist: zu lang!

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