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Eine goldfarbene Justitia-Figur steht vor Aktenbergen.

Prozess in Frankfurt

Tochter bei Unfall schwer verletzt: Vater verwarnt

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Ein 46 Jahre alter Mann verursacht unter Alkoholeinfluss mit seinem Motorrad einen Unfall. Seine 13 Jahre alte Tochter wird dabei schwer verletzt. Das Frankfurter Amtsgericht spricht eine Verwarnung aus.

Am 25. Juni 2017 fährt Dirk D. mit seinem Motorrad über die Rosa-Luxemburg-Straße. Er fährt zu schnell, er fährt betrunken (1,3 Promille), mitunter reißt er dermaßen am Gas, dass das Vorderrad abhebt. Seine damals 13 Jahre alte Tochter Sarah trägt auf dem Soziussitz immerhin einen Helm, sie trägt aber eine kurze Hose und eine leichte Sommerjacke. Bei einem gewagten Überholmanöver gerät er gegen die Straßenkante und stürzt.

Sarah wird auf die Gegenfahrbahn gegen ein Auto geschleudert und schwer verletzt. Ihr Leben kann durch eine Notoperation gerettet werden, aber die Milz muss entfernt werden. Sie bricht sich beide Arme – der linke ist bis heute taub. Sie hat schwere Kopfverletzungen und wird das nächste halbe Jahr in Krankenhäusern verbringen.

Zwei Tage nach dem Unfall erwacht Dirk D. im Krankenhaus. Er erwacht ganz allein. 2014 ist seine Frau, die Mutter der drei gemeinsamen Kinder, gestorben, einfach so, nachts im Bett, auch eine Obduktion brachte keinen Hinweis auf die Todesursache. Seitdem ist er alleinerziehender Vater. Jetzt will sein ältester Sohn nichts mehr von ihm wissen, die Tochter liegt im Krankenhaus, den jüngsten Sohn nimmt das Jugendamt in Obhut.

Dirk D. fehlt heute die Erinnerung an diesen Tag. Er kann sich – ebenso wenig wie seine Tochter – erklären, was ihn dazu bewogen habe, betrunken mit ungeschützter Tochter durch die Stadt zu rasen. Das sei nicht seine Art.

Führerschein freiwillig abgegeben

Noch im Krankenhaus gibt Dirk D. seinen Führerschein freiwillig ab – und fordert ihn bis heute nicht zurück. Mindestens ein Jahr lang trinkt er keinen Tropfen Alkohol – freiwillige Tests beweisen das. Auch jetzt trinke er nicht, sagt er. Sobald er kann, besucht er seine Tochter jeden Tag im Krankenhaus – bis er wieder arbeiten muss, dann nur noch jeden zweiten. Er schreibt seinen Kindern lange Entschuldigungsbriefe. Er schämt sich abgrundtief.

Er habe „selten so ein vorbildliches Nachtatverhalten“ erlebt, lobt der Richter, und auch die Staatsanwältin hat am Ende keine Einwände, dass Dirk D. am Ende lediglich verwarnt und eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 40 Euro unter Vorbehalt gestellt wird. Der 46-Jährige ist nicht vorbestraft, hat nicht einmal Eintragungen im Verkehrsregister. Das Gericht wolle „nicht das kaputtmachen, was wieder zusammengewachsen ist“, heißt es in der Urteilsbegründung.

In der Tat: Sarah D. hat ihrem Vater verziehen, im Gerichtssaal sucht sie seine Nähe, sie wohnt wieder bei ihm. Trotz diverser Handicaps läuft es bei ihr in der Schule so gut wie nie – mit Hilfe ihrer Mitschüler, die sie selbst während eines Klinikaufenthalts in der Schweiz mit Lernstoff versorgt hatten, musste sie nicht einmal das Schuljahr wiederholen. Sie will jetzt Abi machen und Psychologie studieren. Vor ein paar Wochen erschien der älteste Sohn auf Dirk D.s Arbeitsstelle und versöhnte sich mit seinem Vater. Er wohnt jetzt wieder bei seinem Vater. Und auch der jüngste Sohn darf zurück, das Jugendamt hat keine Bedenken, bereits Weihnachten könnte die Familie wieder vereint sein.

„Er lebt für seine Kinder“, sagt seine Verteidigerin. „Ich werde immer für sie da sein“, sagt Dirk D., „als Vater – und als Täter.“

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