Aus dem Gericht

Der Schatten im Milchglas

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Schaurige Zeugenaussage im Prozess um Mord vor 27 Jahren.

Im Fall der im September 1991 in ihrer Wohnung in der Windmühlstraße ermordeten Maria H. hat am Dienstag die Tochter des Opfers ausgesagt. Es war eine Zeugenaussage mit schaurigen Zwischentönen.

Angeklagt ist der mittlerweile 47 Jahre alte Orhan S., der sich in den 90ern seine Drogensucht durch eine Vielzahl von Einbrüchen finanziert hatte. Am Tatort hatte er einen Fingerabdruck hinterlassen. Der aber landete erst bei den Akten, nachdem der Dauerkriminelle 1997 in die Türkei abgeschoben worden war. Als er 2017 wieder nach Deutschland einreiste, wurde er verhaftet.

Am Dienstag erzählte nun die 70 Jahre alte Tochter des Opfers, Margarethe H., wie sie den Tattag erlebte. Nach dem Tod ihres Vaters sei ihre Mutter zu ihr und ihren zwei Söhnen gezogen, die Wohnung in Bornheim sei zu klein geworden, in der Windmühlstraße habe sie eine größere Bleibe gefunden. Die Mutter habe schon dort gewohnt, sie selbst habe an diesem Tag letzte Hand in der alten Wohnung anlegen wollen, Möbelpacker sollten den Rest erledigen.

Doch während des Putzens in der alten Wohnung habe sie plötzlich laut und deutlich gehört, wie ihre abwesende Mutter wie in höchster Not dreimal ihren Namen gerufen habe. Sie habe weder davor noch danach in ihrem Leben Stimmen gehört, sagte die Zahnärztin, die einen durchaus erdverbundenen Eindruck macht.

Sie sei in Sorge gewesen und sofort in die Windmühlstraße gefahren, wo sie erst einmal an der Tür geklingelt habe. Aber niemand habe geöffnet. Dann habe sie durch die Milchglasscheibe der Tür einen Schatten gesehen. Erst habe sie gedacht, es sei ihre Mutter – aber der Schatten habe schwarzes Haar gehabt und ein schwarzes Oberteil getragen, ihre Mutter aber sei grauhaarig gewesen und habe an dem Tag eine weiße Schürze getragen. Die Tür aber sei zu geblieben.

„Was ist denn dieser Möbelpacker für ein Arsch?“, sei ihr erster Gedanke gewesen. Dann habe sie die Tür aufgeschlossen – und die Mutter auf dem Bett liegend gefunden, den Kopf mit einem Kissen bedeckt, röchelnd, blutend, das Hörgerät neben dem Ohr, das Gebiss im Rachen. Die Schubladen der Vitrine seien geöffnet gewesen. Und der Schatten verschwunden.

Sein Mandant bestreite den Mord, erklärt sein Anwalt zu Beginn des zweiten Verhandlungstags. Er sei in seiner Jugend gewiss ein schlimmer Hallodri gewesen, der manchen Einbruch auf dem Kerbholz habe – was auch seine Fingerabdrücke in der Wohnung erkläre. Sein Mandant sei in zweifacher Hinsicht Spezialist gewesen: „Er war besonders versiert im Öffnen von Türen und Fenstern“, aber ebenso versiert „flüchtete er aus Eingangstüren, Terrassentüren und Fenstern“, nämlich dann, wenn die Bewohner ihn überrascht hätten. Sein Mandant sei kein gewalttätiger Mensch. Außer damals bei der Sache mit der Vergewaltigung vielleicht, oder bei der Massenschlägerei auf dem Höchster Schlossplatz. Präziser wird er nicht. Das Vorstrafenregister von Orhan S. war am Dienstag noch kein Thema, das könnte noch interessant werden.

Der Prozess vor der Jugendkammer wird fortgesetzt. Demnächst soll die Jugendgerichtshilfe gehört werden. Orhan S. war zur Tatzeit 19 Jahre alt.

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