Prozess in Frankfurt

Schwester gibt tödlichen Schlummertrunk

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Eine Krankenschwester verwechselt zwei Medikamente und gibt einer Patientin versehentlich eine tödliche Dosis Methadon. Vor Gericht schweigt die Frau zu der Tat. Zwei Ungereimtheiten geben Rätsel auf.

Was ist der Unterschied zwischen Methadon und Melperon? Was klingt wie eine Scherzfrage aus einem Ärzte-Fachblatt, ist die Grundlage für einen Prozess um fahrlässige Tötung, der gestern am Landgericht Frankfurt begann. Die kurze Antwort auf die Frage lautet übrigens „vier Buchstaben“, die umfassende Antwort suchen Staatsanwaltschaft und die Richterin noch an zwei Folgeverhandlungstagen.

Am 1. Juni 2015 wurde das Opfer Marion J. in das Uniklinikum eingeliefert. Sie klagte über Atembeschwerden und wurde mit Verdacht auf ein Lungenödem stationär behandelt. Die 63-Jährige war starke Raucherin gewesen, hatte jedoch seit einem Jahr keine Zigarette mehr angerührt. Trotzdem vermuteten die Ärzte nach einigen Untersuchungen bei ihr Lungenkrebs und sogar Metastasen in der Leber. Ihr Stadium wurde als kritisch eingeschätzt. Da sie an jenem Juniabend schlecht einschlafen konnte, verordnete ein Arzt ihr Melperon. Und genau hier kommen die anfangs erwähnten vier Buchstaben wieder ins Spiel.
 

Statt Melperon, einem Beruhigungsmittel, das bei Schlafstörungen und Spannungszuständen zur Anwendung kommt, holte die Angeklagte Aleksandra K. bei der Medikamentenausgabe Methadon. Das ist seines Zeichens ein Heroin-Ersatzstoff und ein Opioid. Gerade bei Menschen, die keine Drogenvorerfahrung und damit keine Resistenzen haben, wirkt Methadon unberechenbar. Hinzu kam, dass die verabreichte Dosis die bei Drogenabhängigen übliche Menge um das Zehnfache überstieg.

Ungewöhnlich hohe Dosis

Nachdem J. das falsche Medikament geschluckt hatte, verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand rapide, und sie musste in der Nacht sogar wiederbelebt werden. Die Gabe eines Gegenmittels verbesserte ihre Beschwerden nur kurzzeitig. Alle Versuche der Ärzte, die ins Koma gefallene Frau zu retten, schlugen fehl, sodass sie am 12. Juni schließlich starb.

Die heute 26-jährige Angeklagte verweigerte beim Prozessauftakt die Aussage, räumte jedoch die Methadongabe ein. Sie war damals als Leihkrankenschwester in der Uniklinik beschäftigt. Der ermittelnde Polizeibeamte hatte bei seinen Untersuchungen erfahren, dass die Frau erst seit kurzer Zeit im Krankenhaus arbeitete, nur „gebrochen Deutsch“ sprach und dass am Tatabend „viel los gewesen“ sei. Die Kollegen erzählten, dass sich K. anschließend „große Vorwürfe gemacht“ habe.

Unklar blieb am ersten Tag, warum im Leichenschein die Ursache „natürlicher Tod“ angegeben wurde. Deshalb fand auch keine Obduktion der 63-Jährigen statt. Auch blieb offen, warum der Medikamentenausgabe die Verwechslung nicht aufgefallen war, besonders da die hohe Dosierung schon ungewöhnlich gewesen sein müsste. Das Gericht muss nun klären, ob J. allein an der Gabe des Methadons gestorben ist oder ob noch andere Umstände im Zusammenspiel den Tod verursacht haben. mic

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